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Aktuell / Archiv | Beitrag vom 07.05.2018

1968 und die Neue MusikHeiliger Ernst und teuflischer Spaß

Von Werner Klüppelholz

Der Sprecher im Stück, Charles Regnier (M), diskutiert mit Zuhörern. Die Uraufführung des Oratoriums "Das Floß der Medusa" von Hans Werner Henze am 09.12.1968 in der Halle B von Planten und Blomen in Hamburg musste abgebrochen werden.  (picture alliance / dpa)
Der Sprecher im Stück, Charles Regnier (M), diskutiert mit Zuhörern. Die Uraufführung des Oratoriums "Das Floß der Medusa" von Hans Werner Henze am 09.12.1968 in der Halle B von Planten und Blomen in Hamburg musste abgebrochen werden. (picture alliance / dpa)

Im Konzert still zuhören müssen, ohne laut mitsingen zu können: Das ist eindeutig autoritär, ebenso die Noten einer Partitur oder die Anweisungen eines Dirigenten. Der weltweite Kampf gegen Herrschaft und Autorität hatte in den Jahren nach 1968 auch die Neue Musik erfasst.

Improvisationsgruppen wurden gegründet, musikalische Laien durften mitspielen, kreativ zu werden stand jedem frei. Ein Schlüsselwort der Epoche hieß Partizipation, was etwa 1970 zu einer Revolte bei den Darmstädter Ferienkursen führte.

Die ungeheure Politisierung aller gesellschaftlichen Bereiche fand ebenfalls in der Neuen Musik statt. Auf der Bühne, wo Opern über Revolutionsführer inszeniert oder wenigstens rote Fahnen gezeigt wurden und - "Raus aus dem Elfenbeinturm!" - jenseits der Bühne, wo Komponisten auf die Straße gingen, um mit Musik beispielsweise Demonstrationen zu unterstützen oder - wie Luigi Nono und Hans Werner Henze - den Ruf nach Veränderung der Verhältnisse mit Wurfgeschossen zu akzentuieren.

Andere versuchten hingegen, aus der Musik selbst heraus politisch zu wirken, etwa durch die Enthüllung von Manipulationstendenzen im musikalischen Material. Peter Brötzmann, Nicolaus A. Huber, Thomas Kessler, Rolf Riehm, Dieter Schnebel, Urs Peter Schneider, Gerhard Stäbler, Walter Zimmermann und andere erinnern sich an diese äußerst bewegte Zeit und ziehen zur heutigen Situation einen Vergleich - der nicht unbedingt erbaulich ausfällt.

Heiliger Ernst und teuflischer Spaß
1968 und die Neue Musik
Eine Sendung in vier Teilen von Werner Klüppelholz

Teil 1:
Die Ursachen des Aufstands und wie sich die Komponisten mit Werken (oder Wurfgeschossen) in die Bewegung einreihten.
08.05.2018, 0.05 – 1.00 Uhr, Neue Musik

Teil 2:
Die Früchte am Baum der Revolution: Konzertstörungen, Kollektivkompositionen, Partizipation, Straßenmusik, Darmstädter Ketzereien.
15.05.2018, 0.05 – 1.00 Uhr, Neue Musik

Teil 3:
Von der saxofonspielenden Kuh oder: Kann Musik politisch sein?
22.05.2018, 0.05 – 1.00 Uhr, Neue Musik

Teil 4:
Die Veteranen blicken zurück: Was war gut, was blödsinnig, und was ist heute gut und blödsinnig?
29.05.2018, 0.05 – 1.00 Uhr, Neue Musik

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