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Tonart | Beitrag vom 12.09.2016

1966 - Der Motown-SoundTanzt auf der Straße, habt keine Angst!

Von Klaus Walter

Martha & The Vandellas in den 1960ern: Ihren größten Erfolg hatten sie mit "Dancing in the Street". (imago / ZUMA Press)
Martha & The Vandellas in den 1960ern: Ihren größten Erfolg hatten sie mit "Dancing in the Street". (imago / ZUMA Press)

1966 ist auch das Jahr des Soul. Plattenfirmen wie STAX in Memphis und Motown in Detroit künden vom neuen Selbstbewusstsein vieler Afroamerikaner. Vermeintlich unpolitische Hits werden zum Soundtrack der großen Demonstrationen der Bürgerrechtsbewegung.

"Detroit, Michigan, Motortown, Motown, This is The Motown Sound”

1966 ist er auf dem Gipfel des Erfolges, der Sound aus der Autostadt Detroit. Motown steht für das Aufstiegsmodell namens Black Capitalism: Eine schwarze Plattenfirma mit schwarzen Künstlerinnen und Künstlern und einem schwarzen Chef.

Der Motown-Records-Gründer Berry Gordy Jr. bei einem interaktiven Studenten-Musik-Workshop im Weißen Haus in Washington am 24.2.2011 (imago / ZUMA Press)In Detroit gründete Berry Gordy Jr. im Jahr 1959 das Motown-Label. (imago / ZUMA Press)

Berry Gordy Jr.: "Da waren all die Leute aus dem Ghetto, sie wollten Musik machen für die Gegenwart, sie wollten eine positive Kraft in der amerikanischen Musik sein. Ich wollte immer Songs schreiben, aber ich wusste nicht so recht wie, also habe ich beschlossen, meine Sachen selbst zu produzieren."

Eine Fabrik für Hits am Fließband

Also gründet Berry Gordy Jr. seine eigene Firma und wird einer der größten schwarzen Unternehmer im amerikanischen Showbusiness. Nach dem Vorbild der Detroiter Motorenfabriken baut er eine Musikfabrik auf, er will die Hits am Fließband produzieren wie Ford und General Motors ihre Autos. Seiner Firma gibt er den Namen Motown. Und schon bald rollen die Hits vom Band.

Martha & The Vandellas, Dancing in the street, zu einem brandneuen Beat tanzen Millionen von Amerikanern in den Clubs und später auch auf der Straße. Der Song bringt die Verhältnisse zum Tanzen. Die Sängerin Martha Reeves erinnert sich:

"Es war eine schwere Zeit in den USA, viel Gewalt, viele Aufstände. Ich glaube, die Autoren des Songs waren davon inspiriert. Wir wollten die Leute dazu bringen, zu tanzen anstatt zu kämpfen oder zu plündern. Wir waren froh, dass wir dieses Lied singen durften."

Der eigentlich harmlose Aufruf zum Tanzen auf der Straße, "Dancing in the street" entwickelt eine Eigendynamik und Langzeitwirkung. Der Song wird politisch, gegen die eigene Intention. Wer öffentlich auf der Straße tanzt, der macht sich sichtbar, und Sichtbarkeit ist nicht vorgesehen für schwarze Amerikaner in den 60ern. Alles was wir brauchen ist Musik, singt Martha Reeves und dann – getragen vom offenbar grenzenlosen Optimismus dieser Zeit - formuliert sie noch ein Gleichheitsversprechen: Es ist egal, was du trägst, wo du herkommst, welche Hautfarbe du hast. "Dancing in the street" wird zu einer Fanfare der Mobilisierung: Zeigt euch, bewegt euch, tanzt auf der Straße! Habt keine Angst!

Inspiriert von "Dancing in the street" organisiert der junge Aktivist James Meredith einen Marsch gegen die Angst:

"I knew for a long time that fear was the all pervading force that kept the white supremacy effective.”

Die weiße Vorherrschaft basiert auf Angst

Angst ist die alles durchdringende Kraft, die die weiße Vorherrschaft zementiert. Sagt James Meredith und deswegen begibt er sich auf den March Against Fear, den Marsch gegen die Angst. Es ist der 6.Juni 1966. Als Protest gegen den Rassismus im Süden der USA will der junge Afroamerikaner Meredith die 220 Meilen von Memphis, Tennessee nach Jackson, Mississippi zu Fuß zurücklegen. Damit will er schwarze Amerikaner dazu ermutigen, ihr Wahlrecht wahrzunehmen. Meredith kommt nicht weit. Am zweiten Tag seines Protestmarschs wird der junge Schwarze von drei Kugeln getroffen, der Schütze ist ein Weißer. Meredith kommt ins Krankenhaus, an seiner Stelle setzen Aktivisten der Bürgerrechtsbewegung den Marsch gegen die Angst fort, darunter Martin Luther King, Stokeley Carmichael - und D´Army Bailey:

"Challenging the culture of fear…"

Sie wollten die Kultur der Angst herausfordern, sagt D´Army Bailey, der damals mitmarschiert ist.

Ein Anschlag als Startschuss für Black Power

So erweist sich der Anschlag auf James Meredith ironischerweise als Startschuss für die bis dahin größte Mobilisierung der Bürgerrechtsbewegung und als Initialzündung für die massenhafte Verbreitung einer neuen Parole: Black Power!

"Why do white people in this country associate Black Power with violence?"

Warum verbinden die Weißen in diesem Land Black Power mit Gewalt?

Fragt Stokeley Carmichael, neben Martin Luther King einer der wichtigsten Sprecher der Bürgerrechtsbewegung, bei seiner berühmten Rede über Black Power am 30. Juli 1966 in Detroit. Der britische Pop-Historiker Jon Savage:

"1966 ging die Schwarze Musik mehr und mehr mit der Bürgerrechtsbewegung zusammen. Über zehn Jahre lang war die Bewegung immer größer geworden. Vor allem unter der Anleitung von Martin Luther King wurde sie zu einer bedeutenden Kraft in der amerikanischen Gesellschaft. Und es gab Tragödien bei den Zusammenstößen der Bewegung mit den staatlichen Autoritäten, vor allem im Süden. 1966 engagierten sich auch Musiker für die Bewegung, die sich vorher nur ums Entertainment gekümmert hatten. Nun veröffentlichten diese Musiker ihre eigenen Statements und eines der ersten ist 'Blowin´ in the wind' von Stevie Wonder."

Mit Fliege und Mundharmonika: der junge Stevie Wonder in den 1960ern (imago / ZUMA Press)Mit Flieg und Mundharmonika: der junge Stevie Wonder in den 1960ern (imago / ZUMA Press)

Stevie Wonder covert Bob Dylan

Im Zuge der großen Demonstrationen im Süden der USA klettert der 16-jährige Stevie Wonder bis auf Platz Neun der Charts. Der ehemalige Kinderstar der Firma Motown singt den Bürgerrechtshit des weißen Protestsängers Bob Dylan. Wie lange müssen Menschen hier leben, bevor sie frei sein dürfen? Fragt Dylan 1963. Drei Jahre später aus dem Munde des Schwarzen Stevie Wonder bekommt diese Frage eine ganz neue Brisanz.

Bei den Demonstrationen werden die schwarzen Soulhits der Stunde angestimmt:

"Land of a 1000 dances", das Land der tausend Tänze. Auf der Straße entwickelt der Version von Wilson Pickett eine kämpferische Power. Der 25-jährige Sänger nahm diesen schon dutzendfach gecoverten Songs auf, wie ihn noch niemand gehört hatte: mit rasendem Bass, messerscharfen Bläsern und einer Stimme, die keine Zweifel lässt. Wilson Picketts Interpretation von "Land of Thousand Dances” strotzt nur so von Mut, Stolz und Trotz. Diese definitive Version ist ein Indiz dafür, wie die Musik des schwarzen Amerika mit ihren politischen Anklängen 1966 ein Massenpublikum erreicht und damit auch die Charts.

In unserer 6-teiligen Reihe "1966 – das Jahr, als die Popkultur explodierte" stellt Klaus Walter die unterschiedlichen Wechselwirkungen zwischen Zeitgeschichte und Pop/Rock dar. Jeweils montags in der Tonart am Nachmittag.

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