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Das politische Buch / Archiv | Beitrag vom 01.09.2006

1923 - Entscheidungsjahr einer Epoche

Ernst Nolte: "Die Weimarer Republik"

Rezensiert von Lorenz Jäger

Coverausschnitt: Ernst Nolte: "Die Weimarer Republik" (Herbig Verlag)
Coverausschnitt: Ernst Nolte: "Die Weimarer Republik" (Herbig Verlag)

In "Die Weimarer Republik" knüpft Ernst Nolte an seine bekannten Thesen an: Erst die durch die Oktoberrevolution ausgelöste Angst verhalf dem Nationalsozialismus zum Durchbruch. Dabei erklärt Nolte das Jahr 1923 zum Schicksalsjahr einer ganze Epoche - vielleicht nicht zuletzt deshalb, weil der Historiker in diesem Jahr geboren wurde.

Was bietet der neue Nolte? Zunächst, wie der Titel schon andeutet, eine geistespolitische Geschichte, ein Ideologienpanorama, von dem aus die reale Geschichte erst in ihrer Dramatik verständlich wird. Ohne das, was man damals "Weltanschauung" nannte, was in der heutigen pragmatischen Demokratie eher zurücktritt, lässt sich, so glaubt Nolte, kein angemessenes Bild der Ära zeichnen. Das erste Ziel, das er sich setzt, ist das eigentlich selbstverständliche:

"Die möglichst umfassende Kenntnisnahme des Gegenstandes, der Verzicht auf die Artikulierung emotionaler Reaktionen der Bewunderung und der Verwerfung, die Bereitschaft, auch nach der ‚anderen Seite’ vielbekämpfter Phänomene zu fragen, der Versuch, den ‚rationalen Kern’ bestimmter Thesen und Verhaltensweisen zu eruieren, die Abwägung zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten der Interpretation."

Aber gerade um die Frage, ob diese Haltung angesichts des Nationalsozialismus nicht an die Billigung der Verbrechen grenze, dreht sich der Streit um Nolte seit langem. Nur soviel sei hier gesagt, dass in dem neuen Buch durchaus von den "singulären Untaten der zweiten Kriegshälfte" die Rede ist. Gleichzeitig bekräftigt Nolte seine These, und zwar am Material der Quellen, dass erst die Angst vor der in Russland zur Wirklichkeit gewordenen Vernichtungsdrohung gegen das Bürgertum der Antwort des Nationalsozialismus zum Erfolg verhalf:

"Wer nur Deutschland im Blick hat, mag von ‚Propaganda’ reden, wer den internationalen Kontext und insbesondere das sowjetrussische Beispiel berücksichtigt, wird für die radikalen Reaktionen der deutschen Zeitgenossen mehr Verständnis haben."

Die Frage der Schuld am Ausbruch und an der Führung des Ersten Weltkriegs wird von dem Berliner Historiker als Hauptschlüssel zum Verständnis der Epoche ausgemacht. Denn diese Frage stellte sich zunächst innenpolitisch: die kommunistische und zum Teil auch die sozialdemokratische Linke sah die Hauptverantwortlichen jener Katastrophe, die Millionen von Menschenleben gefordert hatte, in den industriellen Großkapitalisten und den agrarischen Junker. Aus der Beantwortung der Kriegsschuldfrage folgte also der Klassenkampf. Ebenso sehr war die Diskussion der Kriegsschuld nach dem Versailler Vertrag und den aufeinander folgenden Plänen zur Aufbringung der Reparationszahlungen, oder gar zur Revision von Versailles zumal im Osten gegenüber Polen, von allererster außenpolitischer Bedeutung. Zu den Verdiensten Noltes gehört der hier sehr unterstrichene Nachweis, dass auch ein allseits anerkannter Friedenspolitiker wie Gustav Stresemann in diesem Sinne "revisionistisch" dachte, oft sind überhaupt die Unterschiede weniger in der Sache zu finden als im Ton, der bei den bürgerlichen Politikern maßvoll bleibt, bei den Extremisten von rechts und links aber jede Vernunft vermissen lässt.

Dann, nicht zu vergessen, finden wir bei Nolte eine sozialpolitische Analyse, die sich den positiven Leistungen der Weimarer Republik widmet. Die Kulturgeschichte aber kommt nur insoweit vor, als Dichter und Denker in oder zwischen den Ideologien Posten bezogen, Nolte hat dafür den schönen Begriff der "engagierten Reflexion" gefunden. Und die Frage, der er dabei nachgeht, lautet: wer war in welchem Maße bereit, dem innenpolitischen Gegner bei allem Widerstreit auch ehrenwerte Motive zuzugestehen. Hier also finden wir Max Horkheimer und Ernst Bloch auf der Linken, Oswald Spengler und Ernst Jünger auf der Rechten. Ein wenig besser scheint die Linke doch abzuschneiden, auch wenn deutlich wird, mit welcher zumindest verbalen Brutalität selbst die Humanisten aufwarten konnten. Walter Benjamins Satz aus seinen "Geschichtsphilosophischen Thesen", gemünzt auf die Oktoberrevolution, aber auch als Maxime einer erhofften deutschen gedacht, bringt auf den Begriff, was hier gemeint ist: "Kein Ruhm dem Sieger, kein Mitleid dem Besiegten." Man muss sich immer wieder klarmachen, dass durchaus nicht nur die sowieso verrohten, sondern gerade die zartesten, sensibelsten Menschen damals solche Sätze niederschreiben konnten. Aber künstlerische Erscheinungen, an denen die Weimarer Republik doch ungemein reich war, treten nicht eigentlich in Noltes Blickfeld – sicher, es wäre eine uferlose Aufgabe gewesen, auch noch den Kulturkampf zwischen dem Bauhaus und der "deutschen Kunst", den so heftig ausgefochtenen Streit zwischen modernem Flachdach und traditionellem Giebel mit in Betrachtung aufzunehmen. Innerhalb dieser Grenzen ist Noltes Abriss der Weimarer Republik ein hervorragendes und überaus lesbares Buch.

Man kennt die Zeilen aus den "Urworten. Orphisch" von Goethe über Gründe und Grenzen der menschlichen Freiheit: "Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen, / Die Sonne stand zum Gruße der Planeten, / Bist alsobald und fort und fort gediehen / Nach dem Gesetz, wonach du angetreten." Nur dass es nicht immer die Planeten sein müssen. Auch andere, irdischere Mächte treten in prägende Konstellationen.

Noltes neues Buch ist für den aufmerksamen Leser auch ein Schlüssel zur Existenz und zum Lebenswerk dieses Historikers. Nolte wurde 1923 geboren, und just dieses Jahr, dem er ein eigenes Kapitel widmet, wird ihm zum Entscheidungsjahr der Epoche. Schwerlich, so schreibt er, sei eine solche Fülle von bedeutenden Ereignissen in der Weltgeschichte je auf so engem Raum zu finden. Die Inflation wurde zur Hyperinflation, im Oktober 23 war der Dollar 4,2 Billionen Mark wert. Im November versuchte Hitler seinen Münchner Putsch, aber schon einen Monat zuvor hatten die Kommunisten, durch sowjetische Militärberater verstärkt, den "Deutschen Oktober" geplant, aus dem dann nur der schnell zusammenbrechende Hamburger Aufstand unter dem späteren KPD-Führer Ernst Thälmann wurde.

"Nie zuvor befand sich das Schicksal Deutschlands zwischen zwei radikal entgegengesetzten Möglichkeiten so in der Schwebe, wenn auch keiner von ihnen die Chance der Dauerhaftigkeit zugesprochen werden konnte."

Im Westen, im Rheinland und vor allem in der Pfalz, kam es zu separatistischen Umsturzversuchen. Nicht von den Belgiern, wohl aber von den Franzosen wurden sie unterstützt. Vor allem:

"Das Jahr 1923 begann, als politische Größe und Zeitraum der akutesten Krise der Weimarer Republik, nicht am 1. Januar, sondern am 11. Januar 1923, dem Zeitpunkt des Einmarsches der Franzosen in das Ruhrgebiet."

Erst damit nämlich war die Radikalisierung umfassend, rechts und links ergreifend: Die Krise war eine der Nation, deren Bestand auf dem Spiel stand, und sie war ökonomisch und sozial, indem sie per Inflation den Mittelstand enteignete. Und tatsächlich ging die kommunistische Putschgefahr der nationalsozialistischen voraus. Muss man noch erwähnen, dass Nolte an jenem historischen Datum des 11. Januar 1923 geboren wurde? Und ist sein Leben nicht der einzigen Aufgabe gewidmet, die Bedingungen und die Folgen dieses einen Datums zu erhellen?

Ernst Nolte: Die Weimarer Republik. Demokratie zwischen Lenin und Hitler
Herbig Verlag/München, 2006

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