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Interview | Beitrag vom 23.09.2019

175 Jahre StruwwelpeterGegenentwurf zum lieblichen Biedermeier-Kind

Linda Schmitz im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Das Foto zeigt einen Schauspieler, der am Volkstheater Rostock den Struwwelpeter spielt. (dpa / dpa-Zentralbild / picture alliance / Bernd Wüstneck)
"Shockheaded Peter" am Volkstheater Rostock: Der Struwwelpeter hat es auch bereits unzählige Male auf die Bühne geschafft. (dpa / dpa-Zentralbild / picture alliance / Bernd Wüstneck)

Zum 175. Geburtstag des Struwwelpeter zeigt eine Ausstellung, wie sich Illustratoren und Künstler mit der Figur auseinandergesetzt haben. Die Kuratorin Linda Schmitz wirbt für einen neuen Blick auf das widerständige Kind mit dem langen Haar.

Liane von Billerbeck: 175 Jahre her, da erfand der Frankfurter Arzt Heinrich Hoffmann den Struwwelpeter, und rund um den Geburtstag des Bilderbuches mit seinen Geschichten von Paulinchen, dem fliegenden Robert und dem Zappelphilipp gibt es jetzt eine interessante Ausstellung, seit gestern zu sehen in der Ludwiggalerie im Schloss Oberhausen. Linda Schmitz ist die Kuratorin. In Ihrer Ausstellung setzen sich ja Illustratoren und Künstler mit dem Struwwelpeter auseinander, und zu denen gehört auch Jan Böhmermann, er hat den Kinderbuch-Klassiker im letzten Jahr fürs Fernsehen aktualisiert und erklärt hier mal fix seine Beweggründe.

Jan Böhmermann: Der Struwwelpeter ist total verbuddelt – entweder wird er ironisch gelesen oder gar nicht oder vergessen. Und wir haben uns gedacht: Nein, da steckt so viel deutsche DNA drin, da ist so viel Alemannentum und so viel Kartoffeligkeit in dem Ding, das ist so prägend dafür, wie wir Erziehung sehen und woher wir kommen, das müsste man sich eigentlich mal anschauen und mit dem 2018er-Auge mal lesen.

Hoffmann parodiert das typisch Deutsche

von Billerbeck: Das hat er gesagt vor einem Jahr, Jan Böhmermann. Kartoffeligkeit ist ein schönes Wort. Frau Schmitz, steckt so viel Kartoffeligkeit, so viel deutsche DNA tatsächlich im Struwwelpeter?

Schmitz: Ja, eigentlich finde ich das jetzt ganz witzig, weil Jan Böhmermann parodiert das so ein bisschen, dieses typisch Deutsche – und eigentlich macht Heinrich Hoffmann das 1844 auch, weil er bricht damit ein bisschen aus dem Biedermeier aus und liefert so einen klassischen Gegenentwurf zum Kind, was damals in den Büchern zu sehen war.

Das finde ich ganz spannend, weil man muss sich zurückversetzen in die Zeit, aus der das Buch kommt, 1844, mit seinen politischen Unruhen. Und im Biedermeier war eben das Kindheitsbild ein ganz, ganz liebliches, und das war Heinrich Hoffmann viel zu langweilig.

Der hat gesagt: So sehen Kinder nicht aus, und mit Büchern, wo drin steht, sei reinlich und sei artig, damit können Kinder nichts anfangen. Und da hat er einen ganz extremen Gegenentwurf entwickelt mit dem Struwwelpeter, wo auf einmal unartige Kinder waren, wo karikierende Figuren zu sehen waren, das war was völlig Neues und auch was Revolutionäres.

von Billerbeck: Das wollte ich gerade fragen, das ist revolutionär, was Sie da beschreiben, also ganz anders, als das, was eben Jan Böhmermann beschrieben hat. Von wegen deutsche Kartoffeligkeit!

Schmitz: Aus der heutigen Sicht kann man sich das, glaube ich, nicht mehr so vorstellen, da tut man das dann schnell mal ab oder denkt, das ist doch schwarze Pädagogik, weil den Kindern wird Angst gemacht.

Die Angst ist nur eine Facette

von Billerbeck: Ist es nicht?

Schmitz: Ja, das ist nicht weitreichend gedacht, wenn man nur sagt, das ist schwarze Pädagogik, weil Kindern wird Angst gemacht. Das ist eben eine Facette, dass das Buch natürlich manchen Kindern Angst macht. Aber das war zum einen nicht Hoffmanns Intention, und zum anderen ist das auch nicht einfach in jeder Geschichte so und natürlich auch nicht auf jedes Kind und auf jeden Leser übertragbar. Also viele Leute finden das ja gerade faszinierend oder schön-schaurig. Also man darf sich ja auch in der Kinderliteratur mal mit gruseligen Momenten auseinandersetzen oder es darf auch Angst vorkommen.

von Billerbeck: Ja klar, die kennt man ja auch aus anderen Märchen, Andersen, Grimm, da gibt es das jetzt auch. Warum übt dann aber nun ausgerechnet der Struwwelpeter bis heute so eine Faszination auf Leser und Künstler aus? Ist das pure Nostalgie oder woran liegt das?

Schmitz: Ich denke, das liegt daran, dass die Bilder so unglaublich prägnant sind, weil wir alle kennen den Struwwelpeter, wir kennen dieses Bild, wo er die riesige, zerzauste Mähne über den Kopf hat, die abstoßend langen Fingernägel, wir alle kennen das Paulinchen mit dem brennenden Kleid, und die Figuren sind so einfach gezeichnet und auf eine karikierende Art, dass sie sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben.

Kinder kennen bis heute diese Figuren noch, auch wenn das Buch nicht überall noch eins zu eins vorgelesen wird. Aber in dieser Einfachheit liegt so ein Stück weit auch das Phänomen, was bis heute anhält. Und hinzu kommen natürlich die sehr prägnanten, kurzen Reime, die Hoffmann ja ganz locker dahergedichtet hat, und das übt eben bis heute seine Strahlkraft aus.

Der Versuch, Kinder zu erziehen

von Billerbeck: Sie haben es ja vorhin schon so ein bisschen erwähnt, wie hat sich der Blick auf Kinder heute verändert? Der Struwwelpeter, da würde wahrscheinlich jeder Kinderpsychiater sagen, mein Gott, der hat ADHS, also kann er ja nichts dafür.

Schmitz: Man versucht, die heutigen Kindheitsbilder darauf umzumünzen, was natürlich ganz interessant ist, weil Hoffmann beschreibt in gewisser Weise ja auch Urkonflikte, also diese Problematik, die Eltern mit Kindern bis heute haben, dass man natürlich Kinder versucht, zu erziehen, denen irgendwas beizubringen und immer im Spannungsfeld ist: Wie viel kann ich jetzt formen und wie viel zerstöre ich aber vielleicht auch dabei?

Und ein Stück weit sagt man natürlich dann manchmal so etwas wie: Ach, der Suppenkasper, das ist ja jetzt heute vergleichbar mit der Krankheit Magersucht. Nur: In dem Entstehungsjahr, also zu der Zeit, hatte Essen noch einen ganz anderen Stellenwert in der Gesellschaft, da waren ja nicht alle so übersättigt und auch überfettet, sondern da war es ja wirklich wichtig, dass gerade Kinder im Wachstum gegessen haben, weil nicht immer gesichert war, dass die nächste Mahlzeit auch auf jeden Fall kommt.

Den Struwwelpeter gibt es auch als Manga

von Billerbeck: Nun gibt es ja ein ganzes Genre, das die Struwwelpeter-Geschichten weiterentwickelt hat, die Struwwelpetriaden. Um welche Themen kreisen denn diese Geschichten?

Schmitz: Also bei den Struwwelpetriaden war ich selbst total überrascht. Das ist unglaublich: Die kreisen eigentlich um alle Themen. Also es gibt mittlerweile einen Struwwelpeter für jede Gelegenheit. Wir haben den Struwwelvader, also der Mad-Zeichner Matthias Kringe, der hat sich mit dem Thema Star Wars auseinandergesetzt und die Figuren wirklich in die Saga eingeschrieben, sodass jetzt Paulinchen als Leia mit dem Fön daherkommt, und das ist ganz spannend.

Es gibt aber auch politische Adaptionen, also dass bestimmte Geschichten rausgelöst werden und die Charaktere auf das heutige politische Geschehen oder auch schon seit 1900 auf das politische Geschehen umgemünzt werden. Also es gab beispielsweise auch in den 1940er-Jahren den Struwwelhitler als Parodie, der sehr bekannt war.

Und da ist es eigentlich total spannend, mit was für einer Bandbreite das immer noch aufgegriffen wird. Wir haben Manga-Zeichnungen von David Füleki, der hat das also in einen sehr comichaften Stil übertragen, aber es gibt beispielsweise auch den typografischen Struwwelpeter, in dem sich der Künstler Hans Witte wirklich nur mit dem Thema Schrift auseinandergesetzt hat und die ganz prägnanten Reime und Verse der Geschichten losgelöst hat.

von Billerbeck: Ich glaube, es gibt noch keinen Radiostruwwelpeter.

Schmitz: Doch, ich meine! Ja, doch. Es gibt irgendwas, ich habe den Titel gerade nicht ganz genau parat.

von Billerbeck: Wir werden das klären, Frau Schmitz, das kriegen wir noch raus und dann reden wir beide bestimmt noch mal drüber.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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