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Interview / Archiv | Beitrag vom 26.08.2016

175 Jahre "Lied der Deutschen"Vom Vaterland zum "Muttersprachland"

Moderation: Dieter Kassel

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Marica Bodrozic (Bodrozic/Peter von Felbert)
Marica Bodrozic (Bodrozic/Peter von Felbert)

Marica Bodrožić gehört zu den Autoren, die im Auftrag der Stiftung Preußischer Kulturbesitz eine Neudichtung des "Lied der Deutschen" versucht haben. Warum sie ihre Version "Muttersprachland" genannt hat, erklärt sie in unserem Gespräch.

Zum 175. Geburtstags des "Lied der Deutschen" von Hoffmann von Fallersleben hat die Stiftung Preußischer Kulturbesitz drei Gegenwartsschriftsteller und –schriftstellerinnen um eine Neudichtung gebeten. Eine von ihnen ist die in Kroatien geborene und seit 1983 in Deutschland lebende Marica Bodrožić.

Sie habe zunächst Zweifel gehabt, ob sie dafür die Richtige sei, aber hätte die Aufgabe doch sehr interessant gefunden, sagt Bodrožić. "Auch als eine Denkübung, als utopische Herausforderung und auch als Selbstbefragung, als poetische Abtastung für mich selbst, was es denn bedeuten würde, wenn ich so etwas umkreisen könnte."

Letztlich hat Bodrožić ihre Version "Muttersprachland" genannt. Denn: "Mit der Sprache denkt man, in der Sprache lebt man." 

Patriotische Gefühle kenne sie nicht, wohl aber das Gefühl von Erhabenheit bestimmter Begriffe. Dies sei ein "geistiger Habitus, der sehr viel bedeutet", betont sie.

"Ich finde, gerade jetzt in unserer Zeit, in der sich die Dinge so plattentektonisch verschieben, ist es mehr als von Bedeutung, dass man sich vor Augen führt, was das bedeutet."


Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Wir machen das hier in unserem Programm ja eigentlich nicht und schon gar nicht um diese Zeit, aber weil der Text von Hoffmann von Fallersleben heute genau 175 Jahre alt wird, hören wir jetzt einen kleinen Ausschnitt aus der deutschen Nationalhymne.

((Ausschnitt Nationalhymne))

Das war die deutsche Nationalhymne, gesungen von Fußballfans. Das war eine Aufnahme vom Länderspiel Deutschland gegen Italien im März dieses Jahres. Man hört den Text bei diesen Fußballspielen nicht so richtig, aber man kennt ihn, zumindest die dritte Strophe, die heute noch den Text der deutschen, der bundesdeutschen Nationalhymne ausmacht. Am 26. August 1841 hat Hoffmann von Fallersleben auf Helgoland diesen Text – den kompletten natürlich, alle drei Strophen – geschrieben.

175 Jahre ist das heute genau her, und zu diesem Geburtstag des Lieds der Deutschen wurden drei zeitgenössische Schriftstellerinnen und Schriftsteller gebeten, eine Art persönliche Neuinterpretation anzufertigen, und eine davon ist Marica Bodrozic. Sie ist geboren in Dalmatien, damals im Vielvölkerstaat Jugoslawien, heute natürlich liegt es in der Republik Kroatien, sie lebt aber schon seit 1983 in Deutschland und hat zahlreiche Bücher mit Gedichten, mit Erzählungen, mit Romanen veröffentlicht, für die sie auch mit vielen Preisen ausgezeichnet wurde, und schreibt auf Deutsch. Schönen guten Morgen, Frau Bodrozic!

Marica Bodrozic: Ich grüße Sie, guten Morgen!

Neigung zum Ideal

Kassel: Bevor wir über Ihre Interpretation reden, wenn Sie dieses Original, das Lied der Deutschen, mit der dritten Strophe hören, wie jetzt gerade, was geht Ihnen dann durch den Kopf, aber vielleicht auch durchs Herz oder durch die Seele?

Bodrozic: Ja, als Schriftstellerin höre ich natürlich immer bestimmte Worte heraus, und das ist natürlich Herz und Hand und Einigkeit und Recht und Freiheit, und da ich ohnehin in meinem geistigen Leben und in meinem Denken zum Ideal neige, konzentriere ich mich auf diese Dinge, und die sind mir auch wichtig gewesen bei der sozusagen Bearbeitung oder Umkreisung des Liedes, das ich geschrieben habe.

Kassel: Was geht einem denn an Gefühlen auch durch – Gefühle durch den Kopf, wollte ich sagen, darf man auch, Gefühle gibt's auch im Kopf …

Bodrozic: Das ist schön.

Kassel: Wenn man wie Sie in einem Vielvölkerstaat geboren wurde, schon so lange in Deutschland lebt und, wenn ich das so formulieren darf, quasi eine zweite Muttersprache jetzt hat, so wie Sie mit dem Deutschen umgehen, haben Sie irgendwelche patriotischen Gefühle, wenn Sie das hören?

Bodrozic: Nein, ich habe überhaupt keine patriotischen Gefühle, ich kenne das überhaupt nicht, nie in meinem Leben hatte ich ein solches Gefühl. Aber es gibt wie bei den Formulierungen, die ich erwähnt habe, ein Gefühl der Erhabenheit, und ich denke, es ist auch wichtig, dass wir das in der Sprache suchen, nicht nur als Gefühl, sondern als geistige Empfindung, die uns auch zu einer inneren Handlung und somit auch zu etwas inspiriert, das eine Brücke im konkreten eigenen Leben ist.

Und das ist nicht etwas Abstraktes, es ist nicht nur ein schönes Wort, eine schöne Formulierung, sondern das ist ein geistiger Habitus, der sehr viel bedeutet. Und ich finde, gerade jetzt in unserer Zeit, in der sich die Dinge so plattentektonisch verschieben, ist es mehr von Bedeutung, dass man sich vor Augen führt, was das eigentlich bedeutet.

Denkübung und poetische Selbstabtastung

Kassel: Da sind wir jetzt eigentlich schon bei Ihrer Neuinterpretation. Als die Anfrage der Stiftung Preußischer Kulturbesitz – sie steckt dahinter, diese Initiative – kam, als Sie gebeten wurden, so eine Neuinterpretation des Lieds der Deutschen anzufertigen, machte es da quasi zack, und Sie hatten sofort eine Idee, oder war das doch ein längerer Prozess?

Bodrozic: Nein, das hat nicht zack gemacht, und ich hab auch gezweifelt, ob ich da überhaupt die Richtige dafür bin. Ich fand es aber sehr interessant, dass verschiedene Kollegen – ich wusste auch gar nicht, wie viele es sind – damit beauftragt wurden, darüber nachzudenken, in einem utopischen Rahmen sich zu bewegen, und ich habe es also immer wieder in mir bewegt und mit mir herumgetragen und hab bis zum Schluss auch gedacht, eigentlich sollte ich das stoppen, ich kann es vielleicht doch nicht.

Aber ich fand die Aufgabe doch sehr interessant und auch als eine Denkübung, als utopische Herausforderung und auch als Selbstbefragung, als poetische Abtastung für mich selbst, was es bedeuten würde, wenn ich denn so etwas umkreisen könnte. Und da ich es durfte, hab ich natürlich mein Augenmerk auf die Sprache gelenkt und habe das Lied auch genannt "Muttersprachland", übrigens bezogen auf die aus der Bukowina stammende Dichterin Rose Ausländer, die immer wieder das Deutsche damals auch in einem Vielvölkerstaat Habsburg-Ungarn als ihre sozusagen innere geistige Landschaft abgetastet hat und dieser Sprache ja auch später in Amerika, in ihrem Exil, treu geblieben ist.

Und sie sagt in einem Gedicht zum Beispiel auch: Ich habe mich in mir selbst verwandelt, zum Muttersprachwort habe sie sich bewegt, und es sei dabei ein Menschmosaik entstanden – also etwas, was mir sehr entspricht, Sprache und Menschsein, innere Landschaft, geistige Aufgaben. Und das ist verbunden für mich mit der Sprache, die auch ein Ort ist, ein Ort der Handlung, nicht nur ein symbolischer, sondern auch ein sehr, sehr konkreter Ort, der vielen Menschen, ja, wenn wir das Wort Heimat sagen wollen, diese Heimat bieten kann, denn mit der Sprache denkt man, in der Sprache lebt man, und sie drückt auch einiges über das eigene innere Leben als Mensch auch aus.

Sprache als Ort der "großen inneren Freiheit"

Kassel: Das heißt, Sie wollen damit auch sagen, so hab ich auch Ihren Text, Ihre Neuinterpretation verstanden – übrigens, wer sich wundert, es ist tatsächlich diese neue Variante länger als das Original, also auch als das Original mit seinen drei kompletten Strophen, ich nenne Ihnen aber am Ende noch eine Internetseite, wo Sie das durchaus nachlesen können … Aber wir darüber reden, so hab ich Ihren Text auch verstanden, dass Sie sagen, bei dieser ganzen Debatte, die im Moment gerade in Deutschland geführt wird über unterschiedliche Kulturen, unterschiedliche Religionen, ganz aktuell schlicht auch über unterschiedliches Aussehen, das, was uns alle verbindet und worauf wir uns fair einigen können, ohne Diskriminierung, ist eigentlich die Sprache.

Bodrozic: Natürlich, die Sprache als Ort einer großen inneren Freiheit, auch das, was im Lied der Deutschen auch thematisiert wird. Ich finde es sehr interessant, dass von Fallersleben bei einem Spaziergang am Meer diese sozusagen innere Fülle erlebt hat, wie er selbst sagt, und danach das Lied geschrieben hat, also aus seiner inneren Reise heraus, die dann sozusagen Sprache werden musste, und ich kenne sehr viele Menschen, die in dieser Sprache das Gemeinsame sehen.

Übrigens ist das ja auch ein Ort des Denkens, es ist ja nicht schlecht, dass Menschen denken. Es ist eine der größten Errungenschaften der menschlichen Freiheit und seiner geistigen Bewegung, dass er nun einmal denkt, der Mensch. Und das kann er in Sprache und das muss er und das ist der Ort, an dem das geschieht. Ich weiß nicht, worin das Trennende darin bedeuten oder den Platz haben könnte, denn das ist ja der Ort, an dem auch die Widersprüche und die Reibungen ausgetragen werden können, und das ist ja sehr wichtig. Es ist ja nichts Romantisches in dem Sinne, es ist ja die größte Aufforderung sozusagen der eigenen Begegnung – mit sich selbst und mit dem anderen. Insofern ist da der kritische Geist von Natur aus mit drin, und das widerspricht sich überhaupt nicht. Ich bin ja sehr froh, dass Blut in der Sprache nichts zu suchen hat.

Kassel: Ein schöner Schluss, zumindest für den Moment. Marica Bodrozic war das oder ist es immer noch, Sie stehen mir gegenüber, aber was erzähl ich denn hier. Sie hat zusammen mit zwei Kolleginnen und Kollegin, also einer Kollegin und einem Kollegen, eine Neuinterpretation des Lieds der Deutschen vorgelegt. Sie finden das auf unserer Internetseite. Unter deutschlandradiokultur.de finden Sie einen Link, da finden Sie alle drei kompletten Neuinterpretationen und können sich dann selber Gedanken darüber machen. Frau Bodrozic, ich danke Ihnen sehr, dass Sie bei uns waren, danke schön!

Bodrozic: Danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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