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Interview / Archiv | Beitrag vom 09.05.2019

150 Jahre Deutscher AlpenvereinAlpenforscher fordert einen anderen Bergtourismus

Werner Bätzing im Gespräch mit Dieter Kassel

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Das Foto zeigt eine historische Aufnahme: Ein Paar in Rückenansicht steht an einem Hang, beide tragen Skikleidung und Skier und blicken auf die Berge. Im Hintergrund: ein Alpenpanorama.  (picture alliance / dpa / imageBROKER / Rosseforp)
Früher war mehr Gletscher: Klimawandel und Massentourismus setzen den Alpen zu. Davon war vor hundert Jahren noch nichts zu ahnen. (picture alliance / dpa / imageBROKER / Rosseforp)

Der Deutsche Alpenverein feiert 150. Geburtstag. Doch wenn man sich den Zustand der Berge anschaut, gibt es kaum Grund zur Freude: Klimawandel und Tourismus setzen ihnen zu. Alpenforscher Werner Bätzing fordert: Schluss mit dem uferlosen Tourismus!

Riesige Skigebiete, durchfurcht von breiten, autobahnartigen Pisten sowie Lift- und Seilbahnanlagen, künstlich angelegte Speicherseen für das Schneekanonenfutter, reiche Investoren, denen halbe Touristenzentren gehören: Der Alpenforscher Werner Bätzing, emeritierter Professor für Kulturgeographie der Universität Erlangen, klingt frustriert, wenn er den Ist-Zustand der Alpen beschreibt.

Bätzing ist sei mehr als 40 Jahren Mitglied des Deutschen Alpenvereins (DAV), der am heutigen 9. Mai seinen 150. Gründungsgeburtstag feiert. Die Bergwelt liegt dem Verein am Herzen – aber Tourismus und Klimawandel sorgen dafür, dass die Alpen Jahr für Jahr schrumpfen.

Vergleiche man etwa die Gletscherdimensionen aus der Gründungszeit mit denen heute, dann sehe man, so Bätzing: "Das, was wir heute haben, ist nur noch ein Abklatsch." Und: "Da sind wir nicht mehr in den Alpen – da sind wir eigentlich in künstlichen, städtischen Freizeitparks."

Erlebnis-Burnout in den Bergen

Bätzing warnt vor einem uferlosen Ausbau der Skigebiete mit immer gewagteren Pisten: "Das gibt dann einen Erlebnis-Burnout: Das sind gekaufte Erlebnisse, die relativ schal werden und die dann durch noch größere Erlebnisse ersetzt werden müssen. Und das gibt eine Spirale, die dazu führt, dass die ganze Sache langweilig wird, weil man nichts mehr selber, als Person etwas erlebt, sondern vorgefertigte Erlebnisse kauft."

Der DAV setze sich dafür ein, breiten Gesellschaftsschichten die Schönheit der Berge nahezubringen, sagt Bätzing. Damit dies weiterhin ein schönes und natürliches Erlebnis bleibe, hat der Verein aus Sicht des Alpenforschers mit seiner eigenen Struktur vorgemacht, wie es besser gehen könnte: dezentral, umweltverträglich und sozialverträglich, zugunsten der Einheimischen.

Das bedeute etwa, auf große externe Kapitalgeber zu verzichten und das technische Wettrüsten bei Liftanlagen und Seilbahnen zu beenden.

(mkn)

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