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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 16.12.2020

130 Tage Protest in Belarus"Das Licht wird immer gewinnen"

Von Judith Geffert und Franca Bohnenstengel

Ein Frau hält bei Demonstrationen ein Schild hoch, auf dem steht: "Der Diktator braucht dich, du brauchst keinen Diktator." (Foto: Olia L.)
"Der Diktator braucht dich, du brauchst keinen Diktator": Die Leichtigkeit der ersten Protesttage in Belarus ist längst verflogen. Aber Aktivistinnen wie Olia L. bleiben hartnäckig. (Foto: Olia L.)

Seit vier Monaten halten die Proteste in Belarus an. Wie schaffen es die Menschen, den Mut nicht zu verlieren? Was inspiriert sie? Wie gehen sie mit Erschöpfung, Angst und der alltäglichen Gewalt um? Eins steht fest: Die Stimmung hat sich gewandelt.

- "Hallo, Judith? Sorry, dass ich mit Ihnen unter diesen Umständen spreche, aber ich kann einfach nicht von hier weggehen. Ich sitze im Café, ganz in der Ecke, und trotzdem hört man es: Die ganze Stadt dröhnt von den Hupen der Autos. Ich mach jetzt mal die Tür auf, damit Sie es hören. Hören Sie?!"

- "Was haben Sie heute auf der Straße gesehen?"

- "Ich habe heute auf der Straße Schönheit gesehen. So eine Schönheit, wie sie es wahrscheinlich nirgendwo auf der Welt gibt. So schöne Frauen, so viele Blumen. Männer verteilen Rosen. Alle lächeln, alle umarmen sich, alle reden miteinander. So eine Einheit, man könnte auch Brüderlichkeit sagen. Wir haben verstanden, dass wir alle eine Familie sind.

"Unsere Frauen werden verhaftet"

Das war Marina, die Mutter eines guten Freundes, am 13. August 2020. Sie ist 58 Jahre alt und vor Kurzem in Rente gegangen. Als ich sie im August anrief, saß sie in einem Café in Minsk und erzählte euphorisch von ihren Eindrücken bei einem der ersten Frauenmärsche in Belarus. Drei Monate später, im Dezember, erreiche ich sie wieder - viel hat sich seitdem verändert.

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"Nachdem die Frauen mit den Blumen auf die Straße gegangen waren, und wir dachten, es sei alles so einfach, wir könnten es mit Blumen lösen und die Bereitschaftspolizei umarmen – da mussten wir feststellen, dass es eben doch nicht so einfach ist. Jetzt werden unsere Frauen verhaftet. Sie können nicht mal mehr auf der Straße spazieren gehen. Roman Bondarenko wurde in einem Hof ermordet, nicht weit von der Wohnung meiner Mutter. Vom Fenster aus hat sie gesehen, wie die jungen Leute festgenommen wurden. Für sie, eine 89-jährige Frau, war das ein totaler Schock. Sie hat ihr Leben gelebt, erinnert sich noch an den Krieg und jetzt passiert sowas. Es kommt einem manchmal so vor, als würde man einen Film schauen."

Jeden Montag gehen die Rentner auf die Straße

Mich interessieren besonders ihre persönlichen Erfahrungen:

"Die Aktionen der jungen Leute haben mich wachgerüttelt. Nicht weit von uns ist die Linguistische Universität, und die Studenten dort waren die ersten, die sich an den Protesten gegen Gewalt beteiligt haben. Sie haben Lieder gesungen. Sie wurden von der Bereitschaftspolizei rausgeholt, festgenommen und leider auch geschlagen. Sie sind sehr jung, 17 oder 18 Jahre. Aber ihre Überzeugung ist einfach zu beneiden.

Außerdem haben mich natürlich die Aktionen unserer Rentner sehr mitgenommen. Jeden Montag gehen sie auf die Straße, jetzt sind es schon über 1000. Das sind wunderbare Omas und Opas, die ihre Plakate selbst schreiben, die weiß-rot-weiße Flaggen stricken, die am Gebäude des KGB vorbeigehen und Sprüche rufen wie "Lukaschenko in den Gefängnisbus!" Die sind einfach unglaublich mutig. Ich glaube, nach den Frauen sind sie es, die alle am meisten motiviert haben. Sie sind auch an den Universitäten vorbeigegangen, die Studenten haben sich ihnen gleich angeschlossen, und danach auch die Ärzte. Und dann sind sie wieder mit den Kleinbussen gekommen und haben die Rentner festgenommen. Menschen im Alter von 65 oder 59 Jahren, also mein Alter und älter. Die sind nicht mehr so gesund, sie brauchen gute Haftbedingungen. Und auch sie werden für 15 Tage ins Gefängnis gesteckt. Das ist einfach sinnlos. Ich habe ein Plakat gesehen, auf dem stand: 'Sohn, schlage mich nicht! Ich bin deine Mama, ich bin deine Oma.' Das rührt mich zu Tränen."

Hofgemeinschaften helfen, der Polizeigewalt zu entkommen

"Nachdem diese verrückte Staats- und Polizeigewalt losgelassen worden ist, haben sich die Aktivitäten etwas verändert. Es sind 'Hofgemeinschaften' entstanden. Das heißt, die Leute, die in einer Region wohnen, haben einen eigenen Chat. Sie haben angefangen, sich zu treffen und sich kennen zu lernen. Ich bringe mich vor allem hier ein. Ich finde das interessant, weil man verschiedene Leute trifft: Junge und Alte, Menschen mit verschiedenen politischen Einstellungen. Vorletztes Mal gab es viele Festnahmen, und sie haben Hilfsmittel für die Inhaftierten gesammelt. Ich bin dort hingegangen, um Geld zu spenden. Und als ich ankam, wurde gerade ein Livegespräch mit Svetlana Tichanowskaja an die Wand projiziert.

Jetzt bereiten wir uns alle auf die Neujahrsfeier vor. Man kann hier ja auch verhaftet werden, wenn man nur eine weiß-rot-weiße Flagge ins Fenster hängt. Und im Chat unserer Hofgemeinschaft teilen die Leute jetzt Bilder von weiß-rot-weißen Schneeflocken im Fenster. Die ganze Neujahrs-Deko wird jetzt einfach im weiß-rot-weißen Stil gestaltet. Das hilft, damit man sich nicht allein fühlt."

Ich frage sie, wie sie jetzt in die Zukunft schaut.

"In die Zukunft müssen wir mit Optimismus schauen. Es ist schwer zu sagen, wie lange wir noch rausgehen, kämpfen und im Gefängnis sitzen müssen. Aber wir haben gesehen, wer wir sind, und wie alles hier im Prinzip sein könnte. All dieser Sadismus und Schwachsinn, der in den leeren Phrasen der Machthabenden zum Vorschein kommt, ist einfach nicht normal. Aber das Licht wird immer gewinnen."

Zehn Tage Haft wegen Parolen gegen Gewalt

Am 21. Oktober 2020 rufen wir Sasha und ihre Freundin Zhenya an, drei Wochen nachdem sie aus dem Gefängnis entlassen worden sind. "Früher sind wir auf der Arbeit immer mit den Worten 'Ruh dich gut aus' auseinandergegangen", erzählt sie. "Jetzt wünschen wir uns gegenseitig, dass wir uns nächsten Montag wiedersehen und dass niemand festgenommen wird."

Frauen tragen ein politisches Transparent auf einer Straße (Foto: Olia L.)Queerfeministische Proteste in Belarus. Auf dem Banner steht: "Wie sollen wir unseren Kindern die OMON erklären?" (Foto: Olia L.)

Die beiden haben insgesamt zehn Tage Haft abgesessen, weil sie auf einem Frauenmarsch in Minsk Parolen gegen Gewalt gerufen haben. Bei unserem Telefonat erzählen sie uns von der Solidarität, die sie trotz der schlechten Haftbedingungen erlebt haben.

Gefühl der Gemeinschaft im Gefängnis

"Im Gefängnis haben Sasha und ich insgesamt 25 Frauen kommen und gehen gesehen, und in all der Zeit gab es keinen einzigen Moment der Gewalt untereinander. Ich bin zum Beispiel mit einer Regenbogenflagge auf manchen Märschen gewesen und in der Zelle waren ein paar Frauen, die dagegen waren, die Regenbogenflagge auf den Märschen zu tragen. Wir haben darüber einfach diskutiert und uns dabei gegenseitig respektiert. Ich weiß nicht, wann ich je mal in meinem Leben in so einer Gemeinschaft war. Das bedeutet für mich Schwesternschaft. Außerdem haben alle meine Freund*innen mich von draußen unterstützt, ich konnte mich sogar etwas entspannen, weil ich so viel Vertrauen in sie hatte. Ich wusste einfach, dass sie alles Menschenmögliche tun werden - dass sie uns Päckchen ins Gefängnis schicken würden, unsere Verwandten informieren, einen Anwalt besorgen. Das beeindruckt mich bis heute."

"Ich bin ein recht verschlossener Mensch und finde es schwer, mich mit Fremden verbunden zu fühlen. Aber im Gefängnis habe ich diese Gemeinschaft sehr tief gefühlt. Wir waren alle durch dieselbe Idee vereint: Wir haben die ganze Zeit über das System diskutiert, in dem wir uns befinden, die Methoden, die uns zwingen, im Gefängnis zu sitzen. Das hat mich gestützt, denn was wir in der Zelle gesehen haben... das war die Freiheit. Wir waren zwar nicht frei, aber drinnen herrschte Freiheit! Alle unsere Gespräche sind darauf hinausgelaufen, dass dieses Regime schon zusammengebrochen ist. Das hat uns Mut gemacht."

Solidarität der Frauen

Eine Frau, die Sasha und Zhenya von draußen unterstützt hat, ist die anarcha-feministische Aktivistin Olia. Sie arbeitet gemeinsam mit Zhenya bei einem Verein, der sich gegen Gewalt an Frauen einsetzt. Seit August hat sie über 200 Frauen und queere Menschen in der Selbstverteidigungstechnik Wen-Do trainiert, sie hatte seitdem kein freies Wochenende mehr. Im Oktober erzählt sie uns, warum die Solidarität unter Frauen jetzt so stark ist.

"Ich glaube, was in den letzten Jahren in Belarus passiert ist, hat zu der jetzigen Solidarisierung der Frauen geführt. Wenn nicht immer nur Männer als politische Akteure gegolten hätten, und wenn der Präsident nicht immer gesagt hätte, dass Frauen lieber zu Hause Borschtsch kochen, Kinder kriegen, hübsch und fröhlich sein sollten – dann gäbe es heute nicht diese Explosion an weiblichem Aktivismus. Die Frauen und ihre öffentliche Wahrnehmung haben sich verändert. Jeden Tag glauben sie mehr an sich und ihre eigenen Ideale. Dass sie so sein können, wie sie wollen und nicht wie man es von ihnen erwartet oder wie man es ihnen erlaubt."

Viele reisen aus

Eineinhalb Monate nach unserem letzten Gespräch rufe ich Olia noch einmal an. "Bei unserem letzten Gespräch warst du schon müde, ihr ward alle müde - wie haltet ihr überhaupt durch?"

"Ich glaube, ich bin noch müder. Ich habe mich in diesen eineinhalb Monaten nicht erholt. Jetzt ist es außerdem noch kalt und dunkel und viele meiner Freunde sind inzwischen ausgereist. Es ist insgesamt eine frostige Stimmung. Die Müdigkeit akkumuliert sich. Sie hält uns nicht auf, aber sie ist immer da. Für die, die noch hier sind, ist es jetzt vor allem wichtig, Veranstaltungen zu organisieren, die mit gegenseitiger Unterstützung und Erholung zu tun haben."

Sind denn viele gegangen?

"Ja, der Großteil der Menschen, die mir nahestehen, ist in andere Länder ausgereist. Von denen, die dageblieben sind, sind viele an Corona erkrankt und einige fühlen sich nach dem Gefängnis sehr schlecht und brauchen dringend psychologische Unterstützung. Es ist sehr wichtig, niemanden zu verurteilen, der ins Ausland geht. Die Leute sind weggegangen, weil sie sich um ihre Sicherheit kümmern mussten. Aber sie haben den Kontakt zu den Leuten, die hier geblieben sind, nicht abgeschnitten. Sie übernehmen zum Beispiel die Administration von unabhängigen Nachrichten- und Vernetzungs-Chats, wofür man hier eingesperrt werden kann. Sie übernehmen Verantwortung, damit die, die in Belarus sind, sicher sind."

Weniger Demonstranten durch Corona

Dennoch gehen jedes Wochenende tausende Menschen auf die Straße. Ich möchte wissen, warum das noch funktioniert.

"Ich glaube einfach, es ist nicht möglich, dass das ausstirbt. Inzwischen hat sich der Protest in einen Stadtteilprotest verwandelt, was mir und generell den Prinzipien des Anarchismus sehr nahe steht - eine Art Selbstorganisation in einer lokalen Gemeinschaft. Momentan erscheint mir das vernünftig, weil es so weniger Verhaftungen gibt. Das dezentralisiert die Macht. Ich bin sicher, dass es eigentlich viel mehr Menschen gibt, die auf die Straße gehen würden – aber sehr viele haben Corona, und viele sitzen in den überfüllten Gefängnissen oder müssen sich erstmal davon erholen."

"Es wird alles irgendwann vorbei sein"

In Deutschland fragen viele, wie es um die Zuversicht steht. Gibt es Hoffnungen, dass alles gut enden wird?

"Ich bin sicher, dass alles irgendwann vorbei sein wird. Aber ich habe keine Illusionen, dass das morgen passiert. Und selbst wenn jetzt alle Proteste aufhören würden, würde trotzdem nichts so wie vorher sein. Es ist nicht möglich, das, was passiert ist, zu vertuschen, zu vergessen oder zu ignorieren, wie es lange Jahre der Fall war. Es geht für mich nicht darum, dass ein neuer Präsident kommt. Er wird wahrscheinlich ein ähnlicher Parasit sein wie der jetzige, er wird nur anders heißen. Aber das Wichtigste passiert gerade schon, weil sich eine Zivilgesellschaft herausbildet. Die Leute brauchen keinen Herrscher, sie können sich selbst einigen. Und das Wichtige ist, wie die Leute jetzt anfangen, zusammenzuarbeiten, wie sie das gemeinsam lernen und was dann daraus wird."

Eine wichtige Plattform für die Menschen in Belarus, damit sie in ihrem Kampf für Freiheit und Demokratie nicht vergessen werden, ist die Facebook-Seite "Stimmen aus Belarus". Wanja Müller betreibt die Seite mit sieben anderen ehrenamtlich und ist immer wieder erstaunt, wie offen und mutig die Menschen bei ihren Beiträgen sind. Wir haben mit Wanja Müller gesprochen - das Gespräch hören Sie direkt im Anschluss unserer Reportage. Weitere Berichte aus aller Welt finden Sie in unserem Podcast.

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