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Lesart / Archiv | Beitrag vom 13.03.2017

"118" - Gedichte von Steffen PoppZehnzeiler bringen Wörter zum Tanzen

Von André Hatting

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Der Schriftsteller Steffen Popp (picture alliance / Markus Scholz/dpa)
Der Schriftsteller Steffen Popp (picture alliance / Markus Scholz/dpa)

Als würde ein gefrorener See in der ersten Frühlingssonne aufbrechen: Steffen Popp nutzt die Sprache, als bestünde sie aus chemischen Elementen, von denen es genau 118 gibt. "118" so lautet denn auch der Titel seines Gedichtbandes, der beim Leser die Sinne in Aufruhr versetzt.

"Wir sind auf einer Mißion: zur Bildung der Erde sind wir berufen."

Das romantische Motto von Novalis aus den Blüthenstaubfragmenten stellt Steffen Popp kommentierend unter eines seiner Gedichte.

Es könnte auch die Überschrift des gesamten Bandes sein. Unsere Erde ist, soweit bis heute bekannt, aus 118 chemischen Elementen gebildet. Popp benutzt diese Naturzutaten als Vorlage, um dieser "streng-schönen Ordnung" (Popp) ein eigenes, dichterisches Periodensystem der Elemente gegenüberzustellen, aus ganz konkreten Dingen wie "Pudding", "Plankton" oder "Zucker", Abstrakta wie "Liebe" oder "Dank", Adjektiven wie "super" oder "sympathisch" und Interjektionen wie "oh" und "ach". Die jeweils zehnzeiligen Gedichte umtanzen das jeweilige Thema, mal sind sie dabei ganz dicht dran, schon in der nächsten Zeile springen sie mit einem Satz wieder davon.

Ein poetisches Periodensystem

Zur Vorbereitung auf diesen Band hat Steffen Popp ganze Begriffsnetze erstellt, um auf diese Weise Zugang zu seinen 118 Elementen zu bekommen. Klappt man den Schutzumschlag des Buches auseinander, bekommt der Leser eine Idee von Popps privatem Periodensystem. Hier ist alles anders, radikal subjektiv.

Nicht Edelgase und Metalle ordnen sich zu Gruppen. Dieses poetische System der Elemente beginnt auch nicht mit H (Wasserstoff), sondern mit Fe. Das wiederum steht nicht für Ferrum, also Eisen, sondern Fenster:

Klirren, mikrofein, Knistern, subarktisch
stehen am Eisblumenfenster, wie Riesen
gekörnt in die Silber Iltis Sternstäubchen
Schwebe des Zimmers.

Amorph, diaphan, zartseifige Glanzschicht
zwischen Innen- und Außen, vor Augen
die reglose Kühle, Glätte ins Bild eintragen.
Stürzen – hinaus und in sich - verbindet
unter den Freunden auch. Gemalte Scheiben
- Rahmen, Kitt. Spuren von Vogelkrallen. 

Ein Sinnesreigen für Ohren, Haut und Augen

Popp lädt zum Sinnenreigen ein: akustisch ("Klirren", "Knistern"), haptisch ("Kühle", "Glätte"), optisch ("Eisblumenfenster", "Silber"), vielleicht sogar olfaktorisch ("Iltis"). Wir schauen auf das Fragment einer Winterszene, werden auf die durchsichtige Eigenschaft des Glases hingewiesen ("diaphan"), verweilen kurz bei der Funktion als Trenner von Innen und Außen, sind da aber schon bei Augen, die ebenfalls mit einer "zartseifigen Glanzschicht" Außen von Innen trennen, aber zugleich für uns beim Sehvorgang so allererst ein "Bild" entstehen lassen, spielen mit der Doppeldeutigkeit von (Fenster-)"Stürzen" als architektonischem Begriff (dazu passten "Rahmen" und "Kitt") und den historischen Fensterstürzen, die zu Kriegen geführt haben, in denen sich "Freunde" verbunden haben mögen und so weiter und so fort.

Popps beste Gedichte lösen beim Lesen exotherme Reaktionen aus: Eine Menge assoziativer Energie wird freigesetzt, die Lust macht aufs Wiederlesen und Weiterforschen.

Aus der Ferne grüßt freundlich einladend die Philosophie der Frühromantik Friedrich Schlegels: "Denn das ist der Anfang aller Poesie, den Gang und die Gesetze der vernünftig denkenden Vernunft aufzuheben".

Steffen Popp: "118" - Gedichte
kookbooks, Berlin 2017
144 Seiten, 19,90 Euro

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