Das Feature, vom 03.06.2011

Von Christoph Burgmer

Die Chhara sind eine der 198 indischen Gemeinschaften, die während der Kolonialherrschaft von den Briten als "genetisch kriminell" eingestuft wurden. Aber als sie nach über 40 Jahren und zwei Jahre nach der indischen Unabhängigkeit endlich aus dem kolonialen Arbeitslager entlassen wurden, änderte sich wenig.

Eine Bibliothek zu haben war der dringendste Wusch im Ghetto.  (Stock.XCHNG / Paul Ijsendoorn)
Eine Bibliothek zu haben war der dringendste Wusch im Ghetto. (Stock.XCHNG / Paul Ijsendoorn)

Nur einige hundert Meter weiter siedelten sich die ehemaligen Nomaden an.

Chharanagar gilt bis heute als "Kriminellenghetto", ihre über 20000 Bewohner als notorische Diebe und Schnapsbrenner. Das Ghetto ist rund um die Uhr von Polizei bewacht. Erst 1998 wurden indische Intellektuelle auf die Diskriminierung der Chhara aufmerksam.

Sie fragten die Bewohner, was man im Ghetto am dringendsten benötige und erhielten die Antwort: eine Bibliothek.

In dieser Bibliothek gründeten jugendliche Chhara das Bhudan Theater, dessen Repertoire heute von indischen Klassikern über Jean Genet bis zu Dario Fos "Tod eines Anarchisten" reicht.

"Wir spielen nur mit unseren Körpern, Stimmen und unserer Kreativität gegen die Stigmatisierung als Kriminelle an."


DLF 2011