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Religionen | Beitrag vom 11.11.2018

100 Jahre Katholische Universität LublinErst Zufluchtsort, heute Kaderschmiede

Von Martin Sander

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Studenten vor der katholischen Universität Lublin "Johannes Paul II" (picture alliance / dpa / PAP)
Studenten vor der katholischen Universität Lublin "Johannes Paul II" (picture alliance / dpa / PAP)

Der Katholizismus war immer ein prägendes Merkmal Polens. Mit der Unabhängigkeit 1918 entstand im Osten des Landes, in Lublin, auch eine neue katholische Universität. Ihre Entwicklung ist eng mit der bewegten Geschichte Polens verbunden.

Im 17.und 18. Jahrhunderte gehörte das Klostergebäude mit dem großen grünen Innenhof am Rande des alten Lublin den Dominikanern. Im 19. Jahrhundert diente es erst den österreichischen, dann den russischen Landesherren als Kaserne. Schließlich gründeten dort – im Sommer 1918 – polnische Geistliche  die erste Lubliner Universität und benannten sie bald in Katholische Universität Lublin um, kurz: KUL.

Alfred Wierzbicki: "Als die Universität ihren Lehrbetrieb aufnahm, stand das natürlich im Zusammenhang mit der Wiedergründung des polnischen Staats 1918. Polen war damals ein Vielvölkerstaat. In der Gegend um Lublin lebten  viele griechisch-katholische Ukrainer. Ein Drittel der Stadtbewohner waren jüdischen Glaubens. Es gab aber auch deutsche Protestanten."

Alfred Wierzbicki, Jahrgang 1957, katholischer Priester, leitet den Lehrstuhl für Ethik  an der KUL. Wierzbicki liegt die multikulturelle Tradition der Stadt und der Universität am Herzen.

Wierzbicki: "Unsere Universität entstand in diesem Vielvölkermilieu.  Aber auch die sozialistische Bewegung war in Lublin sehr einflussreich. Es wäre also unmöglich gewesen, dass sich die Universität nur den Katholiken zugewandt hätte. Sie war vielmehr von Anfang an kein Ort der Konfrontation, sondern der Begegnung."

Zufluchtsort für Kritiker des Kommunismus

Im Zweiten Weltkrieg verboten die deutschen Besatzer Lehre und Forschung, ermordeten Mitarbeiter. Danach, im kommunistischen Polen, durfte die Universität ihren Betrieb wieder aufnehmen. Die neuen Machthaber zollten damit dem Einfluss der katholischen Kirche in Polen Tribut. Die KUL war eine nichtstaatliche, vor allem von Spenden der Kirchgänger finanzierte Hochschule, die die Dogmen des Marxismus-Leninismus verwarf. Für Kritiker des kommunistischen Staats unterschiedlichster Couleur wurde sie zu einer Enklave freien Denkens.

Als 1968 Studentenunruhen ausbrachen und von den Machthabern brutal unterdrückt wurden, fanden verfolgte Studenten Zuflucht an der KUL. An dieser Universität studierte auch Bogdan Borusewicz, eine Legende der polnischen antikommunistischen Opposition. Andrzej Wajda hat ihm im Film "Der Mann aus Eisen" ein Denkmal gesetzt. Noch als Schüler hatte Borusewicz eine Gefängnisstrafe wegen antikommunistischer Umtriebe verbüßt.

Bogdan Borusewicz, polnischer Politiker der Bürgerplattform PO und von 2005 bis 2015 Vorsitzender des Senats (picture alliance / dpa / Roman Jocher)Bogdan Borusewicz, polnischer Politiker der Bürgerplattform PO (picture alliance / dpa / Roman Jocher)

Borusewicz: "Ich wollte Geschichte studieren. Von der KUL hatte ich gehört, aber geglaubt, dort könnten nur Priester studieren. Als ich erfuhr, dass die Mehrheit Laien waren, bewarb ich mich und gab im Lebenslauf an, dass ich im Gefängnis gesessen hatte. Das war mir wichtig. Ich bestand die Aufnahmeprüfung und niemand fragte mich, ob ich Katholik oder überhaupt Christ sei. Das gefiel mir."

Offen für Opfer der antisemitischen Kampagne

In den 1970er-Jahren bauten Borusewicz und andere junge Historiker eine sehr aktive Oppositionsgruppe an der KUL auf. Sie gründeten einen der ersten Untergrundverlage in Nachkriegspolen, der Literatur ohne Zensur illegal druckte. Die Universitätsleitung, um den Fortbestand der Hochschule besorgt, war nicht begeistert, ließ die jungen Oppositionellen aber gewähren. Auch nahm sie zahlreiche Studenten jüdischer Herkunft auf, die 1968 Opfer einer antisemitischen Kampagne nationalkommunistischer Parteiführer geworden waren. Überhaupt galt Vielfalt als förderungswürdig, nicht immer nur die Nähe zur katholischen Kirche. Später, in den 80er-Jahren studierte an der KUL auch der aus einer jüdischen Familie stammende Jan Hartman – Philosophie, weil ihn der Marxismus-Leninismus an den staatlichen Universitäten anödete.

Hartman: "Ich war nicht nur ungläubig, sondern sogar Atheist. Und ich war ein Kind jüdischer Eltern. Um an der KUL zu studieren, musste man eigentlich eine Taufurkunde und die Empfehlung eines Priesters vorlegen. Beides besaß ich nicht. Aber ich hatte schon ein paar philosophische Abhandlungen verfasst. Daraufhin setzte ein Priester meine Immatrikulation durch mit der Begründung: Ich sei ungetauft, aber talentiert."

Heute gilt Jan Hartman als ein Vordenker der antiklerikalen polnischen Linken. Gleichwohl zeigt er sich von seinen Philosophie-Lehrern an der KUL fasziniert,  vom 2008 verstorbenen Dominikaner-Pater Mieczysław Albert Krąpiec, der sich als Neothomist, als Erneuerer des Thomas von Aquin verstand, oder vom Philosophiehistoriker und späteren Erzbischof Stanisław Wielgus. Beide traf mitunter auch der Vorwurf des Antijudaismus. Hartman sieht das nicht so eindeutig:

"Bitte verstehen Sie den Standpunkt eines Geistlichen, eines engagierten katholischen Geistlichen. Wielgus oder Krąpiec: Das waren faszinierende Persönlichkeiten von größter Überzeugungskraft, sehr charismatisch. Natürlich ist so jemand dann Philosemit. Auf der anderen Seite ist er als integraler Katholik auch Antisemit, da er den wahren Juden als Feind der katholischen Kirche betrachtet. Diesen Verräter seines Messias, den Juden seiner Fantasie, den hasst er natürlich. Das sind widersprüchliche Gefühle, die bei Gelegenheit auflodern."

Heute größer, aber weniger wichtig

Nach der Wende hat sich die KUL allerdings nicht zuletzt unter dem Einfluss von Mieczysław Albert Krąpiec und Stanisław Wielgus zur Kaderschmiede für rechtsnationale Eliten entwickelt. Staatsgelder flossen. Die Studentenzahlen explodierten, Neubauten wuchsen in die Höhe. Als Schauplatz intellektueller Debatten spielt diese Universität heute eine geringere Rolle als vor 30, 40 oder 50 Jahren. Alfred Wierzbicki, der die Entwicklung kritisch sieht, bekennt:

"Ich habe etwas Sehnsucht nach der KUL der 70er Jahre, als sie noch der Treffpunkt ganz unterschiedlicher Denkrichtungen war."

Im Augenblick jedenfalls finden die großen geistigen Auseinandersetzungen in Polen andernorts statt.

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