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Tonart | Beitrag vom 03.01.2020

100. Geburtstag von Renato CarosoneDer Rock'n'Roller aus Neapel

Von Sky Nonhoff

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Ein schwarz weiss Portrait vom italienischen Sänger und Entertainer Renato Carosone, umringt von vier Mikrofonen. (picture alliance / Farabola / Leemage)
Sehnsucht, Swing und Ironie: Renato Carosone (picture alliance / Farabola / Leemage)

Der Charmeur aus Italien kokettierte mit Amerika: In den 1950er Jahren feierte der Pianist und Sänger Renato Carosone mit seiner Mischung aus neapolitanischer Folklore und Rock'n'Roll Erfolge in den USA. Heute wäre er hundert Jahre alt geworden.

Auf seinen Hit Maruzzella angesprochen, sagte Renato Carosone einmal: "Musiker werden oft gefragt, ob ihre Liebeslieder von einer bestimmten Frau inspiriert wurden, einem Gesicht, einer Erinnerung. Aber meistens erfinden wir diese Frau, geben ihr einen Namen, versehen sie mit blauen Augen, wunderschönem Haar. Und auch Maruzzella gibt es nicht wirklich. Sie ist eine Phantasie, eine Frau, nach der sich jeder Mann sehnt – nichts weiter als ein Traum."

Ganz Little Italy strömt in die Carnegie Hall

Die New Yorker Carnegie Hall platzte aus allen Nähten, so brechend voll, dass die Mädchen auf den Schößen der Jungen saßen, und der Jubel wollte kein Ende nehmen. Das war Anfang Januar 1958, und alle wollten Renato Carosone und seine Band sehen. Ganz Little Italy, das Viertel der italienischen Einwanderer, soll an jenem Tag wie ausgestorben gewesen sein. Und 25 Jahre später sollte in Martin Scorseses "Mean Streets" Carosones canzone "Scapricciatiello" erklingen. Scorsese ist in Little Italy aufgewachsen. Und Italiener mögen das eine oder andere vergessen. Nicht aber ihre Tradition.

"Ein weißer Schritt, ein schwarzer Schritt", so hat Renato Carosone die Bewegungen seiner Finger über die Klaviertasten beschrieben. Sein Spiel hatte er während des Krieges in Italienisch-Ostafrika verfeinert, aber bei seiner Rückkehr in die Heimat die Lieder seiner Kindheit wiederentdeckt: neapolitanische Song-Klassiker wie "E spingule francese", "Malafemmena" oder "Anema e core". Doch selbstredend war ihm nicht entgangen, dass drüben in den Staaten eine neue, infektiöse Musik namens Rock'n'Roll gemacht wurde – und dass die Jugend des Mezzogiorno, des bettelarmen Teils Italiens, am liebsten sofort "rübergemacht" hätte. In seinem Welterfolg "Tu vuò fa l'americano" heißt es: "Du machst einen auf Amerikaner / aber du bist hier geboren / und wenn du dich auf den Kopf stellst / du bist und bleibst Neapolitaner."

"Tu vuò fa l'americano" ist ein Geniestreich der musica leggera, eine doppelbödige Satire mit zwei Komponenten: ritmo e ironia. Sie vollbringt das Kunststück, sich über die Amerikanophilie der jungen Neapolitaner lustig zu machen und sich gleichzeitig selbst zu verspotten, indem genau der Sound instrumentalisiert wird, der gerade die Welt erobert: Swing, Boogie-Woogie, Rock'n'Roll – inklusive eines Mandolinensolos, das direkt wieder in eine dieser Gassen zurückführt, über denen die Leinen mit der Wäsche hängen. Und genau so überspannt der Song mehrere Jahrzehnte der ambivalenten Beziehung zwischen Italien und Amerika.

Antikriegslied und Tanzboden-Hit

"Tu vuò fa l'americano reflektieren wir von zwei Seiten", sagt Federico Vacalebre, Autor des 2013 in Neapel uraufgeführten Musicals "Carosone: L’Americano di Napoli". "Zum einen erinnern wir uns daran, wie oft, auf wie vielen Demos wir 'Amerika raus aus der Nato' zu diesem Song skandiert haben. Dieses Lied drückte für uns aus, dass wir gegen den Krieg in Vietnam waren, ebenso wie gegen den Golfkrieg und gegen den Krieg in Syrien. Aber andererseits taugt der Song eben auch als Dance-Nummer für die Kids – junge Menschen, die womöglich nicht mal wissen, dass die Nato hier in Bagnoli mal eine Basis hatte."

"Torero", "O suspiro", "Buonanotte": Renato Carosone und sein Sextett hatten einen Hit nach dem anderen – bis Carosone 1960, auf dem Zenit seines Erfolgs, von einem Tag auf den anderen hinwarf, um sich fortan der Malerei zu widmen. Viele Jahre später sollte er erklären, er habe das Gefühl gehabt, mit der traditionellen Musik sei es eh vorbei gewesen.

Seine Liebe für diese Musik hat er - Swing Kid, Neapolitaner, Dichter - in seinem canzone "Lettera di un pianista" so zusammengefasst: "Musik, o meine Mutter! Ich werde genauso in deinen Schoß zurückkehren, wie ich gekommen bin. Du wirst es erkennen, weil du meine letzte Note hören wirst, die, die du mir als allererste beigebracht hast, erinnerst du dich? Es war ein A, der Grundton A."

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