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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 30.04.2014

10 Jahre EU-OsterweiterungKeine Euphorie, aber Zusammenarbeit

Eindrücke aus dem Dreiländereck in Sachsen

Von Nadine Lindner

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(picture alliance / ZB)
Ein Auto passiert die Grenze zwischen Deutschland und Tschechien. (picture alliance / ZB)

Es war einer der ganz großen Momente europäischer Euphorie: Der Beitritt von gleich zehn Ländern, die sogenannte EU-Osterweiterung im Jahr 2004. Wie ist die Lage in den Grenzregionen zehn Jahre später?

"In dieser wunderbaren Nacht freuen sich die Menschen hier. Sie freuen sich darüber, dass die tschechische Republik 15 Jahre nach der Samtenen Revolution in der Europäischen Union angekommen ist…"

Eindrücke des Reporters aus der Nacht des 1. Mais 2004. Damals traten zehn Länder der Europäischen Union bei. Die meisten von ihnen lagen in Mittel- und Osteuropa. Es ist die bisher größte Erweiterungsrunde der EU.

Angst vor Konkurrenz aus dem Ausland

Doch damals gab es bei aller Euphorie auch skeptische Töne. Gerade die deutschen Unternehmen fürchteten den Konkurrenzdruck aus dem Ausland.

Die Ängste haben sich nicht bewahrheitet – im Gegenteil. Deutschland, auch Ostdeutschland, ist einer Nutznießer der Osterweiterung.  Joachim Ragnitz von der IFO Niederlassung in Dresden.

"Dass man inzwischen festgestellt hat, man hat größere Marktchancen da. Sächsische, deutsche Unternehmen liefern mehr dorthin. Das war dann auf jeden Fall eine Erfolgsgeschichte. Auf der anderen Seite dieser zunehmende Importdruck hat nicht so stattgefunden, wie man es erwartet hat. Insofern war das dann doch eher positiv für die deutsche Wirtschaft."

Sachsen ist von der Osterweiterung im besonderen Maße betroffen. Es ist das einzige deutsche Bundesland, das an zwei Beitrittsländer Polen und die Tschechische Republik grenzt, und es hat mit rund 570 km die längste Grenze zu den Beitrittsländern.

Angst vor der Grenzkriminalität

Besuch in Zittau. Die 26.000 Einwohner-Stadt liegt im Dreiländereck – Deutschland, Tschechien und Polen. Die europäische Zusammenarbeit ist hier an vielen Stellen alltäglich, die Hochschule Zittau/ Görlitz bildet mit den Partnerinstituten in Liberec und Breslau die trilaterale Neisse University. Das Gerhart-Hauptmann-Theater sorgt im Bundesland immer wieder mit mehrsprachigen Inszenierungen für Aufsehen.

Und die Zittauer – Welche Bilanz ziehen sie nach zehn Jahren?

"Ich würde sagen ist positiv. Bei vielen Querelen, die es gibt, aber im großen und ganzen ist das richtig."

"Wir fahren mal nach Polen zum Tanken, aber das ist es auch."

"Also wir wohnen ja direkt an der Grenze, da macht es sich recht günstig, dass man einfach rüber laufen kann oder mit dem Rad fahren kann. Auf der anderen Seite ist natürlich Kriminalität, Autoklau, das beunruhigt einen dann doch ganz schön."

Die Angst vor der Grenzkriminalität ist groß im Dreiländereck. Besonders seit dem Jahr 2007, als die Kontrollen an den Grenzen abgeschafft wurden, fühlen sich viele nicht mehr sicher: Auto-Diebstähle, der sprunghafte Anstieg des Handels mit der Droge Crystal aus Tschechien. Auch wenn die Zahlen der Kriminalitätsstatistik eigentlich eine andere Sprache sprechen, wie Innenminister Markus Ulbig beteuert.

Firmen profitieren von Osterweiterung

Doch trotz aller Ängste, auch in Zittau und Umgebung können die Firmen von der EU-Osterweiterung profitieren. Das erklärt Michal Kopriva von der IHK Zittau.

Er ist für die Vermittlung von Kontakten zwischen sächsischen und tschechischen Firmen zuständig. Rund 150 Anfragen erhält er im Jahr. Kopriva ist selbst gebürtiger Tscheche. Dass er beide Sprachen fließend spricht, hilft ihm natürlich bei der Arbeit ungemein.

Aber auch die Rahmenbedingungen seien günstig:

"Was für uns sehr positiv ist, dass Ostsachsen und die Region Liberec sehr ähnliche wirtschaftliche Strukturen haben. Also vor allem im Bereich Maschinenbau."

Mittlerweile kommen viele Tschechen zum Einkaufen in die Region. Einige Firmen im Osten Sachsens haben mittlerweile sogar tschechisch-sprachiges Personal eingestellt, wie Mario Spitalny von EVG Holz erklärt:

"Aus Tschechien haben wir ungefähr 20 Prozent Kundschaft, das sind vor allem Handwerker."

Auf dem Hof des Holzhändlers in Ebersbach-Neugersdorf werden gerade massive Holzbohlen verladen. Der Ort liegt in Ostsachsen direkt an der tschechischen Grenze.

Neben Industrie und Handwerk profitieren in Sachsen auch Tourismus und Einzelhandel. Auch hier werden verstärkt Arbeitnehmer mit Tschechisch-Kenntnissen gesucht. Zudem arbeiten zahlreiche Ärzte aus Tschechien im Freistaat. Auch wenn die große Euphorie mancherorts verflogen ist, die Zusammenarbeit vor Ort wollen die meisten nicht missen. 

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