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Weltzeit | Beitrag vom 30.01.2018

Zwei-Klassen-GesellschaftIst Kuba unsozial?

Von Burkhard Birke und Ellen Häring

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rosafarbener Oldtimer an der Strandpromenade Havannas (Mario Vázquez)
Wer in Havanna so ein Taxi hat, der hat ausgesorgt. (Mario Vázquez)

Fidel ist tot und Raúl Castro gibt im Frühjahr seine Ämter ab – aber die Revolution hinterlässt eine gespaltene Gesellschaft. Die einen haben Zugang zu Devisen, die anderen nicht. Und das nagt am Selbstbild Kubas.

Victor ist Arzt und verdient umgerechnet 66$ im Monat. Heriberto ist Taxifahrer und verdient an einem Tag so viel wie Victor im Monat. Und Rafael muss mit 10$ Rente über die Runden kommen.

Drei Beispiele aus Kuba, die zeigen, wie ungleich sich die Gesellschaft in den letzten Jahren entwickelt hat. Eine Gesellschaft, die eigentlich für Gleichheit und Gerechtigkeit stehen will.

alter Mann steht in der renovierten Altstadt Havannas (Burkhard Birke)Rafael bekommt 10$ Rente im Monat und verkauft die Granma. (Burkhard Birke)

Den Dollar gibt es auf Kuba eigentlich nicht. Die konvertierbare Währung heißt CUC und ist genauso viel wert wie ein Dollar. Allerdings verdienen nur diejenigen CUC, die im Tourismus oder in einem anderen devisenträchtigen Gewerbe tätig sind.

Die anderen, also zum Beispiel alle Staatsbedienstete, werden in kubanischen Pesos bezahlt. Die kann man zwar in CUC umtauschen und damit einkaufen gehen, aber das wird teuer. So kommt es, dass findige Kubaner viel mehr verdienen können als gut ausgebildet Ärzte wie Victor:

"Die Faulenzer leben am besten! Die kaufen und verkaufen irgendetwas und leben besser als jemand, der studiert hat und morgens um fünf aufsteht, um zu sehen, ob er einen Bus zur Arbeit bekommt und abends nicht weiß, was er zu Hause essen soll. Man malocht für einen miserablen staatlichen Lohn im Vergleich zu denen, die es sich leicht im Leben machen. Solange wir das nicht abstellen, wird es uns schlecht gehen."

Auf einem schattigen Platz sitzt ein Zeitung lesender Kubaner auf seiner Rikscha und waret auf Kunden.leist ein (Burkhard Birke)Auch Rikscha-Fahrer sind Kleinunternehmer. (Burkhard Birke)

Momentan profitieren diejenigen, die sich selbstständig gemacht haben, wie Taxifahrer Heriberto. Touristen lieben seinen Oldtimer, dessen Innenleben aus asiatischen Ersatzteilen besteht. Nur die Karosserie ist noch original. Er fährt damit durch Havanna – sein Auto ist sein Kapital.

"Den verkauf ich nicht. Damit verdiene ich den Lebensunterhalt für meine Familie. Je nach dem kann ich zwischen 40 und 50 Dollar am Tag verdienen. Dem kubanischen Staat zahle ich eine Lizenz von 1600 kubanischen Pesos – umgerechnet 64 Dollar im Monat und 10 Prozent Steuern auf die Einnahmen."

Der kubanische Staat ist im Eintreiben von Steuern nicht besonders geübt. Selbstständige Kleinunternehmer gibt es seit knapp 20 Jahren, aber erst im letzten Jahrzehnt ist die Zahl der Cuentapropistas -  derjenigen, die auf eigene Rechnung arbeiten - rasant gestiegen.

an einer Straßenecke sitzt eine Frau auf dem Boden und bietet Zigarren an. (Burkhard Birke)Zigarrenverkäuferin in Havanna - unwahrscheinlich, dass sie Steuern zahlt. (Burkhard Birke)

Deren Verdienst kennt keiner so genau, es gibt eine Grauzone, die viele ärgert. Denn von den sogenannten "Errungenschaften der Revolution" profitieren alle, auch die Gutverdiener: kostenlose Bildung, kostenlose medizinische Versorgung und die Libreta, ein Heft mit Lebensmittelmarken. Ohne die wäre Rentner Emilio wahrscheinlich schon verhungert.

"Du bekommst ein wenig Öl, Kaffee, Reis, Bohnen, Nudeln, Eier, ein wenig Hackfleisch und Hähnchen. Die Lebenskarte  reicht für 14 Tage, an den anderen Tagen musst du improvisieren."

Trotz der schlechten Versorgungslage und der ungleichen Verteilung hat Kuba viele Freunde, vor allem in den Ländern Lateinamerikas. Dort wären viele Menschen froh, wenn sie Lebensmittel für 14 Tage bekämen. Und auch an kostenlose medizinische Versorgung ist dort nicht zu denken.

Ob sich Kuba die Sozialleistungen für alle, unabhängig vom Einkommen, auf Dauer leisten kann und will, ist ungewiss. Im Frühjahr tritt Raúl Castro von seinen Ämtern zurück, so hat er es angekündigt. Wer ihm nachfolgt, ist noch nicht offiziell bekannt und dürfte spannend werden. Nur eines ist klar: Es wird auf Kuba eine "Verjüngung" geben.  

(Mario Vázquez)Riskante Reparatur eines Oldtimers (Mario Vázquez)

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