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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.10.2008

Zurück ins Kindheitsland

Claudiu M. Florian: "Zweieinhalb Störche. Roman einer Kindheit in Siebenbürgen", Transit Verlag, Berlin 2008, 239 Seiten

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Ein Ort im rumänischen Siebenbürgen, dem Schauplatz des Romans von Florian Claudiu. (AP Archiv)
Ein Ort im rumänischen Siebenbürgen, dem Schauplatz des Romans von Florian Claudiu. (AP Archiv)

Es ist ein beschaulicher Ort in Siebenbürgen, in dem der Titelheld von Claudiu M. Florians Roman "Zweieinhalb Störche" aufwächst, auf einem Hof, in dem man "in der Mitte der Welt" steht. Das Leben ist multikulturell und immer wieder kommen Onkel aus Deutschland - ein frischer, gut erzählter Prosastoff.

Ost-Europa scheint ein unerschöpfliches Reservoir an frischen, gut erzählten Prosastoffen zu sein. Der Romancier Claudiu M. Florian, Jahrgang 1969, stammt aus einem Ort in Siebenbürgen, einem Städtchen mit Burg zwischen Sighisoara (Schäßburg) und Brasov (Kronstadt). Florian wuchs zweisprachig auf, deutsch-rumänisch.

Mit elf verschlug es ihn nach Bukarest, das Ende der Ära Ceausescu 1989 erlebte er beim Militär; er studierte Germanistik und Geschichte, wurde dann Diplomat. Seit ein paar Jahren arbeitet Florian an Rumäniens Botschaft in Berlin, derzeit als Presseattaché.

Mit seinem ersten Buch kehrt der Autor zurück in das Kindheitsland, in die frühen Siebziger, zurück in die eigene Biografie. Der Held des Romans ist fünf, sechs Jahre alt, ein Knirps, der jedes Storchenpaar mit Nachwuchs - dem "halben" Storch - um das intakte Familienleben beneidet. Der Kleine lebt bei den Großeltern in einem siebenbürgischen Nest.

Die beiden - Iorgu ist Rumäne, Anni eine Siebenbürger Sächsin – sind für ihn Vater und Mutter. Die leiblichen Eltern leben an einem fernen Platz, Bukarest genannt; Fremde sind sie, die manchmal zu Besuch erscheinen. Familienvorstand ist die Großmutter, Anni, streng und deutsch, die Hüterin von Haus und Hof. Im Städtchen herrscht eine mit Toleranz gepaarte Vielfalt, Vielfalt der Idiome und Bräuche.

"Es ist nicht alles eins. Es ist alles zwei. Oder drei. Oder vier."

So gibt es auch drei Kirchen, für die Sachsen, die Ungarn, die Rumänen, und jede Glocke singt anders. Trotz bescheidener Verhältnisse - der Junge hat ein aufregendes und zugleich beschauliches Leben, in jener Zeit in Siebenbürgen:

"Ja, wir in unserem Hof stehen in der Mitte der Welt."

Besucher bringen Unruhe in den Ort, ältere Onkel, die im weißen Mercedes anreisen, Geschenke verteilen - auch "eiserne Autochen", Matchbox - und bei der Genossenschaft Pornobilder gegen raren Dieselkraftstoff tauschen. Die Onkel kommen "Ausdeutschland". Das ferne Reich (mit den verschiedenen Vornamen) scheint ein Märchenland zu sein: "Nachdeutschland" gehen manche Nachbarn, leben dann beneidet "Indeutschland".

"Dabei scheint Indeutschland ein recht jammernswerter Ort zu sein: Alle, die von dort vorbeikommen, drängt es vor der Abfahrt zum Weinen."

Zeit geht ins Land, das Kindheitsidyll bekommt Risse. Gemeinsam mit dem Autor und seinem Helden steigt der Leser von der glatten Oberfläche des Textes hinab in die biografischen Abgründe mancher Figuren. Großvater Iorgu etwa, der Gendarm gewesen ist: Nach Kriegsende musste er als "Handlanger der Russen" die Sachsen zusammentreiben.

Eine Frau konnte er vor der Deportation bewahren, indem er sie geheiratet hat: Anni, die Großmutter. Iorgus Vater wurde als Volksfeind enteignet, weil er vierzig Hektar Grund besaß. Mit der Securitate mochte Ex-Gendarm Iorgu später nichts zu tun haben. Nun arbeitet er bis zur Pensionierung in einem Zementwerk - und nährt seinen Groll auf die Herrschenden, die er abfällig "Diese" nennt. "Diese" haben dem Vater des Jungen kürzlich den Job weggenommen -er war Theaterregisseur in der Hauptstadt -, "diese" wollen den Großeltern jetzt das Haus nehmen, denn es gehörte einer Auswanderin.

Der Junge hört Geschichten: Von jenem Krieg "Mitdeutschland", der Familien zerrissen und die Siebenbürger Sachsen zu Aussätzigen gemacht hat. Vom allmächtigen "Genossen" in Bukarest, der den "neuen Menschen" züchten will. Von Bekannten und Verwandten, die sich mit dem "Genossen" und der Macht gefährlich eng einlassen.

Der Autor nutzt ein erprobtes Mittel, um uns Zeit, Land und Leute nahezubringen. Er schreibt aus Sicht des Jungen, mit dessen Erfahrungshorizont, seiner Naivität, in seiner manchmal skurrilen Sprache. (Bisweilen nur, bei der Beschreibung rumänischer Politik, gleitet der Verfasser ab in das technische Deutsch von recht erwachsenen Diplomaten.)

"Zweieinhalb Störche" ist ein gelungenes Debüt, eine geradlinige Erzählung mit Atmosphäre, Tiefgang und erfrischenden Dialogen. Ein Buch über die Sehnsucht - Sehnsucht nach dem Miteinander in einer längst unerreichbaren Region des Glücks, mag sie "Indeutschland" liegen oder in der Kindheit. Der Heimatort des Autors, vor achthundert Jahren gegründet von deutschen Kolonisten, zählt bei gut 6000 Einwohnern heute nicht einmal mehr hundert Siebenbürger Sachsen.

Rezensiert von Uwe Stolzmann

Claudiu M. Florian: Zweieinhalb Störche
Roman einer Kindheit in Siebenbürgen

Transit Verlag, Berlin 2008
239 Seiten, 19,80 Euro

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