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Fazit | Beitrag vom 12.12.2017

Zur Neubesetzung des polnischen FilminstitutsDes Ministers Marionette

Von Patrick Wellinski

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Der polnische Vize-Regierungschef und Kulturminister Piotr Glinski ist erst wenige Tage im Amt, will aber bereits am Polnischen Theater in Breslau ein missliebiges Stück absetzen lassen. (picture alliance / dpa)
Der polnische Kulturminister Piotr Glinski entschied sich am Freitag für Radoslaw Śmigulski. (picture alliance / dpa)

Die Leitung des polnischen Filminstituts sollte neu besetzt werden und wochenlang wurde über den Posten gestritten. Sogar Wim Wenders als Präsident der Europäischen Filmakademie hatte sich eingemischt. Nun steht fest, wer es ist: Radosław Śmigulski.

Ein Enigma, unbekannt und profillos. So lauten die ersten Reaktionen auf die Benennung des 38 Jahre alten Radosław Śmigulski zum Leiter des polnischen Filminstituts. Der studierte Jurist galt von Anfang an als Kandidat des Kulturministers Piotr Glinski und seines Stellvertreters Pawel Lewandowski, und das obwohl seine Erfahrungen in der Filmbranche eher peripher sind.

Śmigulski hat vier Jahre in der Filmagentur des polnischen Fernsehens gearbeitet und war anschließend kurzzeitig Direktor der Filmproduktionsfirma SYRENA FILMS, die neben einigen interessanten Koproduktionen in erster Linie für den Flop "KAC WAWA" bekannt ist. Ein 3D-Projekt von 2011, das von einigen Kritikern als schlechtester polnischer Film der letzten Dekade bezeichnet wurde.

Zuletzt zuständig für Vertrieb und Marketing

Zuletzt saß Śmigulski im Vorstand des größten polnischen Lottounternehmens und war dort zuständig für den Vertrieb und Marketing. Gerade dieser eher filmferne Hintergrund nährte schon in der Bewerbungsphase die Skepsis der - großteils liberal eingestellten - Filmbranche. Es entstand der Eindruck, Śmigulski sei lediglich eine politische Marionette, auch weil er in der Vergangenheit der konservativen Bewegung "Die Republikaner" nahe stand. Die Organisation war die politische Heimat des jetzigen stellvertretenden Kulturministers Lewandowski.

Ein umfassendes Programm hat Śmigulski, dem man vor allem Management-Fähigkeiten zuschreibt, noch nicht vorgestellt. In dem einzigen Radiointerview, das er drei Tage vor seiner Ernennung gab, betonte er vor allem ein Ziel als möglicher Filminstituts-Leiter:

"Was die Vielfalt der Projekte anbetrifft, sieht es anders aus. Da müssen wir noch ran. Und da geht es mir nicht nur um thematische Ansätze, sondern auch darum, dass eine breitere Schicht an Filmemachern auf die Gelder des Instituts zurückgreifen kann. Es ist nämlich so, dass viele Kreative keine Möglichkeit oder nur eine eingeschränkte Möglichkeit haben an die Fördergelder zu kommen."

Solche Äußerungen sind Wasser auf die Mühlen der Kritiker. Sie befürchten, dass so eine neue Filmpolitik durchgesetzt wird. Kulturminister Glinski forderte erst im Sommer eine verstärkte Förderung von Großprojekten, die die heldenhafte Geschichte Polens im Ausland bewerben sollen. Eine nationalistische Filmpolitik wurde bis lang vom Institut kaum finanziert.

Das letzte Wort behielt der Kulturminister

Besonderes Beispiel ist der von vielen als verschwörungstheoretisches Propaganda-Werk verurteilte Spielfilm "SMOLENSK" über den Absturz der polnischen Regierungsmaschine 2010, der ohne Finanzierung des Filminstituts entstand. Das Projekt wurde von einer Experten-Kommission als nicht förderwürdig eingestuft. Für Glinski und die Kulturpolitiker der regierenden PiS-Partei ist das Filminstitut schon viel zu lange in Händen der liberalen Kulturelite. Laut Neuleiter Śmigulski fühlen sich Teile der Branche vom reichen Fördertopf des Instituts ausgeschlossen:

"Die Frage lautet: Ist dieses Gefühl eines Teils der Branche gerechtfertigt oder nicht? Deshalb ist es wichtig, die Transparenz des Instituts zu erhöhen. Die Entscheidungsfindung muss klar und für alle sichtbar werden. Selbst Projekte, die abgelehnt werden, müssen offen für jeden begründet werden."

Dabei war vor zwei Monaten noch keine Rede von einer neuen Leitung des Filminstituts. Die Neubesetzung des Postens wurde erst diesen Oktober notwendig, nachdem Kulturminister Glinski die amtierende Leiterin Magdalena Sroka zwei Jahre vorm Ende ihrer Amtszeit vorzeitig entlassen hat. Ein hochgradig fragwürdiges politisches Manöver. Es kam zu Protesten.

Schreiben an einen amerikanischen Verband 

Der Vorwurf an Sroka: Sie habe das Vertrauen des Ministers verloren und das Ansehen der eigenen Institution und der Nation beschädigt. Der Grund soll ein Schreiben sein, an den amerikanischen Verband der Filmproduzenten, in dem vor einer möglichen Zensur in der Kunst durch eine xenophobe Regierung gewarnt wird.

Der Brief wurde von einem Mitarbeiter Srokas verfasst und auf einem vorgezeichneten Briefbogen verschickt. Obwohl die Leiterin den Mitarbeiter daraufhin suspendierte, reichte es Kulturminister Glinski nicht. Er entließ die Frau, die vor zwei Jahren einstimmig von der Filmbranche gewählt wurde. Auf welcher rechtlichen Grundlage ihre Entlassung nun erfolgte, bleibt bislang unbeantwortet.

Von den insgesamt sieben Bewerbern konnte keiner ein überzeugendes und zukunftsweisendes Konzept vorstellen, das den Herausforderungen des Instituts gewachsen sei. Das letzte Wort behielt der Kulturminister: Er entschied sich am Freitag für Radoslaw Śmigulski. Für fünf Jahre soll er die Geschicke des Filminstituts nun leiten. Das 2005 gegründete Institut gilt mit seinem jährlichen Budget von umgerechnet 40 Millionen Euro als wesentlicher Garant für den Erfolg des polnischen Films in In- und Ausland. Welche Art des Kinos daraus zukünftig entstehen wird, bleibt abzuwarten.

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