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Zeitfragen | Beitrag vom 13.02.2017

Zum Umgang mit VergewaltigungsvorwürfenAussage gegen Aussage

Von Thilo Schmidt

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Der Wettermoderator Jörg Kachelmann im Gerichtssaal des Kölner Landgerichts; Aufnahme vom Februar 2015
Der Wettermoderator Jörg Kachelmann im Gerichtssaal des Kölner Landgerichts; Aufnahme vom Februar 2015

Vergewaltigungsvorwürfe können auch falsch sein. Promintester Fall ist wohl Ex-Moderator Jörg Kachelmann. Und genau wie die sexuelle Nötigung für das Opfer hat auch die falsche Beschuldigung gegen den vermeintlichen Täter oft existenzielle Folgen.

Witte: "Die sagten dann zu mir: Kennen Sie eine Jennifer? Da wusste ich sofort, ist unser Kindermädchen. Ja, sag ich, kenn ich. Sagten die: Die war gestern Abend auf der Polizeiwache und hat Sie angezeigt, sie sagt, Sie hätten sie mehrfach vergewaltigt."

Ein kleines Dorf im Großraum Hannover. Ralf Witte schläft noch, als die Polizei morgens um zehn bei ihm klingelt. Witte, Straßenbahnfahrer bei den Hannoverschen Verkehrsbetrieben, hat gerade eine Nachtschicht hinter sich. 

Witte: "Ich sag: Was ist denn das für 'n Quatsch? Ich hab erst mal so in meinem Wohnzimmer geguckt, ob da einer ne Kamera hingestellt hat. Ich hab gedacht, so, versteckte Kamera. Ob die mich jetzt auf den Arm nehmen wollen. Und dann sag ich zu den Polizisten: Hey, pass mal auf, du holst mich hier gerade aus dem Bett. Es ist 10 Uhr. Ich bin um 6 Uhr zu Bett gegangen. Ich bin todmüde. Und wenn ihr mich hier verarschen wollt, dann kann ich auch noch anders. Ne? Da holt der Handschellen raus und sagt zu mir: Ja, wir können auch anders. Und da hab ich gedacht: Scheiße, die machen ernst. Was ist denn jetzt los?"

Ralf Witte versteht die Welt nicht mehr. Er soll Jennifer W. mehrfach vergewaltigt haben, zusammen mit dem Vater des Mädchens.

Witte: "Ich hab noch zu meiner Frau gesagt: Mach dir keine Gedanken, ich bin wieder da. Dann machen wir schnell einen DNA-Test, und das stimmt alles nicht, ich komm gleich wieder. Ja, dieses 'gleich wieder' dauerte dann 23 Tage. Da bin ich erst mal in Untersuchungshaft gegangen."

Witte weiß nicht nur, dass er unschuldig ist, Jennifer nicht vergewaltigt hat. Es sprechen auch alle Indizien dagegen. Keine DNA-Spuren am Tatort. Und:

Witte: "Für alles, was angeschuldigt wurde, gab es Alibis. Mit neutralen Zeugen, dass ich, was weiß ich, auf der Arbeit war, dass ich in anderen Orten war, dass ich auf ner Geburtstagsfeier war, und das konnte alles mit neutralen Zeugen widerlegt werden."

Suizidgefahr bei Mandanten

Es kann einen Menschen vernichten, ihn fälschlich einer Vergewaltigung zu bezichtigen.

Höpfner: "Ich würde wegen Diebstählen den Mandanten keinen Flyer geben vom Krisentelefon, in Sexualstraftaten überreiche ich regelmäßig Flyer vom Krisentelefon. Und empfehle auch die Telefonseelsorge."

Malte Höpfner, Strafverteidiger aus Berlin. Schwerpunkt: Sexualstrafrecht.

Höpfner: "Weil ich merke dort immer ne Suizidgefahr bei den Mandanten. Mit Berufskriminellen, bei Dieben, da hat man gar kein Problem. Die sind stabil. Hier bricht ne Welt für den Mandanten zusammen, der schon den Vorwurf sieht, aber auch sieht, wie das Umfeld darauf reagiert, in der Regel."

Keine Straftaten sind so geächtet wie Sexualstraftaten. Und kaum eine Straftat ist derart schwer widerlegbar – oder auch belegbar – wie eine Sexualstraftat.

Höpfner: "Sie werden nicht nur einem Beweis haben, der jetzt dazu führt, dass es ne Falschaussage ist, sondern ein gesamtes Bild aus verschiedenen Beweismitteln. Also die Aussage muss dazu passen, was das äußere Bild ist. Gibt es irgendwelche Verletzungen, die der Gynäkologe feststellt. Wenn die Aussage aber nun wiederum ist: Es war vor fünf Jahren gewesen, dann wird ein Gynäkologe heute nichts mehr feststellen."

Warum beschuldigt man jemanden zu Unrecht einer derartigen Straftat? Höpfner nennt mehrere Gründe. Persönlichkeitsstörungen, möglicherweise aufgrund eines tatsächlich – zum Beispiel in der Kindheit – erlittenen Sexualdeliktes, möglicherweise von jemand ganz anderem: Täterübertragung, ein weiteres Motiv. Manchmal ist es aber auch ganz banal.

Höpfner: "Da haben wir möglicherweise auch die Rache. Wir haben taktische Vorteile, wenn es um Beförderungen geht… Da kann man sich vieles vorstellen. Und das, was man sich vorstellen kann, ist auch etwas, was eintreten kann."

Die Wahrheitsfindung in solchen Fällen ist schwierig. Wenn Aussage gegen Aussage steht, es keine verwertbaren Spuren, keine ärztlichen Befunde oder Alibis gibt.

Höpfner: "Ich hatte Fälle, wo sich dann herausgestellt hat, dass der Beschuldigte zur angegebenen Tatzeit im Gefängnis gesessen hat. Das war dann natürlich ein schlagender Alibi-Beweis."

Ralf Witte hat Alibis. Doch die nützen ihm nichts. Die Staatsanwaltschaft Hannover stützt ihre Anklage gegen Ralf Witte unter anderem auf eine Psychologin, die die Glaubwürdigkeit der Aussage von Jennifer W. prüft. Sie hält ihre Vorwürfe für wahr.

Höpfner: "Es gibt sicherlich auch das Problem, dass ich in meiner Praxis feststelle, dass manche Staatsanwälte sich Gutachter holen, die nicht der ersten Liga entsprechen. Und teilweise, aus meiner Sicht, das Ergebnis schon von vorneherein feststeht, ohne dass die Gutachter überhaupt den Fall zu betrachten haben."

2004 Prozessbeginn für Ralf Witte

Das Landgericht Hannover eröffnet 2004 den Prozess gegen Ralf Witte. Obwohl die ärztlichen und rechtsmedizinischen Untersuchungen dagegen sprechen.

Witte: "Die sind uns aber erst im Laufe des Verfahrens bekannt geworden. Und da war dann auch so ein Satz drin: ´Das Hymen ist reizlos gekerbt.` Konnte ich aber gar nichts mit anfangen, zu der Zeit. Das Hymen ist das Jungfernhäutchen und ´reizlos gekerbt` ist halt durch Spagat, durch einen Finger beschädigt worden. Aber das, was sie uns vorgeworfen hat, zwei Mal die Woche von ihrem Vater, drei Mal die Woche von mir, und mit Flasche einführen, und so, das kann alles nicht stattgefunden haben, das ging gar nicht."

Eine gute Ausgangslage für Ralf Witte, der sich sicher ist, dass er nicht verurteilt wird.

Witte: "Dementsprechend hatte ich auch ne große Klappe im Gerichtssaal, weil mir kann ja nichts passieren. Ich hab ja nichts getan."

Autor: "Und das war ein Irrtum?"

Witte: "Das war ein richtiger Irrtum. Im Mai 2004 habe ich 12 Jahre und acht Monate Gefängnis bekommen."

Zwölf Jahre und acht Monate. Als vermeintlicher Sexualstraftäter. Witte weiß, die sind im Knast das Letzte. Erst recht, wenn es um Minderjährige geht. Witte erzählt den Mithäftlingen seine Geschichte.

Witte: "Ich hatte das Glück, das man mir da drinnen geglaubt hat."

Autor: "Können Sie sich ausmalen, was passiert wäre, wenn man Ihnen nicht geglaubt hätte?"

Witte: "Das wäre schlimm. Weil da waren einige, die es gemacht haben, die zwar gesagt haben, sie haben ein Auto geklaut, aber da deutete vieles darauf hin, und die haben es sehr, sehr schwer da drin gehabt. Also wenn die alleine duschen gegangen sind, da waren dann schon zwei hinterher, die dann darauf gelauert haben, dass… also im Gefängnis geht richtig die Post ab."

Vorwürfe, die nach Jahren angezeigt werden

Ralf Witte wurde verurteilt – trotz ihn entlastender medizinischer Untersuchungen, trotz Alibis, trotz fehlender DNA. Schwierig sind Vorwürfe, die nach langer Zeit, nach Jahren angezeigt werden.

Höpfner: "Die lange zurückliegenden Fälle haben ne größere Wahrscheinlichkeit, dass sie erfunden sind."

Strafverteidiger Malte Höpfner.

Höpfner: "Es ist eben etwas, was aus dem Gehirn konstruiert worden ist, wo man sich eben auch irrt über bestimmte Geschehnisse, nach Traumatherapien, nach sonstigen Psychotherapien, wo dann irgendwann mal ein Psychologe sagt: Das ist jetzt aber ein Anzeichen für etwas Schwieriges, was in der zurückliegenden Zeit gelegen hat. Und dann kommt man da noch zu irgendwelchen… nennen wir sie Quacksalbern, mit irgendwelchen Erinnerungstherapien, und nach langer Therapie erinnert man sich dann Sexualstraftaten."

Volbert: "Wenn man an traumatische Kindheitserinnerungen beispielsweise denkt, dann liegen Sexualdelikte nicht fern."

Renate Volbert, Aussagepsychologin an der Berliner Charité, eine der profiliertesten ihres Faches. Am Prozess gegen Ralf Witte war sie nicht beteiligt. 

Volbert: "Und wenn man anfängt, an Situationen zu erinnern, wo es einem vielleicht nicht gut gegangen ist, dann kann es sein, wenn man solchen Erinnerungsprozessen auch nicht kritisch gegenübersteht, möglicherweise im sozialen Umfeld vielleicht noch darin unterstützt wird, dass im Laufe der Zeit, wenn man sich intensiv damit beschäftigt, dass Bilder im Kopf entstehen oder Filme im Kopf entstehen, wie es gewesen sein könnte, und dass, wenn man sich sehr viel damit beschäftigt, dass man dann diese Bilder im Kopf im Rahmen eines Quellenverwechselungsfehlers, diese Bilder für tatsächliche Erinnerungen hält."

Autor: "Und man erinnert sich auch an einen Täter dann?"

Höpfner: "Der wird dann auch gesucht. Bis es dann der Passende ist."

Die Erinnerungsverfälschung, also das unbeabsichtigte Verfälschen der eigenen Erinnerung – oder auch die Konfabulation, bei der mehr Informationen aus dem Gehirn abgerufen werden, als tatsächlich gespeichert sind, spielen in diesem Zusammenhang bei der forensischen Psychologie eine wichtige Rolle. 

Wenn Renate Volbert von einem Gericht gerufen wird, muss sie mit den Mitteln der Aussagepsychologie beurteilen, ob eine Anschuldigung glaubhaft ist.

Volbert: "Es geht eigentlich darum, Gegenhypothesen zur Wahrannahme zu prüfen. Das heißt, wir schauen, ob die vorhandene Aussage nur mit der Annahme in Einklang zu bringen ist, dass es sichum eine tatsächlich erlebnisbasierte Aussage handelt, oder ob die Aussage auch mit anderen Annahmen in Einklang zu bringen ist."

Also eine falsche Erinnerung, begründet zum Beispiel durch ein psychisches Leiden. Oder: Eine absichtliche, böswillige Falschaussage.

Volbert: "Wir versuchen ja, das herauszufinden, ne? Es ist eigentlich nicht so sehr, dass wir nach Anzeichen für Täuschung suchen, die sind nämlich schwer zu finden. Das heißt, wir machen eigentlich was Umgekehrtes, wir schauen, spricht das dafür, dass es auf Erinnerung hinweist, auf tatsächliches Erleben hinweist. Es ist tatsächlich relativ schwierig, eine komplexe Aussage mit hoher Qualität zu berichten, wenn man die tatsächlich nicht erlebt hat. Weil Lügen ist nämlich gar nicht so einfach, insbesondere unter den Bedingungen einer Aussage vor Gericht."

"So könnte es gewesen sein"

Eine wahre Aussage basiert auf einer Erinnerungsrepräsentation, also dem Abrufen tatsächlich erlebter Situationen. In eine erfundene Aussage gehen andere Informationen ein, die auf Schemawissen basieren – "so könnte es gewesen sein".

Unter anderem daran beurteilt Renate Volbert die Qualität einer Aussage. 

Volbert: "Ein lügender Zeuge muss sich nicht nur was ausdenken, das wäre auch schon anspruchsvoll, aber das wäre nur eine Aufgabe. Der muss die nicht nur aufschreiben, sondern in einer Befragungssituation kommunizieren, da werden Nachfragen gestellt, die zum Teil unerwartet sind, die müssen widerspruchsfrei ergänzt werden, und man muss immer gucken: Glaubt mein Gegenüber mir noch, ne? Das heißt, man hat viele Aufgaben simultan auszuführen, was wirklich anspruchsvoll ist.

Und Hinweise wie: 'Ach, das weiß ich jetzt gar nicht mehr', oder 'das hört sich vielleicht komisch an', das würde man vielleicht, wenn man weiß, die Geschichte stimmt nicht, unterlassen, weil man denkt, man bringt den anderen erst darauf, skeptisch zu werden. In Wirklichkeit ist es aber so: Wenn sie eine tatsächliche Erinnerung haben, und sie fangen an zu erzählen, dann denken Sie, Sie können sich gut erinnern. Und beim Erzählen merken Sie: Komisch, das weiß ich jetzt gar nicht mehr so ganz genau. Wenn man das konstruiert hat, hat man diese Prozesse gar nicht. Man müsste sie zusätzlich simulieren."

Rechtsmedizinische Untersuchung bei Vergewaltigungsopfern

Püschel: "Zunächst einmal untersuchen wir jedes Opfer prinzipiell so, als wenn das alles stimmt, was das Opfer sagt."

Das ist Klaus Püschel wichtig, er betont es mehrfach. Püschel ist Direktor der Rechtsmedizin am UKE, am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Püschel: "Wenn die Untersuchungsmaßnahmen und die gesamte Dokumentation abgeschlossen ist, dann werden wir natürlich auch überlegen, ob das so abgelaufen sein kann, wie das Opfer das schildert. Oder kommen andere Mechanismen in Betracht, muss man sogar an andere Mechanismen denken."

Wenn Vergewaltigungsopfer in die Ambulanz für Gewaltopfer am UKE kommen, kümmern sich die Rechtsmediziner zuerst um die medizinische Versorgung. Und sichern und sichten Spuren. Kleidung, Spermaspuren, Fingerabdrücke, DNA, KO-Tropfen. Untersuchen den Intimbereich. Und schauen sich die Verletzungen an. Schnittverletzungen zum Beispiel.

Püschel: "Also wie tief sind sie, wie lang sind sie, in welcher Körperregion liegen sie, haben sie eine auffällige Anordnung. Typisch für selbstbeigebrachte Verletzungen ist, dass diese Verletzungen sehr oberflächlich sind, dass es häufig viele sind, in derselben Körperregion, häufig auffällig parallel, manchmal wie gezeichnet, es sind auch Figuren gezeichnet…

Also für selbstbeigebrachte Stich- und Schnittverletzungen gibt es klare Kriterien, die wir gedanklich schon immer abchecken und wo wir dann der Polizei auch entsprechende Hinweise geben, dass wir hier eine entsprechende Verdachtslage haben."

Die Tatsache, dass nur ein kleiner Teil der angezeigten Vergewaltigungen tatsächlich zur Anklage gebracht wird, lässt keinen Schluss in die eine oder die andere Richtung zu. Gibt es nicht genügend Beweise gegen den mutmaßlichen Täter? Oder gibt es berechtigte Zweifel an der Aussage des Opfers? Über die Gründe für die Einstellung der Verfahren führt niemand Buch. Der Rechtsmediziner Klaus Püschel konstatiert aber einen deutlichen Anstieg der vorgetäuschten Vergewaltigungen in den letzten Jahrzehnten.

Püschel: "Wir haben kürzlich eine Untersuchung gemacht, da ging es allerdings nur um sehr junge Opfer, und da hatten wir das Verhältnis in etwa so: Ein Drittel der Fälle nach unserer Einschätzung nicht sicher, eher vorgetäuscht, bei einem Drittel wissen wir nichts, das können wir letztlich nicht beurteilen, und ein Drittel ganz offensichtlich sexueller Übergriff, so wie es das Opfer sagt."

Parallelen zu Wittes Verfahren

Ralf Witte liest viele Bücher im Knast. Unter anderem "Unrecht im Namen des Volkes" der Zeit-Autorin Sabine Rückert. In einem dort beschriebenen Gerichtsirrtum erkannte er Parallelen zu seinem Verfahren.

Witte: "Das war alles identisch. Zwei Personen der Vergewaltigung bezichtigt, auch ein Borderline-krankes Mädchen, gestörtes Persönlichkeitsverhältnis, alles wie in unserem Fall. Alles genau das Gleiche. Und ich hab immer nur gelesen: Rechtsanwalt Schwenn aus Hamburg. Rechtsanwalt Schwenn aus Hamburg. Und der hat dann dies gemacht. Und der hat dann das gemacht. Und am Ende, durch ne Wiederaufnahme, führte dieses Verfahren zum Freispruch. Und dann hab ich meiner Frau gesagt: Schatz, wenn du willst, dass ich noch mal nach Hause komme, dann musst du es schaffen, diesen Anwalt zu kriegen."

Die Wittes können Johann Schwenn als Verteidiger gewinnen. Kurz zuvor kam außerdem heraus: Bereits drei Monate nach dem Urteil des Landgerichts – noch in der Revisionsfrist – hatte Jennifer W. weitere Anschuldigungen gegen ihren ebenfalls bereits verurteilten Vater erhoben. Er habe sie bereits mit acht Jahren an einen Kinderpornoring ausgeliefert, dort sei auch ein Kind getötet worden. Sie beschrieb Orte und Personen recht genau – aber trotz jahrelanger Ermittlungen konnte die Polizei keinen realen Hintergrund dieser Erzählungen ausmachen. Weder die Orte noch die Personen existierten. Die Staatsanwaltschaft behält die Ermittlungen für sich. Teilt sie weder dem Richter noch Witte oder seinem Anwalt mit. Schwenn erreicht daraufhin Wittes Haftentlassung.

Schwenn: "Die Staatsanwaltschaft Hannover hat sich da sehr schwer getan, sich auch unprofessionell verhalten. Das tut man nicht, man versteckt keine Akte, sperrt sie nicht, wenn man weiß, das ist ein klarer Hinweis darauf, dass hier jemand unschuldig sitzt."

Die fachlichen Mängel an den Gutachten, auf deren Basis Witte verurteilt wurde, hätten sich dem Landgericht erschließen müssen, sagt Rechtsanwalt Schwenn.

Schwenn: "Das aussagepsychologische Gutachten war unter Verstoß gegen die Grundsätze der wissenschaftlichen Psychologie erstattet worden, das psychiatrische Gutachten beruhte auf einem sogenannten Zirkelschluss. Das heißt, die psychischen Auffälligkeiten, die die Nebenklägerin bot, wurden auf die Tat zurückgeführt, die nun aber im Verfahren erst bewiesen werden sollte, und das rechtsmedizinische Gutachten war so mangelhaft, dass sich dem Gericht das eigentlich hätte erschließen müssen."

Johann Schwenn legt ein neues psychiatrisches Gutachten vor, dass Jennifer W. ein Boderline-Syndrom attestiert. Er erreicht die Wiederaufnahme des Verfahrens beim zuständigen Landgericht Lüneburg. Gegen den Widerstand der Staatsanwaltschaft Hannover übrigens, die dazu, so Schwenn, aber gar nicht befugt ist. Das Landgericht Lüneburg spricht Ralf Witte im September 2010 frei. Nach fünf Jahren unschuldig hinter Gittern.

Witte: "Kann man nicht beschreiben. Fühlt man nichts. Zu dieser Zeit als der Richter sagt: Wird freigesprochen, die Kosten gehen auf die Staatskasse. Da ist sicherlich ein bisschen Freude da, aber worüber man sich freut, das stellt man erst viel später fest."

Der Vorsitzende Richter entschuldigt sich für seine Hannoveraner Kollegen und sagt:

"Dieser Fall hätte in Hannover nicht einmal angeklagt werden dürfen."

Ralf Witte ist wieder zuhause. Eines Abends sieht er mit seiner Frau einen Fernsehbericht über einen anderen vermeintlichen Sexualdelinquenten, der gerade vor Gericht steht: Jörg Kachelmann.

Witte:  "Und dann sagt meine Frau zu mir: Hey, den werden sie genauso verbraten, wie sie dich verbraten haben. Und da hab ich gesagt: Ja, mit dem Anwalt sieht das nicht gut aus für ihn. Und da hat meine Frau gesagt: Ja, ruf den doch mal an! Da sag ich: Klar, Kachelmann steht auch im Telefonbuch. Ich guck mal eben…"

Doch Ralf Witte gelingt es, Jörg Kachelmann zu erreichen. Er rät ihm, seinen Anwalt durch Johann Schwenn zu ersetzen.

Schwenn: "Naja, ich bin ja nun auf diesem Gebiet, der vermeintlichen Sexualdelinquenz relativ häufig tätig und hätte nun nicht gedacht, dass ein solches Mandat auf diese Weise zustande kommt, zumal ja Herr Kachelmann auch einen Verteidiger hatte. Aber Herrn Witte hat das irgendwie nicht ruhen lassen, jedenfalls ging bei mir ein Anruf an, ich möge doch bitte mal Herrn Kachelmann zurückrufen wegen Herrn Witte. Das konnte ich überhaupt nicht zusammenbringen."

Neuer Fall: Jörg Kachelmann

Der Moderator und Meteorologe, inhaftiert nach dem Vergewaltigungsvorwurf von Claudia Dinkel, seiner damaligen Liebhaberin. Sie war bei weitem nicht die einzige, das ist eine andere Geschichte – aber das ist mutmaßlich der Grund für die falsche Beschuldigung. Bei einigen Aussagen hatte Claudia Dinkel vor Gericht gelogen, eine Aussagepsychologin hält den geschilderten Tatablauf in Teilen für "unwahrscheinlich bis unmöglich". Doch die Boulevardpresse hat ihr Urteil längst gefällt: Kachelmann ist schuldig. Die Bild-Zeitung engagiert Alice Schwarzer als Prozesskolumnistin. Auch die Staatsanwaltschaft hatte sich offenbar schon festgelegt.

Kachelmann: "Das war für mich ein schwerer Moment, als Sohn eines deutschen Beamten, zu sehen, dass deutsche Beamte brandschwarz lügen können, auch gerade in der Justiz, als eben ein Staatsanwalt aus Mannheim vor die Kameras trat und behauptet hatte, als Begründung zur Anklage gegen mich, es sei DNA von mir gefunden worden und Blut des Opfers, in dieser Formulierung, auch nicht 'angeblich', was beides brandschwarz gelogen war. Es war weder Blut der Falschbeschuldigerin auf dem Messer, noch war meine DNA auf dem Messer. Ein deutscher Beamter macht das, aus Mannheim, natürlich auch immer das Problem: Ohne, dass er irgendwelche Folgen dafür zu gewärtigen hätte."

Sein Verteidiger Schwenn benennt den Hamburger Rechtsmediziner Klaus Püschel, der bei Gericht vorträgt, er könne ein überfallartiges Geschehen ausschließen.

Püschel: "Ich kann sagen, dass wir hier in Hamburg bei der Untersuchung der Zeugin von Anfang an einen ganz klaren Verdacht in Richtung Selbstbeibringung geäußert hätten, und dass wir von Anfang an gegenüber ihrer Version sehr große Skepsis angemeldet hätten."

Das Landgericht Mannheim sprach im Mai 2011 – in dubio pro reo – einen Freispruch zweiter Klasse. Der Freispruch, sagt der Richter in der Urteilsbegründung, beruhe nicht darauf, dass das Gericht von der Unschuld Kachelmanns überzeugt sei.

Püschel: "Ich schätze das so ein, dass die hier in Hamburg nicht den Antrag auf einen Haftbefehl gestellt hätten. Sondern unter Berücksichtigung der rechtsmedizinischen Begutachtung die Zeugin tatsächlich unter Umständen sogar vor Gericht gekommen wäre. Wegen der Vortäuschung einer Straftat, so heißt das ja im Gesetz."

Tatsächlich ist es die absolute Ausnahme, dass böswillige Falschbeschuldigungen juristische Folgen haben.

Kachelmann: "Deswegen gibt es auch so viele Falschbeschuldigungen, weil natürlich auch die Falschbeschuldigerinnen wissen, dass ihnen am Ende nichts passiert. Es ist das perfekte Verbrechen in Deutschland. Die Wahrscheinlichkeit wegen einer Falschbeschuldigung, dass irgendwas passiert, dass man ins Gefängnis kommt oder so, ist praktisch null. Und das ist die Ursache dafür letztendlich, dass es dieses Verbrechen so oft und immer öfter gibt."

Keiner der Protagonisten, die hier zu Wort kommen, will sexuelle Gewalt gegen Frauen verharmlosen oder gar die "entrechteten Männer" rächen. Jörg Kachelmann nicht und auch ich nicht. Das Gegenteil ist der Fall: Falsche Beschuldigungen schwächen die tatsächlichen Opfer sexueller Gewalt. Und: Falschbeschuldigung ist eine Straftat, die weitreichende, oft lebenslange, manchmal lebensbedrohliche Konsequenzen für die Opfer hat.

Kachelmann: "Ich hab mir gedacht, als ich da in Mannheim saß, dass das nicht sinnlos sein soll, dass mir das jetzt passiert ist. Und ich wusste natürlich, dass ich ein sturer Bock bin, und dass ich letztendlich auch den langen Atem haben würde, mich dagegen zu wehren, was passiert ist, und ich wusste auch, dass die Prominenz, die ich hatte, natürlich was sehr furchtbares beinhaltete, nämlich in der Bildzeitung als Sau durchs Dorf geschleift zu werden, aber dass auch die Prominenz mir helfen würde, letztendlich auch den Kampf aufzunehmen, und ich war auch überzeugt, den Kampf am Ende zu gewinnen und auch dadurch bekannt machen zu können."

Jörg Kachelmann gibt sich mit dem Urteil des Landgerichts Mannheim nicht zufrieden. Er erstreitet von Bild, Bunte und Focus Schmerzensgeld in sechsstelliger Höhe. Setzt sich juristisch gegen Alice Schwarzer zur Wehr. Vor dem Landgericht Frankfurt strengt er einen Schadenersatzprozess gegen Claudia Dinkel an. Es geht um Gutachterkosten in niedriger fünfstelliger Höhe. Doch am Ende steht etwas, dass ihm viel wichtiger ist: Das Gericht stellt fest, dass Claudia Dinkel ihn "vorsätzlich und wahrheitswidrig" der Vergewaltigung bezichtigt habe. Und das ist nicht weniger als seine juristische Rehabilitation. Sonst ist nichts mehr wie es vorher war. Kachelmann hat seine Jobs als Moderator und Meteorologe bei der ARD verloren – und nicht wiederbekommen. Die Beteiligungen an der von ihm gegründeten Meteomedia musste er verkaufen.

Kachelmann: "Es ist, glaube ich, ziemlich einer der größten Katastrophen, die einem Mann begegnen können. Jeder hat seine individuelle Katastrophe, ich hab relativ früh, glaube ich, dann verstanden, dass mein Leben in keiner Form mehr das sein würde, wie ich es hatte, dass alles ganz anders ist, dass man sozusagen – so wurde ich auch behandelt – alle bürgerlichen Rechte abgegeben hat. Und es war und ist immer noch ein langer Kampf der Erholung davon, auch für meine Familie, ich hab ein Kind, dass Ende Dezember 2016 drei Jahre geworden ist, und für dieses Kind war es mir auch wichtig, dass wir auch schaffen, gemeinsam als Familie, dass dieser Vorwurf auch juristisch in jeder Form ausgeräumt ist."

Aussage gegen Aussage

Die älteste dokumentierte Falschbeschuldigung steht in der Bibel, Genesis 39, Vers 1 bis 21.

"Der hebräische Sklave, den du uns gebracht hast, ist zu mir gekommen, um mit mir seinen Mutwillen zu treiben."

Schon damals waren das angebliche Opfer und der vermeintliche Täter alleine, es steht Aussage gegen Aussage. Und Josef landet im Kerker. 

Manchmal gibt es keine Verletzungen. Es gibt keine Zeugen, dafür reichlich DNA, und es ist unstrittig, dass Geschlechtsverkehr stattgefunden hat. Das ist ja unter Lebensgefährten nicht ungewöhnlich. Wie soll man unter diesen Umständen beweisen, vergewaltigt worden zu sein – oder aber, nicht vergewaltigt zu haben? Und kann das Gericht auf dieser Basis urteilen?

Schwenn: "Ja, das kann durchaus so sein, dann nämlich, wenn das Gericht dem tatsächlichen oder vermeintlichen Opfer glaubt. Man sagt, es sei die Domäne des Tatrichters, sich über die Glaubwürdigkeit schlüssig zu werden, und dann kann es in der Tat sehr schnell zu einem auch falschen Urteil kommen, gegen das später auch kein Kraut gewachsen ist. In der Revision geht es nur um rechtliche Fehler, und jemandem geglaubt zu haben ist kein rechtlicher Fehler."

Volbert: "Bei Vergewaltigungsvorwürfen ist nicht selten der Fall, dass gar nicht in Frage steht, dass es zu einer sexuellen Handlung gekommen ist. Aber dass in Frage steht, einerseits, ob das jetzt mit Einvernehmen war oder nicht und andererseits, ob diese Frage des fehlenden Einvernehmens auch zum Ausdruck gebracht worden ist oder nicht. Das heißt, da hat man im Grunde ganz wenig Material, was relevant ist für die aussagepsychologische Begutachtung."

Aussagepsychologin Renate Volbert, Charité Berlin. 

Volbert: "Eine retrospektive Bewertung unter dem Wissen einer gescheiterten Beziehung – da ist auch noch mal die Frage, wenn man sagt ‚ich habe das damals nicht gewollt‘, was bedeutet das eigentlich, ne? Manchmal ist man ja bereit, irgendwas in Kauf zu nehmen sozusagen, was man eigentlich überhaupt nicht will. Und dann ist es trotzdem richtig, zu sagen, man hatte es nicht gewollt, man hat es ja auch eigentlich nicht gewollt. Das ist aber noch mal was Anderes, als klar damals zum Ausdruck gebracht zu haben, dass man etwas nicht gewollt hat. Das heißt das sind Situationen, die wirklich sehr schwer zu beurteilen sind."

Falschbeschuldigungen im sozialen Nahbereich – also unter Freunden, Ehe- oder Lebenspartnern sind keine Seltenheit. Oft sind Kränkungen nach gescheiterten Beziehungen die Ursache, Rache oder Habgier. Und immer öfter geht es um Vorteile beim Sorgerecht für gemeinsame Kinder. Jörg Kachelmann. 

Kachelmann: "Das hab ich auch gesehen bei Mitgefangenen, dass sobald ein Mann auch nur in U-Haft ist, ihm routinemäßig, sofort, vom Familiengericht alles entzogen wird, was es noch an Möglichkeiten gibt, fast alle Kinderfotos, die da in den U-Haft-Zellen – wie gesagt, es wird immer so schön gesagt, es gilt die Unschuldsvermutung – alle diese Kinderfotos waren von Kindern, die diese Mitgefangenen nicht mehr gesehen haben. Weil eben viele Frauen diesen Moment nutzen, sofort, um das alleinige Sorgerecht zu bekommen."  

Ralf Wittes Familie ist nicht zerbrochen all die Jahre. Das ist sein großes Glück. Spuren hat das Drama dennoch bei allen hinterlassen.

Witte: "Unser jüngster Sohn musste die Schule wechseln, weil sein Sozialverhalten anderen Kindern gegenüber so schlecht wurde, wenn man ihn angesprochen hat, fing er gleich an zu hauen. Und bei Kindern ist das ja so, die Kinder sind ja gar nicht die Schlimmen. Das sind die Eltern, die sagen, oh, hier, mit denen darfste aber nicht spielen, der Vater sitzt im Gefängnis, und er kam nach Hause von der Schule, Kindergarten, und hat sich komplett ausgezogen und erstmal gewaschen. Weil die Welt da draußen, aus der er kam, die war dreckig, und zuhause sein Reich, da war er dann sauber."

Witte hat das Geschehene aufgearbeitet, betreibt die Webseite Justizopferralfwitte.de, schreibt ein Buch darüber. Er ist arbeitsunfähig.

Witte: "Ich bin verrentet worden. Weil wenn man fünfeinhalb Jahre da drinnen ist, da bleiben schon Spuren. Und die meisten Spuren sind im Kopf. Ich hab heut noch teilweise schlaflose Nächte. Oder Nächte, wo ich schweißgebadet aufwache. Da sind schon Dinge passiert, jetzt nicht mit mir, auch mit anderen Häftlingen, was weiß ich, unter anderem war dort einer, der auch wegen einem Missbrauchsvorwurf da war, und der hat sich am dritten Tag aufgehängt. Das muss man erst mal verarbeiten."

Witte erhielt für die fünf Jahre, die er unschuldig saß, 50.000 Euro Entschädigung. Abgezogen wurden 6000 Euro Haftkosten. Auch wer unschuldig sitzt, muss das Essen im Knast bezahlen.

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