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Fazit | Beitrag vom 13.07.2017

Zum Tod von Liu Xiaobo Neue Hoffnung auf Ausreise der Witwe Liu Xia

Regula Venske im Gespräch mit Gabi Wuttke

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Regula Venske steht am Fenster des Tagungsorts und lächelt in die Kamera.  (dpa)
Die Präsidentin des PEN-Zentrums Deutschland, Regula Venske, trauert um den verstorbenen chinesischen Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo (dpa)

Nach dem Tod des chinesischen Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo hofft die Präsidentin des PEN-Zentrums Deutschland, Regula Venske, dass die chinesischen Behörden nun seiner Witwe Liu Xia und dessen Bruder Liu Hiu die Ausreise in die USA gestatten.

Der chinesische Aktivist Liu Xiaobo war nach schwerer Krankheit in Peking gestorben. Er litt unter schwerem Leberkrebs, durfte China jedoch trotz Behandlungsangeboten aus Deutschland nicht verlassen. Der Friedensnobelpreisträger des Jahres 2010 saß seit vielen Jahren im Gefängnis. Liu war 2009 wegen "Untergrabung der Staatsgewalt" zu elf Jahren Haft verurteilt worden. Er hatte das Manifest "Charta 08" veröffentlicht, in dem er einen "freien, demokratischen und verfassungsmäßigen Staat" einforderte. 10.000 Menschen, unter ihnen auch viele Intellektuelle, unterschrieben das Manifest.

Der Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo im Jahr 2008. (dpa-Bildfunk / AP Video)Der Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo im Jahr 2008. (dpa-Bildfunk / AP Video)

Trauer um Liu Xiaobo

"Im deutschen PEN hat man sich auch schon seit vielen, vielen Jahren für ihn engagiert, bevor er den Friedensnobelpreis bekam, wurde er mit unserem Hermann Kesten Preis ausgezeichnet", sagte Schriftstellerin und Präsidentin des PEN-Zentrums Deutschland, Regula Venske, im Deutschlandfunk Kultur über den Tod von Liu Xiaobo.

"Heute ist ein sehr, sehr trauriger Tag, ich selbst bin etwas weinend die Straße entlang gegangen und ich weiß mich aber verbunden in der Trauer mit Schriftstellern weltweit und natürlich allen, die sich für Menschenrechte und Demokratie interessieren und denen diese Werte am Herzen liegen."

"Brutale Sippenhaft"

Sie hoffe sehr darauf, dass die chinesischen Behörden jetzt der Witwe Liu Xia und dem Bruder von Liu Xiaobo, Liu Hiu, die Ausreise in die USA gestatten werden, sagte Venske. Liu Xia habe während der Haftzeit ihres Mannes unter Hausarrest gestanden. "Das war eine ganz brutale Sippenhaft." Es gehe der Witwe sehr schlecht, sie sei herzkrank und durch den Hausarrest depressiv geworden. Deshalb sei sehr zu hoffen, dass wenigstens sie nun in die Freiheit ausreisen könne. 

Die US-Regierung, die Bundesregierung und die Vereinten Nationen (UN) hatten nach dem Tod des Friedensnobelpreisträgers gefordert, Peking sollte Liu Xia aus dem Hausarrest entlassen und ihr entsprechend ihren Wünschen die Ausreise gewähren. 


Das Interview im Wortlaut:

Moderatorin: Die chinesische Führung will ihrem Kritiker die besten Ärzte geschickt haben, auch ein deutscher Onkologe durfte Liu Xiaobo untersuchen. Er bot eine palliative Behandlung in Deutschland an. Aber der Wunsch, hierher ausreisen zu dürfen, wurde nicht erfüllt. Auch der internationale Schriftstellerverband hatte gefordert, Liu Xiaobo in die Freiheit zu entlassen. Guten Abend, Regula Venske, Präsidentin des deutschen PEN!

Venske: Guten Abend!

Moderatorin: Er war ein wahrer politischer Häftling, und er hat den höchstmöglichen Preis für seinen unermüdlichen Kampf bezahlt, so trauert der Vorsitzende des Friedensnobelpreiskomitees. Was bedeutete Ihnen Liu Xiaobo?

Venske: Im deutschen PEN hat man sich auch schon seit vielen Jahren für ihn engagiert, bevor  er den Friedensnobelpreis bekam, wurde er mit unserem Hermann-Kesten-Preis ausgezeichnet. Das ist uns immer wichtig zu sagen, dass das schon vorher entschieden war. Heute ist wirklich ein sehr trauriger Tag. Ich selbst bin etwas weinend die Straße entlang gegangen. Ich weiß mich aber verbunden doch in der Trauer mit Schriftstellern weltweit und natürlich allen, die sich für Menschenrechte und Demokratie interessieren und denen diese Werte am Herzen liegen.

Moderatorin: Auch der PEN forderte ja eine Behandlung im Ausland. Wang Dang, 1989 Studentenanführer, fragt heute auf Facebook, ob das, Zitat, "ein politischer Mord" war. Was ist ihre Antwort?

Venske: Das ist wirklich ein wuchtiger Satz, und ich lass den jetzt mal so stehen.

Auch Politiker machten sich stark  

Moderatorin: Die Bundeskanzlerin würdigte Liu Xiaobo heute ebenfalls als mutigen Kämpfer. Nun wird China von ihr aber gerade zum neuen starken Partner aufgebaut.  War sie gegenüber Xi Jinping beim G-20-Gipfel nicht nachdrücklich genug?

Venske: Ich glaube schon, dass auch unsere Politiker sich doch sehr stark gemacht haben und sehr eingesetzt haben. Wir haben ja selbst auch mit dem Auswärtigen Amt und auch dem Bundeskanzleramt in Kontakt gestanden. Was da alles hinter den Kulissen gelaufen ist, das wird man vielleicht irgendwann mal besser wissen als jetzt heute Abend. Das ist natürlich immer das Problem der Politik, dass man diplomatisch ist, natürlich aber doch auch etwas bewirkt, und das würde ich ihnen doch auch zugute halten wollen.

Aber wir alle haben zusammen nicht genügend Kraft entwickeln können, und das ist natürlich furchtbar traurig, weil man ja immer gehofft hat, dass er vorzeitig doch vielleicht noch begnadigt würde und vorzeitig entlassen würde. Er hätte jetzt noch bis Juni 2020 seine Haftstrafe absitzen müssen. Auch das ist ja ein Zeitrahmen, den man überblicken kann.

Symbol für seine Bewegung

Moderatorin: In Hongkong dürfen und trauern die Menschen auf der Straße. Ich habe eben Wang Dang zitiert. Glauben Sie, er muss jetzt um  seine Freiheit fürchten? Oder, andersherum gefragt, kann der Tod von Liu Xiaobo vielleicht etwas in China in Bewegung bringen?

Venske: Ich würde nicht spekulieren, dass jemand etwas befürchten muss. Ich möchte eher mich dann Liu Xiaobo anschließen, der ja Frieden und Hoffnung und Liebe auf seine Fahne geschrieben hatte, wenn man da von Fahne jetzt sprechen mag. Die Hoffnung ist natürlich, dass er, der ja eine Symbolfigur schon längst ist auf jeden Fall für die Exilchinesen, dies aber doch auch im Land selbst für eine weitere Bewegung sein wird.

Moderatorin: US-Außenminister Tillerson und Sigmar Gabriel sind sich mal einig, und zwar in der Forderung, dass Liu Xia China verlassen darf. Kann wenigstens seine Witwe auf Freiheit hoffen? Was glauben Sie?

Venske: Ich hoffe das sehr für Liu Xia und auch natürlich für Liu Xiaobos Bruder. Liu Xia hat ja fast die gesamte Zeit, in der Liu Xiaobo inhaftiert war, unter Hausarrest gestanden, und das war eine ganz brutale Sippenhaft. Ihr geht es selbst auch sehr schlecht. Man hat ja dieses anrührende Foto auch im Internet sehen können, auf dem sie ja auch wirklich schwer gezeichnet erscheint. Sie ist herzkrank, sie ist sehr depressiv geworden in dieser Zeit des Hausarrestes, und das würde ich doch sehr hoffen, dass wenigstens sie in die Freiheit reisen darf, wenn sie das kann und möchte.

Moderatorin: Wünscht Regula Venske, die Präsidentin des deutschen PEN, am Todestag von Liu Xiaobo. Weitere Stimmen zum Friedensnobelpreisträger am Ende dieser "Fazit"-Ausgabe. Frau Venske, besten Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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