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Interview | Beitrag vom 17.06.2017

Zum Tod Helmut Kohls"Mit Kohl hätte es keine Auslandseinsätze gegeben"

Ingo Schulze im Gespräch mit Katrin Heise

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Der Schriftsteller Ingo Schulze (imago/Galuschka)
Der Schriftsteller Ingo Schulze (imago/Galuschka)

Mit gemischten Gefühlen erinnert sich der Schriftsteller Ingo Schulze an den verstorbenen Altkanzler: Zu Kohls Erbe gehören für ihn die Deindustrialisierung der DDR und Konstruktionsfehler des Euro. Aber auch, dass es keine Bundeswehreinsätze im Ausland gab.

Katrin Heise: Mit Helmut Kohl ist gestern der Kanzler der Einheit gestorben. Neben vielem, was den einen oder anderen mit dem Politiker verbindet, ist dies sicherlich das wichtigste Ereignis seiner Kanzlerschaft. Einer, der aus ostdeutscher Sicht auf die Wende schaute, ist der Schriftsteller Ingo Schulze. Seinen Roman "Neue Leben" haben viele als den Wenderoman gelesen. Das hört er selbst gar nicht so gerne, weil er eben nicht so gerne in irgendein Muster gepresst wird, aber mit uns sich an Helmut Kohl erinnern, das möchte er tun. Schönen guten Morgen, Herr Schulze!

Ingo Schulze: Guten Morgen!

Kanzler der Wende? Eine "schwierige" Bezeichnung

Heise: Als Sie gestern hörten, dass Helmut Kohl verstorben ist, der Kanzler der Wende, was ging Ihnen da durch den Kopf?

Schulze: Na ja, ich finde diese Bezeichnung für ihn etwas schwierig. Es ist ja jetzt nicht so, dass er da die Mauer eingerissen hätte oder die Wende, was ich sowieso einen problematischen Begriff finde, eingeleitet hätte. Für mich ist er natürlich jemand, mit dem es keine deutschen Bundeswehrauslandseinsätze gegeben hätte, glaube ich. Bin ich mir nicht sicher, aber solange er Kanzler war, hat es das nicht gegeben. Das ist für mich etwas, was sehr, sagen wir mal, in guter Erinnerung bleiben würde.

Bei der Feier in Berlin am 3. Oktober 1990 winken von der Freitreppe des Reichstagsgebäude v. li. Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP), Hannelore Kohl, Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) und Bundespräsident Richard von Weizsäcker (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)Die Deutschen sind wieder vereint: Bei der Feier in Berlin am 3. Oktober 1990 winken von der Freitreppe des Reichstagsgebäude v. li. Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP), Hannelore Kohl, Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) und Bundespräsident Rich (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)

Heise: Das finde ich interessant, dass Sie jetzt sozusagen… Also, Sie möchten eigentlich eher daran sich positiv erinnern als an die Wende. Das stimmt, er hat die Mauer natürlich nicht eingerissen, er hat quasi den historischen Moment genutzt, wie ihn vielleicht andere nicht genutzt hätten. Es gab viele Zweifler, es gab viel Zurückhaltung, damals sicherlich durch Oskar Lafontaine ausgedrückt. Wenn man jetzt im Abstand von 30 Jahren das Ganze betrachtet, fast 30 Jahren: Für diese Zweifel war der größte Teil der Ostdeutschen doch nicht bereit, oder? Brauchte es nicht damals einen Zupacker wie Kohl?

Schulze: Na ja, man muss halt mal genauer hingucken, was er getan hat! Also, zum einen muss ich sagen: Politisch hat er sich dann mit der alten Ost-CDU erst mal zusammengetan. Lange Zeit war ja die West-CDU da sehr auf Distanz. Gerade Volker Rühe hat gesagt, mit diesen Blockflöten gehen wir nicht zusammen.

Bei der Ost-CDU kein Unterschied zur SED gesehen

Erst im Januar, Anfang Februar 1990 hat er sich dann mit Lothar de Maizière zusammengetan, weil er ein ziemlich genaues Kalkül hatte. Die Ost-CDU brachte in jeden Kreis zwei große Immobilien ein und damit gab es sozusagen den direkten Draht in die DDR, ganz egal, auch wenn das sozusagen eine hoch belastete Partei war. Also, ich fand, die CDU war für mich da kein Unterschied zur SED.

Dann hat man diese Allianz für Deutschland geschmiedet mit Demokratischem Aufbruch, in dem ja Angela Merkel war, die war nur eben auch weg vom Fenster, weil der Schnur, auch Vorsitzender des Demokratischen Aufbruchs als Stasi-Mann enttarnt worden war. Dann gab es die von der CSU gestützte DSU. Und damit hat man eben einen grandiosen Wahlsieg eingefahren. Aber das war natürlich für jemanden wie mich, der doch entweder aufs Neue Forum oder auf die SPD setzte… hatte man plötzlich die, mit denen man im Oktober immer noch als Gegner hatte, die waren plötzlich wieder die Wahlsieger. Das war schon unangenehm. Das ist das eine.

Das andere ist natürlich die Einführung der D-Mark, die ist unter Kohl tatsächlich schon angeboten worden, bevor sie auf der Straße gefordert worden ist. Interessanterweise war damals unter Theo Waigel Horst Köhler er im Ministerium dafür zuständig und der Ausführende war Thilo Sarrazin. Und diese frühe Einführung der D-Mark und auch unter diesen Bedingungen – deshalb sind ja auch seine Banker zum Teil zurückgetreten – war desaströs. Also, das war 70 bis 80 Prozent Deindustrialisierung, die man jetzt bitte nicht immer mit maroden Dingen erklären kann. Das kommt natürlich auch mit dazu.

An Kohl geglaubt wie an den Weihnachtsmann

Heise: Sondern auch mit dieser Schnelligkeit, die da vonstattenging.

Schulze: Aber das war ein Einbruch, ja, ja, so was hat es in Europa nirgendwo gegeben.

Heise: Sie haben mal gesagt, viele Ihrer Mitbürger hätten an Helmut Kohl geglaubt wie an den Weihnachtsmann.

Schulze: Ja, das stimmt natürlich. Die Hauptschuld liegt dann natürlich daran, dass man sagt, wir glauben dem das! Ich meine, jeder konnte wissen, dass man nicht im Juni irgendwie einen Lohn oder ein Gehalt in DDR-Mark zahlen kann und im Juli dann genau dasselbe in D-Mark. Das konnte eigentlich jeder wissen, dass das nicht hinhaut. Aber Kohl sagte, das wird so gehen, und das glaubte man dann natürlich sehr gerne.

Rund 150 Stahlarbeiter aus Eisenhüttenstadt haben am 08.11.1991 vor der Berliner Treuhandgesellschaft für den Erhalt der Eisenhüttenstädter EKO Stahl AG demonstriert.  (picture alliance / dpa / Bernd Settnik)Rund 150 Stahlarbeiter aus Eisenhüttenstadt haben am 08.11.1991 vor der Berliner Treuhandgesellschaft für den Erhalt der Eisenhüttenstädter EKO Stahl AG demonstriert. (picture alliance / dpa / Bernd Settnik)

Heise: Wenn Sie als Schriftsteller eine Figur entwerfen, dann nehme ich ja mal an, dass Sie sich vorher so Gedanken machen über Charaktereigenschaften, die diese Figur vielleicht haben sollte. Welche Charaktereigenschaften würden Sie bei einer Figur Helmut Kohl notieren?

Schulze: Oh, das ist schwierig, so auf der Königsebene da vorzugehen. Natürlich braucht es da – ich meine, das gehört zum Politiker – so einen Machtwillen und, tja … Ich kenne ihn nicht, habe ihn nicht persönlich kennengelernt. Das ist schwierig. Also, auf so einer Ebene, glaube ich, bin ich niemand, der sich da eine Figur ausdenkt, weil einfach das, was da persönlich … Das wird, glaube ich, derartig verzerrt durch die Zwänge, beziehungsweise dass eine Schwäche oder eine Stärke derartig dann übertrieben  auch zum Vorschein kommt durch diese Machtfülle, die jemandem da gegeben ist. Das ist schwierig.

Auch die Konstruktionsfehler des Euro sind ein Erbe Kohls

Heise: Sie heben viel ab auf eben zum Beispiel Machtfülle, aber jetzt sagen wir mal: Beim Thema Europa, bräuchte es da nicht beispielsweise jetzt gerade einen glühenden Vertreter, wie Kohl es war, und dann eben auch einen, der dann wirklich dafür kämpft, an das er glaubt?

Schulze: Na ja, ich würde es nicht immer so auf diese Dinge da reduzieren. Ich meine, wahrscheinlich ist eben doch der Euro eine schwierige Konstruktion gewesen und meiner Ansicht nach eben doch nicht glücklich. Und vieles, was wir heute an Schwierigkeiten haben, liegt einfach an der Konstruktion des Euro. Da kann man so viel überzeugt sein, wie man will, aber man hat da, glaube ich, sozusagen eine tief sitzende… Fehler oder Schwierigkeiten damit eingebaut, zumindest so, wie es jetzt gehandhabt wird. Und das ist in gewisser Weise ja noch ein Erbe. Und ein Erbe von Kohl war natürlich auch diese Maßgabe, Rückgabe vor Entschädigung, das hat für Millionen unendliche Unsicherheit gebracht in den Häusern, in denen sie saßen.

Heise: Der Schriftsteller Ingo Schulze zum Tode von Altkanzler Helmut Kohl. Ich danke Ihnen, Herr Schulze, für diese Worte!

Schulze: Danke für die Einladung!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. DLFKultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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