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Kompressor | Beitrag vom 16.01.2017

Zum Tod des Popkritikers Mark FisherDepression und Kapitalismus

Von Hartwig Vens

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Trauer um den Popkritiker Mark Fisher: Facebook-Post von "Repeater Books", in dessen Team Fisher mitgearbeitet hat. (Screenshot "Repeater Books")
Trauer um den Popkritiker Mark Fisher: Facebook-Post von "Repeater Books", in dessen Team Fisher mitgearbeitet hat. (Screenshot "Repeater Books")

Mark Fisher galt als einer der wichtigsten Popkultur-Denker. Er betrachtete die Digitalisierung radikal politisch. Im Zustand der Popkultur sah er die Auswirkungen des digitalen Kapitalismus auf unser Denken und Fühlen. Nun hat er sich mit 48 Jahren das Leben genommen.

Die Nachricht, dass der britische Popkritiker und Kulturtheoretiker Mark Fisher kam wie ein Schock. Nur 48 Jahre alt hat er sich, wie seine Frau Zoë auf seiner Facebook-Seite schreibt, nach einer siebenmonatigen Depression das Leben genommen.

Mark Fisher war für meine Begriffe der wichtigste Popkultur-Denker der letzten 20 Jahre. Gerade, wenn man Popkultur - also bei ihm vor allem Musik und Kino – als Ausgangspunkt nimmt, um unsere gesellschaftlichen Verhältnisse zu analysieren. Er schrieb für den "Guardian", war Autor und Redakteur der weltweit führenden Avantgarde-Zeitschrift "The Wire" und lehrte am Londoner Goldsmith College. - Für den Philosophie-Guru Slavoj Zizek war sein Buch "Kapitalistischer Realismus "die beste Krisendiagnose, die wir haben" und Comedian-Superstar Russel Brand hielt das Buch mit dem Wort "brillant" in seine Youtube-Kamera.

Mark Fisher wurde Anfang der Nullerjahre mit seinem Blog K-Punk bekannt. In dieser Zeit begannen in England viele Popschreiber und Pop-Akademiker zu bloggen - was sich auch inhaltlich deutlich niederschlug. Simon Reynolds zum Beispiel schrieb über die inzwischen fast sprichwörtliche "Retromania", also die Besessenheit, mit der aktuelle Popmusik ihre Vergangenheit recycelt, was maßgeblich von Internet und Digitalisierung verursacht werde; Kodwo Eshun, setzte sich mit Afrofuturismus, Cyborgs und Aliens auseinander; Steve Goodman legte "Sonic Wafare" vor, ein Buch über Verbindung zwischen Sound und Waffen, und gründete das Label Hyperdub.

Popmusik in der nostalgischen Wiederholungsschleife

Mark Fisher war derjenige, der die Digitalisierung radikal politisch betrachtete, der den Zustand der Popkultur als Chiffre für die Auswirkungen des digitalen Kapitalismus auf unser Denken und Fühlen analysierte. Ausgangspunkt war die Stagnation der Popmusik in den Nullerjahren. Der Schock des Neuen, der die Popmusik in ihrer Geschichte immer wieder unter Strom gesetzt hatte - denken wir an Punk oder Techno - war nach 1989 weg. Popmusik war festgefahren in einer nostalgischen Wiederholungsschleife. Das Ende der Geschichte führte in eine endlose Gegenwart. Popmusik hatte ihre Rolle als Zeitmarker verloren.

"Im 20. Jahrhundert war es üblich, eine bestimmte Epoche durch Musik aufzurufen", hat Mark Fisher mir den Gedankengang 2014 erläutert. "Im Dokumentarfilm war das geradezu ein Klischee. Musik war zeit-codiert. Das ist heute schwierig. Ich habe eine ziemlich klare Vorstellung wie 1974 klang, oder 1984. Aber wie klingt der Sound von 2008? Wie der von 2004? Ich weiß es nicht. Ich könnte das nachrecherchieren, aber es hat sich nicht – so wie früher – in den Köpfen festgesetzt."

Mark Fisher hat die Stimmung, die endlose Gegenwart, in seinem Buch "Ghosts of my Life" thematisiert; festgemacht an so unterschiedlichen Künstlern wie dem traurigen R&B-Superstar Drake oder dem Elektronikproduzenten Burial, der düster-hallige Tanzmusik für die Katerstimmung nach der Party generiert.

Neues passiert nur mehr als Update

Für Mark Fisher waren solche unheimlichen, dystopischen Klanglandschaften die interessanteste und beste Musik, weil sie für eine Gegenwart standen, in der die Zukunft abgesagt ist. Das nämlich meinte er mit dem Begriff "Kapitalistischer Realismus", also seinem ersten Buch, das nur 80 Seiten lang, aber sehr einflussreich geworden ist. - Es sei einfacher für die Menschen, sich das Ende der Welt vorzustellen, als das Ende des Kapitalimus', schreibt er da. Nach 1989 sei jegliche Vorstellung, dass eine andere Gesellschaft als die bestehende möglich ist, verloren gegangen. Und wie bei der Musik rotiere alles in einer endlosen Gegenwart auf der Stelle, und das Neue passiere nur mehr als Update für Computer oder Smartphone.

Trotz so viel Negativbefund: Mark Fisher war nicht vollständig pessimistisch, was die Zukunft angeht, im Gegenteil. Die Linke oder alle, die etwas anderes als diese Gesellschaft wollen, könnten jetzt wieder bei Null anfangen. Und dann sei plötzlich wieder alles möglich, schreibt er am Schluss von "Kapitalistischer Realismus".

Depression als Folge einer "atomistischen Individualisierung"

Depression und psychische Gesundheit waren für ihn zeitlebens Thema - als  Betroffener und als Denker. In seinem Buch "Ghosts of my Life" hat er das persönlich thematisiert. "Ich habe an Depressionen gelitten, seit ich Teenager war", sagte er mir, "und hatte teilweise ziemlich akute Episoden. Und es geht vielen so. Ich glaube, dass viel mehr Leute depressiv sind, als sich das eingestehen. Und ich gebrauche mich gewissermaßen als Fallbeispiel, um Depression zu verstehen, sie zu de-personalisieren. Sie zu politisieren."

Fisher betrachtete psychische Krankheit nicht als Privatsache, sondern als politisches Thema. Als Auswirkung und Folge einer "atomistischen Individualisierung" der allzeit flexiblen und zunehmend digitalisierten Lebensverhältnisse.

An den Beiträgen auf Twitter und auf seiner Facebook-Seite kann man ablesen, dass Mark Fisher die Menschen persönlich berührt hat. Viele schreiben, dass sie ihn nicht persönlich gekannt, sich aber trotzdem mit ihm verbunden gefühlt haben, und das würde ich auch für mich sagen.

Seine Analysen von Kultur und Gesellschaft, davon, wie das System uns in die Poren dringt,  wie wir menschlich bleiben oder wieder werden können, und wie wir eine Alternative zu diesem heutigen Kapitalismus finden können, haben ihn als Mensch, nicht nur als Intellektuellen umgetrieben.

Mark Fishers neues Buch ist gerade in England erschienen. Es heißt "The Weird and the Eerie" - also frei übersetzt: "Das Sonderbare und das Unheimliche".

Fazit

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