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Feiertag - Kirchensendung | Beitrag vom 09.06.2018

Zukunft für das religiöse ErbeKirchengebäude suchen eine neue Nutzung

Von Harald Schwillus, Halle (Saale)

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Eine Sportkletterin hängt in der ehemaligen Pfarrkirche St.Peter und heutigen "Kletterkirche" in Mönchengladbach-Waldhausen in der Kletterwand vor einem Kirchenfenster. Es ist die erste und einzige Kirche in Deutschland, in der man klettern kann. Die Kirche wurde 2007 geschlossen und 2010 als Kletterkirche wiedereröffnet. (dpa/Horst Ossinger)
Die ehemalige Pfarrkirche St.Peter in Mönchengladbach-Waldhausen ist die erste und einzige Kirche in Deutschland, in der man klettern kann. (dpa/Horst Ossinger)

Kirchen prägen die deutsche und europäische Kulturlandschaft. Sie sind historisch bedeutsame Gebäude und weisen auf eine Wirklichkeit hin, die im christlichen Glauben mit Gott verbunden ist. Wie können Kirchengebäude diesen Charakter behalten, wenn sie nicht mehr für den Gemeindegottesdienst gebraucht werden?

"Ein perfekter Mord" – in der Kirche! Das verspricht die Broschüre der Jakobuskirche von Sipplingen am Bodensee für den 19. Juli 2018. Gemeint ist ein Krimi, der dort im Rahmen eines Hörspielprogramms aufgeführt wird. Unter dem Motto "Ganz Ohr sein und Kino im Kopf erleben" wird er die Zuhörerinnen und Zuhörer 45 Minuten lang fesseln.

Das ist zunächst alles etwas ungewohnt – und: über dieses Konzept kann man sicher diskutieren, doch zeigt es Möglichkeiten auf, wie Kirchen sich für neue Nutzungen öffnen und Kontakt zu den Menschen halten können. Und das ist keine banale Frage angesichts einer sinkenden Zahl von Gottesdienstbesuchern. Werden doch immer mehr Kirchen geschlossen und umgenutzt – und so manche wird zum Hotel, zum schicken Lokal oder zur Bar. Da mag die Gäste dann ein Hauch von vergangener Transzendenz oder was man dafür hält, umwehen.

Natürlich sind Umwidmungen von Kirchen möglich, doch verlieren diese Gebäude damit auch an Potential. Und zwar an Potential, Hinweis zu sein auf eine andere Wirklichkeit, auf die Möglichkeit eigenen Religiös-sein-Könnens oder aber auch an Potential, Zentrum einer Gemeinschaft zu sein. Bei der Schließung von katholischen Kirchen wird dies vielleicht besonders deutlich; sind sie doch Orte, an denen im Tabernakel das Allerheiligste in Form der gewandelten Hostie dauerhaft anwesend ist. Deshalb wird es bei einer feierlichen Entwidmung des Kirchenraums in einer Prozession zu einem anderen sakralen Raum gebracht.

Kirche als Gaststätte?

Was tun mit den Kirchengebäuden, die nicht mehr für ihren ursprünglichen Zweck gebraucht werden? Ihre Nutzung als Gaststätte oder Hotel ist natürlich eine Möglichkeit, doch ob sie so ihren Hinweischarakter auf das mit ihnen verbundene religiöse Erbe bewahren können, darf zumindest bezweifelt werden. Es lohnt sich daher nach Alternativen Ausschau zu halten. Das Konzept der Kulturkirchen ist eine solche neue Idee. In ihnen finden regelmäßig Ausstellungen, Lesungen, Konzerte und andere kulturelle Veranstaltungen statt. Kirchen können so auch wieder zu Orten der Gemeinschaft werden – die Kirche bleibt oder kommt wieder ins Dorf. Ein einfallsreiches Konzept ist die Einrichtung einer Hörspielkirche. Die Idee stammt aus Federow, einem Dorf am Rande des Müritz Nationalparks in Mecklenburg-Vorpommern und hat schon einige Nachahmer gefunden. Die evangelische Dorfkirche von Federow wurde für den regelmäßigen Gottesdienst nicht mehr gebraucht. Sie drohte überdies in den 1990er Jahren baufällig zu werden. Ein innovatives Konzept für die erweiterte Nutzung des Gotteshauses als Aufführungsort für Hörspiele und die Einwerbung von Fördergeldern ermöglichte die Instandsetzung des Gebäudes. 2005 eröffnete die Hörspielkirche Federow dann ihre erste Saison. Von Juli bis September ist dort seither ‚Kino für den Kopf‘ zu erleben: Kinderhörspiele am Nachmittag, abends dann für Erwachsene Literatur, Features und auch Krimis. Wie das zusammenpasst, hat der damals für Federow zuständige Pastor Leif Rother in einer Sendung für Deutschlandradio Kultur erläutert:

"Die biblische Tradition hat ja ihre Wurzeln in einer ganz starken Erzähltradition. Die biblischen Geschichten sind in ihrer frühen Phase erzählt worden. Insofern passt es für mich wirklich gut zusammen. Es sind Alltagsgeschichten, die ja in den Hörspielen bearbeitet und dargestellt werden. Darüber hinaus geht es ja um ganz viele Fragen des Menschseins. Und das sind ja auch immer ganz große biblische Themen. Der Sonntag wird speziell religiösen Themen gewidmet sein. Es werden Hörstücke der Deutschen Bibelgesellschaft mit aufgeführt, Reisegeschichten aus der Bibel zum Beispiel oder Kriminalgeschichten aus der Bibel – wo genau der Punkt ist, wo sich das miteinander vernetzt."

Kirchengebäude sind Kulturerbe des Kontinents

Was tun mit den Kirchen in Deutschland und anderen europäischen Ländern angesichts kleiner werdender Gemeinden und der häufig steigenden Kosten für ihre Unterhaltung? Das ist eine schwierige Frage, die nicht mehr allein im nationalen Rahmen beantwortet werden kann und die in diesem Jahr noch einmal eine besondere Aufmerksamkeit erlangt – denn die Europäische Union hat 2018 zum Jahr des kulturellen Erbes erklärt. Zu diesem Erbe gehören natürlich auch die Kirchengebäude und mit ihnen das gesamte religiöse Erbe unseres Kontinents – so sollte man meinen. Doch scheint dies nicht selbstverständlich zu sein. Dies sagt auch Lilian Grootswagers. Die Niederländerin ist ehrenamtliche Geschäftsführerin des europäischen Netzwerks Future for Religious Heritage – Zukunft für das religiöse Erbe.

"Die tatsächliche Bedeutung des religiösen Erbes ist weitgehend unbekannt, und dieser Bereich ist in der Debatte über die Zukunft des europäischen Kulturerbes oft unterrepräsentiert. Obwohl die Situation des religiösen Erbes von Land zu Land unterschiedlich ist (Eigentümerfragen, der Beitrag der Gesellschaft, die Beteiligung der Regierung daran, die Frage, ob man für neue Nutzungen offen ist oder nicht), steht es überall vor einer großen Herausforderung und wird aufgegeben oder hinterlassen.

Gebäude, die für ihre Ewigkeit gebaut zu sein schienen, werden aufgegeben. In den Niederlanden werden jede Woche zwei Gebäude geschlossen und viele stehen vor der Gefahr des Abrisses. Die Holländer suchen nach neuen Nutzungen, die für die heutige Gesellschaft von Interesse sein könnten. Aber das ist eine echte Herausforderung."

Angesichts dieser Situation stellt sich die Frage, welche Bedeutung die Europäerinnen und Europäer selbst dem religiösen Erbe beimessen. Dazu noch einmal Lilian Grootswagers:

"Eine europäische Umfrage zeigt indes, dass 79% der Europäer das religiöse Erbe für ihre Gemeinde als sehr wichtig für die Zukunft betrachten und sich darin einig sind, dass es in größerem Umfang genutzt würde, wenn es künftigen Generationen übergeben werden könnte.

In allen europäischen Ländern gibt es bereits Beispiele für neue Nutzungen des religiösen Erbes, und zwar für multifunktionale und extensive Nutzung. Es geht uns darum, diese und andere gelungene Beispiele innerhalb des Netzwerks Future for Religious Heritage auszutauschen, um zu helfen, das religiöse Erbe zu bewahren und an die folgenden Generationen weiter zu geben."

Zündende Ideen wandern von Nation zu Nation

Das Netzwerk Future for Religious Heritage, kurz: FRH, unternimmt vielfältige Aktivitäten, um dies zu verwirklichen. Im Rahmen des diesjährigen Jahres des Europäischen Kulturerbes hat es eine Initiative gestartet, die das religiöse Erbe besonders in den Blick nimmt: es ist das Torch-Project, das Fackel-Projekt. Die Idee stammt von der olympischen Fackel, die vor den Spielen von Nation zu Nation weitergereicht wird. Symbolisch soll beim Torch-Project daher eine ‚zündende Idee‘ weitergegeben werden – die Idee, sich für das religiöse Erbe Europas zu engagieren. Lilian Grootswagers erläutert dies so:

"Inspiriert von der olympischen Fackel von Athen hat FRH die Initiative ‚Fackel des Erbes und der Kultur‘ ins Leben gerufen, um das Bewusstsein für die Bedeutung des reichen religiösen Erbes Europas zu stärken. Die FRH Fackel ist eine Metapher, sie ist eine Erinnerungsschatzkiste, die persönliche Briefe von prominenten Mitgliedern der internationalen Gemeinschaft, aber auch von europäischen Bürgern selbst enthält. Diese Briefe, die in einem offiziellen Rahmen bei verschiedenen Veranstaltungen in ganz Europa gesammelt werden, vereinen persönliche Perspektiven und Geschichten mit Bezug auf das religiöse Erbe."

Kirchengebäude weisen auf eine andere Wirklichkeit hin, selbst dann wenn sie schon lange nicht mehr für den Gottesdienst genutzt werden. Sie prägen in den Städten und Dörfern das Bild und können zu neuen Zentren der Gemeinschaft werden. Ein Beispiel hierfür ist die Kirche San Vicente Mártir in Pótes, einem kleinen Ort in der autonomen Gemeinschaft und Provinz Kantabrien, ganz im Norden Spaniens. Das gotische Gotteshaus dient schon seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr als Kirche, sondern wurde über lange Zeit u. a. als Lagerhaus oder Garage genutzt. Sie steht aber immer noch mitten im Ort mit Kirchturm und Langhaus.

Im Jahre 2000 erwarb die Regierung von Kantabrien das Gebäude und sanierte es. Seitdem ist es ein Bildungs- und Kulturzentrum und beherbergt ein Tourismus- und ein Pilgerbüro.

Pilar Bahamonde ist Direktorin des dort eingerichteten Studienzentrums und damit auch zuständig für die profanierte Kirche San Vicente Mártir.

"Jeder, der in dieses Gebäude kommt – wir nennen es Gebäude –, in diese alte Kirche, ganz egal, welchen Hintergrund er hat, muss einfach sagen: was für ein Ort, was für ein Ort! Für mich ist das ein wunderbares Beispiel, wie diese religiösen Gebäude, die nicht mehr gebraucht werden, mit Respekt behandelt und für die Aufgaben der Gemeinschaft neu genutzt werden können. Meiner Meinung nach haben sie sich damit selbst wieder der Gemeinschaft zur Verfügung gestellt."

Doch es ist noch mehr passiert: Die ehemalige Kirche San Vicente Mártir im spanischen Pótes hat auch wieder etwas von ihrer religiösen Aura zurückgewonnen. Pilar Bahamonde macht dies an einem eindrücklichen Beispiel deutlich.

Ehemalige Kirchen prägen weiterhin jedes Ortsbild

 "Vor zwei Jahren – und auch dieses Jahr – haben wir Anfragen erhalten, ob es möglich ist, dort zu heiraten. Das ist geradezu paradox! Es war eine Kirche. Wir können uns leicht vorstellen, wie viele Hochzeiten hier stattgefunden haben. Heutzutage ist es ein öffentliches Gebäude der Gemeinde, aber eben auch noch eine Kirche. Und die Verbindung besteht immer noch, dass die jungen Leute zwar nicht im Rahmen einer kirchlichen Eheschließung heiraten wollen, weil sie jetzt mit Religion nichts zu tun haben – aber sie möchten ausgerechnet in dieser kleinen Kirche heiraten, die jetzt ein Kulturzentrum ist. Ich finde das wunderbar, ich finde das einfach wunderbar."

Kirchengebäude finden häufig eine neue Nutzung, indem sie auch für kulturelle Veranstaltungen geöffnet werden. Einen ganz anderen Weg hat man in Erfurt mit der Allerheiligenkirche beschritten. Diese schlichte Kirche steht mitten in der Shopping-Zone der Innenstadt. Auch sie wurde nicht mehr für den täglichen Gottesdienst gebraucht, da Katholiken und Christen überhaupt in Thüringen mittlerweile eine Minderheit sind.

Das Bistum Erfurt hat sich dennoch entschlossen, die Kirche weiterhin für den Gottesdienst offen zu halten und sie zugleich zu einem Bestattungsort zu machen, der auch Menschen zur Verfügung steht, die nicht zur katholischen Kirche gehören. Die christliche Sorge um die Verstorbenen hat so seit 2005 eine neue Form gefunden, die auf die konkrete Situation im Osten Deutschlands eingeht: hier ist die Feuerbestattung und auch die anonyme Beisetzung sehr verbreitet. Mit der Allerheiligenkirche wurde daher mitten in Erfurt ein Ort geschaffen, der Raum für Trauer und Hoffnung bietet. Benedikt Kranemann, Professur für Liturgiewissenschaft an der Universität Erfurt, erläutert dieses Projekt.

"Also es ist keine reine Bestattungskirche, sondern eine Kirche, in der Gottesdienst gefeiert wird und in der auch Menschen bestattet sind. Das ist ein etwas ungewöhnliches Bild, wenn man hereinkommt. Man sieht also in der linken Seite der Kirche hinter einer Glaswand die Stelen, in denen Urnen beigesetzt sind – das ist schon für die katholische Kirche ja nicht selbstverständlich: die katholische Kirche hat sich lange gegen die Kremation gesperrt. Das hatte historische Gründe: Die Kremation, die ja gar nicht weit von Erfurt entfernt in Gotha so ein wenig Ursprünge in Deutschland hat, wurde als eine Form der Bestattung gegen den Auferstehungsglauben gestellt; und das musste natürlich den kirchlichen Widerstand auf den Plan rufen. Das sieht heute in ganz Deutschland, aber insbesondere in der ostdeutschen Situation anders aus. Bestattung in Ostdeutschland ist mehrheitlich Beisetzung von Urnen.

Also es bleibt bei der Urnenbeisetzung, bei der für viele Ostdeutsche vertrauten Kremation, aber es gibt einen gezeichneten Ort, gekennzeichneten Ort der Beisetzung und es gibt einen Ort, an dem also auch für das Gebet, für die Trauer, für das Gedenken ein Platz ist. Das heißt, man kann sagen, man hat mit dieser Einrichtung der Allerheiligenkirche ein bewusstes Zeichen gesetzt gegen die anonyme Bestattung, gegen das Verdrängen des Todes und man hat, so meine ich, ein interessantes Zeichen gesetzt, dass der Tod, die Toten, das Totengedenken zu unserer heutigen Lebenswelt gehört. Die anonyme Beisetzung, die ja viele viele Fragen aufwirft, nicht zuletzt auch für die Hinterbliebenen, muss also nicht das letzte Wort sein, wenn es – in diesem Fall der Kirche oder den Kirchen – gelingt, hier kreativ eine Alternative anzubieten."

Alles hat seine Stunde – Veränderungen aktiv gestalten!

Kirchengebäude suchen eine neue Nutzung. Veränderung gehört zum Leben dazu und muss gestaltet werden. Das wusste schon der Verfasser des Buches Kohelet im Alten Testament:

"Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: […] eine Zeit zum Niederreißen und eine Zeit zum Bauen, eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, […]" (Koh 3,1.3)

Dieses Bibelwort ist nicht fatalistisch gemeint, sondern nimmt uns Menschen in die Pflicht: es geht darum, Veränderung nicht passiv zu erdulden, sondern aktiv zu gestalten. Im Vertrauen auf einen Gott, der das Leben und damit die Veränderung will, kann dies gelingen – auch wenn die Wege zunächst manchmal ungewöhnlich erscheinen.

In ganz anderem Zusammenhang hat unlängst die Franziskanerin Sr. Katharina Kluitmann, Mitglied des Vorstands der Deutschen Ordensobernkonferenz, an dieses Vertrauen erinnert: mit Blick auf die geringer werdende Zahl von Nonnen und Mönchen in Deutschland zitierte sie den Propheten Jesaja: "Es wächst etwas Neues, hört ihr es nicht?" (Tag des Herrn, 15.4.2018) Auf dieses Hinhören kommt es an. Wenn es gelingt, dann können Kirchengebäude in ganz neuer Form von der Geschichte Gottes mit den Menschen erzählen. Und diese Geschichte kann manchmal so spannend sein wie ein Krimi. 

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.

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