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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 17.03.2017

Zucker-GegnerGummibärchen nur noch für Volljährige?

Von Udo Pollmer

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(picture alliance/dpa/Martin Gerten)
Sehr bunt und sehr zuckerhaltig - das Feindbild für jeden Zuckergegner: Gummibärchen (picture alliance/dpa/Martin Gerten)

Gestern war das Fett lebensbedrohend, heute ist es zu viel Zucker. Dass wir ihn komplett aus unserer Ernährung verbannen sollen, weil sonst Lebensgefahr drohe, findet Lebensmittelchemiker Udo Pollmer blödsinnig. Unter dem Aspekt müsse man auch zu tiefes Einatmen verbieten.

Der Zucker gerät immer mehr ins Schussfeld der Ernährungssoldateska. Mit martialischer Sprache fordert sie, den süßen Verführer, das üble Gift, die furchtbare Droge aus unserer Mitte zu bannen, als sei das altgediente Nahrungsmittel eine Ausgeburt des Teufels.

Galt bisher das Fett als der Gottseibeiuns, der es auf unsere Gesundheit abgesehen hat, so ist es nun alles, was süß ist. Bei der Lektüre der einschlägigen Pamphlete drängt sich unwillkürlich der Eindruck auf, darin sei einfach nur das Wort "Fett" durch "Zucker" ersetzt worden.

Auf Umwegen vom Zucker zum Herzinfarkt

Wahlweise stehen der Haushaltszucker, der Fruchtzucker und der Glucosesirup am Pranger. Als besonders böse gilt der HFCS, ein Glucosesirup aus Maisstärke, der zu 58 % aus Fruchtzucker und zu 42 % aus Traubenzucker besteht. Er wird vor allem in den USA für Limos verwendet, weil man in dieser Mischung für die gleiche Süße deutlich weniger Zucker benötigt – eigentlich ein guter Grund für einen Zuckergegner den HFCS wegen der gesparten Kalorien dem Haushaltszucker vorzuziehen.

Wer will, kann mit einem kleinen Kunstgriff eine Verbindung zwischen Zucker und Herzinfarkt konstruieren. Der Weg führt über das metabolische Syndrom. Das Syndrom entsteht, wenn Menschen dauerhaft massiv unter Druck geraten, wenn sie sich in einer ausweglosen Situation befinden, beruflich wie privat. Das führt zu einer vermehrten Ausschüttung des Stresshormons Cortisol. Cortisol macht dick, vor allem am Bauch, es schädigt die Gelenke, fördert Herzinfarkt und führt zu Diabetes.

Ursache und Wirkung werden verdreht

Diese Effekte sind auch von einer längerfristigen Einnahme als Medikament bekannt. Wer Kummer hat, tröstet sich gern mit Süßem. Das mindert den Frust. Schon lässt sich Ursache und Wirkung verdrehen – und der Zucker ist an allem schuld.

Es sind ja weniger die dicken Kinder, die viel Süßes essen, sondern vor allem die dürren. Kinder mit wenig Unterhautfettgewebe sind schlecht isoliert und frieren leicht. Deshalb bekommen sie schnell wieder Hunger, vor allem wenn es kalt ist. Pummelige Kids sind besser isoliert, der Körper verliert weniger Wärme und deshalb sind diese Kinder oft keine Naschkatzen.

So wenig wie Diäten schlank machen, so wenig ist Zucker ein Dickmacher. Es sind die unsinnigen Verbote, der Zwang, das schlechte Gewissen, die als Stressoren wirken und die Gesundheit angreifen.

Zucker wird natürlich auch verzehrt weil er, wie die meisten Lebensmittel, Kalorien enthält. So wie man atmet, weil die Luft Sauerstoff enthält. Versuchen wir mal den Sauerstoff in analoger Weise zu dämonisieren: Verursacht Sauerstoff nicht oxidativen Stress und wirkt korrosiv? Er greift sogar Metall an! Da hat der Körper nix zu lachen, denn der oxidative Stress soll ja die Ursache aller Zivilisations-Krankheiten sein. Stimmt zwar nicht, wird aber gern geglaubt.

Tatsächlich kann eine Überdosis Sauerstoff zu einem Lungenödem führen – Taucher kennen diese lebensbedrohliche Situation als Lorrain-Smith-Effekt. Säuglinge sind besonders gefährdet. Bei Frühchen kann Sauerstoff zur Erblindung führen, der Arzt spricht von einer retrolentalen Fibroplasie.

Achtung: Atmen gefährdet Ihre Gesundheit!

Von der Gefährlichkeit dieses Gases mag sich jeder selbst überzeugen: Schnelles Atmen erzeugt Benommenheit und Schwindel. Erinnert das nicht an Alkohol? Oder wie wär‘s damit: Viele Menschen können ohne Sauerstoff gar nicht leben, jede Minute ziehen sie sich mehrfach das Gas durch die Nase bis in Lunge - Sauerstoff erzeugt also Abhängigkeit, wenn nicht gar Sucht. Gefahren allerorten! Nach diesem grotesken Schema werden die Kampagnen gegen den Zucker gestrickt – und fallen offenbar auf fruchtbaren Boden.

Denn nun wird über satte Steuern samt einer Altersbeschränkung nachgedacht, so wie bei Alkohol und Tabak: Dann dürfen Gummibärchen nur noch volljährigen Kunden ausgehändigt werden. An Ostern gibt’s Schokohasen aus Bitterschokolade – aber nicht mit Zucker, sondern mit Süßstoff. Und an Weihnachten wird der Baum für die Kinder wohl mit Brokkoli, Sellerie und Ernährungsfibeln geschmückt – während sich die Eltern heimlich eine teure Weinbrandbohne teilen. Mahlzeit!

Literatur:

Fey A: "Achten Sie Ihr Essen, achten Sie sich selbst". FAZ-Online vom 9. Jan. 2017

Helms S: Der Neue auf der Zutatenliste. Brigitte 2017; H.1: 112-113

Lustig RH et al: The toxic truth about sugar. Nature 2012; 482: 27-29

Brettin M: Zucker ist so giftig wie Nikotin und Kokain. Express-Online 20. Dez. 2012

Leslie I: Die Zucker-Verschwörung. Zeit-Online 5. Mai 2016

Taubes G: The Case Against Sugar. Knopf, New York 2016

Lutterotti N von: Die süße Versuchung. FAZ-Online 21. Sept. 2016

Schierle D: Krebszellen lieben Zucker. Südkurier-Online 18.10.2012

Berndt C: Zucker: Ein völlig sinnloser Stoff. Süddeutsche-Online 6. Okt. 2012

Shafy S: Die süße Droge. Spiegel 2012; H.36: 110-119

Heiny L, Prummer K: Die Zuckermafia: Widerstand zwecklos. Stern 2013; Nr. 26: 80-90

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