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Konzert / Archiv | Beitrag vom 12.05.2018

Zimmermanns "Soldaten" an der Kölner OperDas Zeitalter der Extreme

Der französische Dirigent François-Xavier Roth (picture alliance / dpa / Patrick Seeger)
Voller Einsatz für Bernd Alois Zimmermann: Kölns Generalmusikdirektor François-Xavier Roth (picture alliance / dpa / Patrick Seeger)

Sie sind wieder da: "Die Soldaten" von Bernd Alois Zimmermann waren ein Skandalerfolg bei der Uraufführung in der Kölner Oper 1965. Zum 100. Geburtstag des rheinischen Komponisten erklingt jetzt sein Hauptwerk erstmals wieder in Köln.

Die Noten: unleserlich. Die Musik: unspielbar. Das Ganze: ein Irrtum. Solche Expertisen gaben Dirigenten wie Wolfgang Sawallisch und Günter Wand ab, als Bernd Alois Zimmermann sein Werk "Die Soldaten" an der Kölner Oper einreichte, die das Stück immerhin in Auftrag gegeben hatte. Es mussten einige Jahre vergehen, bis ein neues Leitungsteam das Haus übernahm, den Dirigenten Michael Gielen verpflichtete und der Welt bewies, dass es doch geht. Dass die Uraufführung 1965 dennoch auf Proteste stieß, war teils einer provokanten Inszenierung, teils der auch heute noch erschütternden Gewalt von Handlung und Musik geschuldet.

Macht und Machtmissbrauch

Zimmermann schrieb sein Libretto auf Grundlage des als Komödie bezeichneten Theaterstücks "Die Soldaten" des Sturm-und-Drang-Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz. Ein kritisches Zeitstück des 18. Jahrhunderts, das die Ehelosigkeit adliger Offiziere und das Leid verführter Bürgertöchter darstellte, wurde vor dem Hintergrund der Erfahrungen des 20. Jahrhunderts zu einem Dokument des "Zeitalters der Extreme", zu einer Studie über Macht und Machtmissbrauch auf allen Ebenen. Zimmermann selbst schrieb in einer Regieanweisung zum vierten Akt: "Die Szene stellt insgesamt die Vergewaltigung Maries als Gleichnis der Vergewaltigung aller in die Handlung Verflochtenen dar: brutale physische, psychische und seelische Vergewaltigung."

Individuell und innovativ

Das temporeiche, mit zahlreichen Personen besetzte und ebenso vielen Spielorten ausgestattete Drama von Lenz übertrug Zimmermann mit einer schier unüberschaubaren Fülle musikalischer Elemente auf die Opernbühne. Die Partitur für 120 Musiker inklusive Jazz-Band plus Tonband- und Filmzuspielungen gehört zum Komplexesten, was das Musiktheater überhaupt hervorgebracht hat. Die Kölner Oper, angeführt von ihrem Generalmusikdirektor François-Xavier Roth, hat diese Herausforderung jetzt zum ersten Mal seit 1965 wieder angenommen. Im renovierungsbedingten Ausweichquartier der Oper, dem Staatenhaus auf dem Deutzer Messegelände, hat die Theatergruppe La Fura dels Baus eine individuelle und innovative Lösung für Zimmermanns Theatervision gefunden.

Festival Acht Brücken – Musik für Köln
Oper Köln (Staatenhaus)
Aufzeichnung vom 29.04.2018

Bernd Alois Zimmermann
"Die Soldaten", Oper in vier Akten
Libretto vom Komponisten nach dem gleichnamigen Schauspiel von Jakob Michael Reinhold Lenz

Frank van Hove, Bass – Wesener, ein Galanteriehändler in Lille
Emily Hindrichs, Sopran – Marie, seine Tochter 
Judith Thielsen, Mezzosopran – Charlotte, seine Tochter
Kismara Pessatti, Alt – Weseners alte Mutter
Nikolay Borchev, Bariton – Stolzius, Tuchhändler in Armentières
Dalia Schaechter, Mezzosopran – Stolzius' Mutter
Miroslav Strizevic, Bass – Obrist, Graf von Spannheim
Martin Koch, Tenor – Desportes, ein Edelmann
John Heuzenroeder, Tenor – Pirzel, ein Hauptmann
Oliver Zwarg, Bariton – Eisenhardt, ein Feldprediger
Miljenko Turk, Bariton – Haudy
Wolfgang Stefan Schwaiger, Bariton – Mary
Sharon Kempton, Mezzosopran – Die Gräfin de la Roche
Alexander Kaimbacher, Tenor – Der junge Graf, ihr Sohn
Mitglieder des Chores und Extrachores der Oper Köln und Gäste
Gürzenich-Orchester Köln
Leitung: François-Xavier Roth

Mehr Informationen zur Inszenierung finden Sie hier.

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