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Lesart / Archiv | Beitrag vom 11.01.2009

Zeit der Teilung

Frederick Taylor: "Die Mauer", Siedler Verlag, Berlin 2009

Rezensiert von Hubertus Knabe

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Im November jährt sich der Tag des Mauerfalls zum 20. Mal (AP Archiv)
Im November jährt sich der Tag des Mauerfalls zum 20. Mal (AP Archiv)

Frederich Taylor hat eine fesselnde Geschichte jenes monströsen Bauwerkes geschrieben, das vor fast 20 Jahren auf unerwartete Weise verschwunden ist. Durch genaue Beobachtung, spannende Episoden und plastische Zitate lässt er die Zeit der Teilung auf beinahe literarische Weise wieder auferstehen.

Warum schreiben deutsche Historiker oft so langweilig? Dass es auch anders geht, beweist das neue Buch des britischen Historikers Frederick Taylor. Er hat eine fesselnde Geschichte jenes monströsen Bauwerkes geschrieben, das vor fast 20 Jahren auf unerwartete Weise verschwunden ist. Durch genaue Beobachtung, spannende Episoden und plastische Zitate lässt er die Zeit der Teilung auf beinahe literarische Weise wieder auferstehen.

Taylor holt weit aus, um sich seinem Gegenstand zu nähern: Im ersten großen Abschnitt beschreibt er, wie Berlin entstand, wie es aufblühte unter Bismarck und wie es unterging unter Hitler. Er schildert, wie unter Ulbricht im Schutze der Roten Armee die Kommunisten die Macht im Osten ergriffen und wie West-Berlin als offene Wunde in ihrem Herrschaftsbereich schwärte. In treffenden Strichen skizziert er, wie die politischen Fundamente für den späteren Mauerbau gelegt wurden. Bereits 1948 versuchte die Sowjetunion, die störende Insel im roten Meer des Sozialismus unter Kontrolle zu bekommen – und löste damit die administrative Teilung der Stadt aus. Taylor schreibt:

"Am Tag nach der Währungsunion verkündeten die Sowjets nun, dass die Eisenbahnverbindung zwischen den Westzonen und den Westsektoren von Berlin wegen ’technischer Schwierigkeiten‘ bis auf Weiteres unterbrochen sei. Die Autobahnbrücke über die Elbe wurde wegen angeblicher Reparaturarbeiten gesperrt. Binnen Kurzem waren sämtliche Verbindungswege nach Berlin gekappt. Außerdem stellten die Kraftwerke der Umgebung der Stadt gleichzeitig die Stromlieferungen in die Westsektoren ein. Am 24. Juni 1948 kurz nach null Uhr begann die Berliner Blockade." (S. 86)

Cover: "Frederick Taylor: Die Mauer" (Siedler Verlag)Cover: "Frederick Taylor: Die Mauer" (Siedler Verlag)Im zweiten Abschnitt zeichnet Taylor die Nachkriegsentwicklung in Deutschland bis zum 13. August 1961 nach: die harten Stalin-Jahre, der Aufstand am 17. Juni, die Chruschtschow-Ära und die unterschiedliche Persönlichkeit der damals Handelnden. Dabei entstehen lebendige Bilder des jungen amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy und seiner Motive, des charismatischen West-Berliner Bürgermeisters Willy Brandt und des hölzernen Erich Honecker, den SED-Chef Ulbricht mit der Organisation der so genannten Aktion Rose beauftragt hatte.

Im dritten Teil beleuchtet der britische Historiker das Stillhalten der Westmächte – und den ohnmächtigen Zorn der West-Berliner. Da die Mauer mitten in den Sommerferien in einer Nacht zum Sonntag gebaut wurde, dauerte es Stunden, ja Tage, bis es zu ersten, hilflosen Reaktionen kam. Ulbrichts Kalkül, dass der Westen wegen der Absperrungen keinen Krieg beginnen würde, ging voll und ganz auf. Taylor zitiert den damaligen Chef des Radiosenders RIAS, Robert Lochner, der mit anderen Amerikanern fieberhaft überlegte, wie man die dauerhafte Teilung der Stadt verhindern könnte:

"Nach einem der unrealistischen Szenarien hätten wir sofort ein paar Panzer schicken sollen, um den Stacheldraht zu entfernen – so hat die Mauer angefangen; sie haben einfach damit begonnen, Stacheldraht über die Hauptdurchgangsstraßen zu legen –, und gleichzeitig hätten wir uns öffentlich an die Russen gewandt und ihnen gesagt: ‚Uns war klar, dass bei euch Samstagabend bis Sonntag niemand im Dienst war, also haben wir uns die Freiheit genommen. Eure ostdeutschen Gefolgsleute drehen hier durch und verletzen die Bewegungsfreiheit in Berlin.

Also sind wir, da wir bei euch niemanden erreichen konnten, so frei gewesen und haben im Namen aller vier Besatzungsmächte diesem albernen Versuch, den Verkehr zu behindern, ein Ende gesetzt‘. - Nun, theoretisch wäre das möglich gewesen, aber kein Zweisternegeneral hätte eine solche Entscheidung fällen können. Eine solche Entscheidung hätte mit Washington, London, Paris und Bonn geklärt werden müssen - damals, ’61, konnte man die Deutschen nicht übergehen. Und das war an einem Wochenende offensichtlich unmöglich." (S. 271)

Im vierten Teil wird die eigentliche Geschichte der Mauer ausgebreitet: die Konfrontation der Supermächte am Checkpoint Charlie im Oktober 1961, die oft tragisch endenden Fluchtversuche, die Tunnelbauer, die versuchten, das Bauwerk von unten zu überwinden, der systematische Ausbau des Grenzregimes und die gesellschaftliche Entwicklung vor und hinter dem Todesstreifen.

Mit Liebe fürs Detail schildert er den Besuch des amerikanischen Vizepräsidenten Johnson im August 1961, den damals vor allem seine Reisemitbringsel interessierten, oder die berühmte Kennedy-Rede von 1963, die die Berliner geradezu in Ekstase versetzte - obwohl sie an den Fakten nichts änderte. Während West-Berlin, wie Taylor schreibt, zum "skurrilen Käfig" wurde, etablierte sich in der DDR endgültig die Diktatur der Politbürokraten, die dann fast drei Jahrzehnte Bestand haben sollte.

Am Ende des Buches geht Taylor auf die Entwicklung nach dem Mauerfall ein. Er dokumentiert die unbefriedigenden Prozesse gegen die Mauerschützen und ihre Auftraggeber und den unspektakulären Tod des Mauerbauers Erich Honecker in Chile. Er zeigt aber auch, wie die Mauer in den Köpfen weiterwirkte und die DDR zunehmend in ein rosiges Licht gerückt wurde. Vielleicht bedarf es eines britischen Historikers, um die Deutschen in Ost und West mit der schlichten Wahrheit zu konfrontieren:

"Die DDR war ein Staat, der seine Bürger dazu ermunterte, sich gegenseitig zu verraten. Das Leben unter dem gnadenlosen, forschenden Blick der Stasi war aus hunderttausenden Verrätereien im privaten Bereich zusammengesetzt, die von Menschen begangen wurden, denen mit Vertrauen zu begegnen in jeder anständigen Gesellschaft möglich sein sollte. Das Leben in der DDR auf andere Weise zu sehen bedeutet, in einer rosarot gefärbten Traumwelt zu leben." (S. 526)

Taylors Buch ist keine langweilige Dokumentation der Mauergeschichte. Es ist ein spannendes, großes und würdiges Buch zum Jubiläumsjahr des Mauerfalls.


Frederick Taylor: Die Mauer
Siedler Verlag, Berlin 2009

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