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Dienstag, 23.01.2018

Buchkritik | Beitrag vom 23.12.2017

Yan Lianke: "Die vier Bücher"Geschichten aus Maos Umerziehungslagern

Von Katharina Borchardt

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Yan Liankes "Die vier Bücher" vor dem Hintergrund einer Lager-Hütte (Imago / Buchcover Eichborn Verlag)
Yan Liankes "Die vier Bücher" vor dem Hintergrund einer Lager-Hütte (Imago / Buchcover Eichborn Verlag)

China in den frühen 1960er Jahren: Tausende Akademiker hausen in Lagern. Mit groteskem Humor beschreibt der chinesische Autor Yan Lianke den Lageralltag in seinen "Vier Büchern". Orientiert hat er sich dabei auch an dem Meisterwerk "Archipel Gulag" des Russen Alexander Solschenizyn.

Grau erstreckt sich das Umerziehungslager am Ufer des Gelben Flusses. Ausschließlich Akademiker sind hier interniert. Sie unterstehen einem kindlichen Aufseher, dessen größter Wunsch es ist, erst in die Kreisstadt und dann in die Provinzhauptstadt eingeladen zu werden, um schließlich sogar nach Peking zu reisen und auf ein Gruppenfoto mit den Führern der Kommunistischen Partei zu kommen. Solche Einladungen aber sind an Leistungen gekoppelt: grandiose Weizenernten etwa oder fantastische Erträge bei der Stahlschmelze. Doch die Produktionsziele sind so hochgesteckt, dass sie kaum erfüllbar sind. Und das, obwohl man den Weizen mit eigenem Blut düngt und alle eisernen Gerätschaften im Lager konsequent einschmilzt.

Der Roman "Die vier Bücher" von Yan Lianke spielt in den späten 1950er, frühen 1960er Jahren in China. Die Hundert-Blumen-Bewegung, die viele Kritiker der Kommunistischen Partei ins Arbeitslager brachte, ist gerade vorüber. Im Roman wird sie noch ironisch zitiert, indem die Insassen für Leistungen aller Art – Arbeit, Erfindungen oder Denunziation – Belohnungsblumen aus rotem Wachspapier bekommen. Alle machen mit, um sich so irgendwann aus dem Lager freikaufen zu können. "Tauschwert schlägt Gebrauchswert".

Mit dem "Großen Sprung nach vorn" in eine gigantische Hungersnot

1958 propagierte Mao den "Großen Sprung nach vorn", der auf wirtschaftliche Entwicklung abzielte und direkt in eine gigantische Hungersnot führte. Der Journalist Yang Jisheng hat darüber 2008 seine monumentale Recherche "Grabstein" publiziert. Ein Roman über Lager, Unterdrückung und Hunger von der Bedeutung eines "Archipel Gulag" aber fehle in China nach wie vor, beklagte der Autor Yan Lianke vor einigen Jahren in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau. Eine chinesische Variante von Solschenizyns Meisterwerk sind "Die Vier Bücher" nicht, sondern eine Beschreibung von Lagerstrukturen und Hungersnot mit satirischen Mitteln. Für seinen grotesken Humor ist Yan Lianke bekannt; er steckte schon in seinen vorherigen Romanen, die von der Kulturrevolution, von der Ausbeutung der Bauern und dem neuen Kapitalismus in China erzählten und teils nur im Ausland erscheinen konnten.

Geboren wurde er im ersten Jahr des "Großen Sprungs nach vorn", also kurz vor Ausbruch der großen Hungersnot. Seine Heimatprovinz Henan, durch die der Gelbe Fluss fließt, gehörte damals zu den am schwersten betroffenen Regionen. Hier spielen auch "Die vier Bücher", in denen der Autor vier Erzählstränge kunstvoll miteinander verflicht. In einem Strang erzählt er in prophetischem Ton vom aufsichtsführenden Kind, in einem anderen richtet er den Fokus stärker auf den namenlosen Schriftsteller, der selbst im Lager einsitzt und als Erzähler fungiert. Dieser Schriftsteller ist es auch, der im Auftrag des Kindes die dritte Geschichte verfasst: eine schriftliche Denunziation seiner Mitinsassen. Das vierte Buch wiederum fungiert als Resümee. "Die vier Bücher" sind der strukturell und stilistisch bisher anvancierteste Roman von Yan Lianke. Auf beeindruckende Weise zeigt er, wie Menschen sich ihre Lager selbst bauen und sich Belohnungssystemen klaglos unterwerfen.

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