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Fazit / Archiv | Beitrag vom 12.11.2010

Wundervolle Mischung

Ein Nachruf auf den polnischen Komponisten Henryk Mikolaj Górecki

Von Elisabeth Richter

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Notenblatt gerollt (Stock.XCHNG / valentino sirbinas)
Notenblatt gerollt (Stock.XCHNG / valentino sirbinas)

Górecki zählte neben Witold Lutoslawski und Krzysztof Penderecki zu den bekanntesten zeitgenössischen polnischen Komponisten. Seine vierte Sinfonie konnte der 1933 in Schlesien geborene Musiker wegen einer schweren Krankheit nicht mehr vollenden.

Nein, Mutter, weine nicht.
Unbefleckte Himmelskönigin,
steh mir allzeit bei.
"Zdrowaś Mario".


Dieses vierzeilige Gedicht trägt die Unterschrift "Helena Wanda Błazusikówna, 18 Jahre alt, in Haft seit dem 25. September 1944". Man fand es an der Wand einer Zelle im Gestapo-Hauptquartier in Zakopane. Henryk Mikołaj Górecki wählte diesen Text für den zweiten Satz seiner "Sinfonie der Klagelieder", die sicher das bekannteste Werk von Górecki ist.

Seine 3. Sinfonie entstand 1976 als Auftragswerk des Südwestfunks Baden-Baden. Anfang der 1990er Jahre erreichte die Sinfonie – sicher vor allem wegen ihres meditativen Charakters – weit über Polen hinaus Kultstatus. Sie war monatelang in den Pop-Charts, und die Musik wurde auch in verschiedenen Filmen verwendet, zum Beispiel in "Der Bulle von Paris" mit Gerard Depardieu von Maurice Pialat.

Krzysztof Urbański, ein junger Shooting-Star-Dirigent aus Polen:

"Ich denke, dass Wichtigste bei Górecki ist, dass er am Beginn seines Laufbahn eine sehr avantgardistische Musik schrieb, mit tausenden von Noten, jede Seite war unglaublich schwierig, wie die neue Musik damals in den 1950er-Jahren war. Aber dann machte er eine Wende um 180 Grad, viel, viel extremer als zum Beispiel Penderecki. Górecki schlug eine total entgegengesetzte Richtung ein."

… sagt der junge polnische Dirigent Krzysztof Urbański, der kürzlich Góreckis Sinfonie ungeheuer beeindruckend bei der Eröffnung des Länderschwerpunkts Polen dirigierte.

Górecki zählte neben Witold Lutosławski und Krzysztof Penderecki zu den bekanntesten zeitgenössischen polnischen Komponisten. Er wurde am 6. Dezember 1933 in Czernica, in Schlesien geboren, im selben Jahr wie Penderecki. Sein Lehrer in Katowice war Bolesław Szabelski, ein Schüler Karol Szymanowski. 1961 und 1963 studierte Górecki in Paris, wo er Messiaen, Boulez und Stockhausen kennenlernte.

Ende der 1950er Jahre feierte Górecki erste Erfolge beim berühmten Festival Warschauer Herbst, das 1956 gegründet worden war und bis heute eines der weltweit wichtigsten Festivals Neuer Musik ist. Górecki galt schon bald als einer der radikalsten Komponisten der polnischen Avantgarde. Werke aus dieser Zeit sind etwa "Epitaph" für Chor und Instrumente oder "Monologhi" für Sopran und drei Instrumentalgruppen. Als "Scontri" für Orchester 1960 beim "Warschauer Herbst" uraufgeführt wurde, gab es einen Tumult im Publikum. Dennoch wurde Górecki immer wieder mit Preisen ausgezeichnet. In den 1970er-Jahren wandte sich Górecki dann mehr und mehr der geistlichen Musik zu. Der Dirigent Krzysztof Urbański:

"Er machte seine Musik viel einfacher. Wobei 'einfach' ein viel zu schwaches Wort ist. Es passiert fast nichts. Anfangs hatte ich damit Schwierigkeiten, ich mochte Górecki nicht, aber je mehr ich mich damit beschäftigt habe, habe ich verstanden, wie tief diese Musik ist. Es gibt verschiedene Wahrnehmungsebenen. In ihrer Einfachheit spricht die Musik tiefe Schichten der menschlichen Seele an. Und das finde ich erstaunlich."

Henryk Mikołaj Górecki, der sich seiner schlesischen Heimat und ihrer volkstümlichen Musik immer verbunden fühlte, sah die polnische Kultur als eine "wundervolle Mischung" der polnischen, tschechischen und deutschen Kultur an, die sich zu etwas Neuem, Eigenem, Speziellem verbindet. Górecki komponierte zahlreiche Vokalwerke, mit und ohne Orchester, Chorwerke, Kammermusik und Orchesterwerke. Seine vierte Sinfonie, die das London Philharmonic Orchestra in Auftrag gegeben hatte, konnte er wegen seiner schweren Krankheit nicht mehr vollenden.

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