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Donnerstag, 14.12.2017

Lesart | Beitrag vom 18.11.2017

Wundermittel oder Krebsgefahr?Der Kampf um Glyphosat & Co.

Moderation: Christian Rabhansl

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Ein Traktor fährt bei Göttingen (Niedersachsen) Ende März über ein Feld und bringt mittels einer gezogenen Anhängespritze zur Saatbettbereinigung Glykosphat aus (undatierte Aufnahme). Glyphosat kommt in der Regel als Nacherntebehandlung bzw. vor der Aussaat zum Einsatz. Das Pestizid dient zur Unkrautbekämpfung in der Landwirtschaft. (ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung und der vollständigen Nennung der Quelle) - Foto: Steven Lüdtke/Forum Moderne Landwirtschaft/dpa (Steven Lüdtke/Forum Moderne Landwirtschaft/dpa)
Ein Traktor fährt bei Göttingen (Niedersachsen) über ein Feld und bringt Glyphosat aus. (Steven Lüdtke/Forum Moderne Landwirtschaft/dpa)

Ist Glyphosat ein ungefährliches Wundermittel zur Bekämpfung von Unkraut? Oder schädigt es die DNA und zerstört die Vielfalt unserer Natur? Wir diskutieren mit dem Biochemiker Helmut Burtscher-Schaden und dem Dokumentarfilmer Alexander Schiebel über die leidenschaftlich geführte Debatte.

Die Geschichte des Wirkstoffs liest sich im Buch "Die Akte Glyphosat" des Biochemikers Helmut Burtscher–Schaden wie ein Krimi. Wer hat was, wann oder wo getestet, zugelassen oder überprüft? Dahinter steht die große Streitfrage: Ist Glyphosat ein ungefährliches Wundermittel zur Bekämpfung von Unkraut oder schädigt Glyphosat die DNA und zerstört die Vielfalt unserer Natur?

Der Streit, der mit Studien und Gegengutachten geführt wird, wird mit Leidenschaft betrieben. Und es ist schwer, einen Überblick zu bekommen. Die Menschen in Mals haben sich entschieden, wie der Dokumentarfilmer Alexander Schiebel beschreibt.

Sie haben sich zusammen getan und wollen die erste pestizidfreie Gemeinde Europas werden. Die EU-Staaten ringen um eine Lösung für den Einsatz von Glyphosat in Europa. Ende November könnte eine Vorentscheidung fallen.

Studien dürfen nicht mehr geheim sein

Burtscher-Schaden fordert eine Reform des Zulassungsverfahrens:

"Eine Forderung wird sein: Die Studien dürfen nicht mehr geheim sein. Die Studien dürfen aber auch nicht mehr von der Industrie selber in ihren eigenen Labors oder in ihren Vertragslabors gemacht werden. Sondern, und das ist eine Minimale Änderung die das System um vieles besser macht: Der Hersteller, der die Studie braucht, der kann sie nicht bei seinem Lieblingslabor machen. Sondern er sagt es der Behörde, und die Behörde sucht sich das Labor aus. Wir wissen ja, der Kunde ist König, aber jetzt ist der König die Behörde."

Die widersprüchlichen Studien zu Glyphosat zeigten zwei wissenschaftliche Parallel-Universen, meint der Biochemiker.

"Wenn man sich anschaut, was die Industriestudien sagen – es sind ungefähr 50 Industriestudien, die den Behörden vorliegen – eine einzige davon hat einen Effekt gesehen, den sie dann aber als zufällig vom Tisch gewischt hat. Alle anderen sagen: Glyphosat schädigt die DNA nicht. Wenn man sich ansieht, was sagen die publizierten Studien, die nicht von der Industrie kommen, da sind es drei Viertel der Studien, die DNA-Schädigungen berichten."

Die Sorgen vor Glyphosat seien berechtigt, sagt Burtscher-Schaden.

"Pestizide sind Gifte, sie sind gemacht um zu töten. Es gibt Nebenwirkungen beim Menschen, aber auch das Ökosystem."

Die Bauern seien die ersten Opfer.

"Es ist in etwas wie beim Rauchen: Jeder kennt in seiner Verwandtschaft, in seinem Freundeskreis Menschen die rauchen und trotzdem 80 Jahre alt geworden sind – und dann nicht am Lungenkrebs gestorben sind, sondern an etwas anderem. Dennoch ist es ein wissenschaftliches Faktum, dass Raucher häufiger mit größerer Wahrscheinlichkeit an Krebs erkranken und damit ihre Lebenserwartung sinkt. Und gerade bei Landwirten weiß man, dass viele verschiedene Erkrankungen – also nicht nur das Non-Hodgkin-Lymphom, dessen Wahrscheinlichkeit auch durch viele andere Pestizide steigt –, dass es hier ein klar erhöhtes Risiko gibt." 

Mäusesterben in den USA

Das Zulassungslabor in den USA  sei vor 40 Jahren hoffnungslos überfordert gewesen.

"Die haben immer wieder hygienische Probleme gehabt. Denen sind die Mäuse weggestorben. Dann haben sie sie mit gesunden Mäusen ersetzt, ohne das zu dokumentieren. Im Gegenteil: sie haben interne Kürzel gehabt – zu stark verfault um noch etwas erkennen zu können. Aufgeflogen ist das erst nach vielen Jahren durch einen aufmerksamen Prüfer."

Schiebel weiß, dass Glyphosat eines von 55 Pestiziden ist, die in Südtirol etwa gespritzt werden.

"Es wird unter den Apfelbaumreihen verwendet, das sieht aus wie verbrannte Erde. Unter jedem Apfelbaum ist verbrannte Erde. Und jedesmal, wenn wir ein Lebewesen oder eine Pflanze aus dem System rausnehmen, dann erzeigen wir Kettenreaktionen, die sich dann im Laufe der Zeit multiplizieren. (…) Diese Mittel sind unmittelbar konstruiert, um Lebewesen zu töten. Ihr eigentliches Ziel ist es, die Artenvielfalt zu reduzieren."

Es scheint dem Dokumentarfilmer evident, dass Vielfalt das Zauberwort sei.

"Wenn Vielfalt im Boden ist und Vielfalt über dem Boden, dann gibt’s Resilienz und Widerstandsfähigkeit. Und mir gefällt diese Vielfalt auch deshalb besonders gut, weil ich ja das gleiche von der Gesellschaft behaupte: Wenn wir in der Gesellschaft stur sind und eigensinnig und unterschiedlich, dann haben wir auch eine Vielfalt und sind auch resilient."

Helmut Burtscher-Schaden: "Die Akte Glyphosat. Wie Konzerne die Schwächen des Systems nutzen und damit unsere Gesundheit gefährden"
Kremayr & Scheriau Verlag, 2017
256 Seiten, 22,00 Euro

Alexander Schiebel: "Das Wunder von Mals. Wie ein Dorf der Agrarindustrie die Stirn bietet"
Oekom Verlag, 2017
256 Seiten, 19,00 Euro

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