Seit 20:03 Uhr Konzert
 

Mittwoch, 17.01.2018

Fazit / Archiv | Beitrag vom 11.05.2010

Wunder aus China, Krawall und Videowunden

Eine Bilanz der 12. Münchener Biennale für neues Musiktheater

Von Jörn Florian Fuchs

Podcast abonnieren

Die Startvoraussetzungen könnten besser nicht sein. Ein renommiertes Festival mit beträchtlichem Zuspruch von Publikum und Kritik, finanziell gut ausgestattet, dazu ein Leiter, der selbst Künstler ist und dem es an intellektuellem Format und Erfahrung wahrlich nicht mangelt.

Bei der Münchener Biennale haben teils schon einschlägige, teils völlig unbekannte Jungkomponisten die Chance, ihre erste Begegnung mit der Opernbühne professionell zu gestalten. Alle Premieren in München werden zudem mit anderen Häusern koproduziert, sodass die Neuschöpfungen nicht nach zwei, drei Aufführungen von der Bildfläche verschwinden.

Trotzdem hinterlässt der aktuelle Biennale-Jahrgang einen zwiespältigen Eindruck. Das liegt weniger an der Qualität der einzelnen Werke, sondern an der Unfähigkeit vieler Komponisten, musikdramatisch zu denken und zu schreiben.

Schon das Auftaktstück "Maldoror" von Philipp Maintz (auf Texte Lautréamonts) bewegte sich – auch dank der völlig uninspirierten Regie Georges Delnons – auf szenisch sehr magerem Niveau. Ebenso untheatral war "Die weiße Fürstin" von Márton Illés (er vertonte einen späten Rilke-Text), immerhin hat Regisseurin Andrea Moses hier eine charmante eigene Geschichte erzählt, sodass man durchaus den Begriff Musiktheater verwenden darf.

Am prägnantesten geriet "Die Quelle" der Chinesin Lin Wang. Wang amalgamiert östliche und westliche Klangsprachen, wobei sie im Gegensatz zum Weltmusiknebel von Tan Dun ein eigenwillig-authentisches Idiom findet. Inhaltlich geht es um Generationenkonflikte, Kunst und Leben und die Suche nach Spiritualität. Wang schrieb eine witzige und doch tiefgehende Groteske, die von Andreas Bode vorzüglich inszeniert wurde.

Einen Eindruck vom Schaffen der ganz jungen Komponistengeneration gewann man beim Projekt "Warum weiß ich nicht". Hier stellten sich fünf Neu-Opernschaffende mit jeweils rund viertelstündigen Stücken vor. Das Ergebnis ist ziemlich niederschmetternd: Kaum Eigenes war da zu hören, die Libretti strotzen nur so vor selbstverliebtem Jargon und sprachlichen Albernheiten. Eine Ausnahme bildet die Opernszene "L'autre frère" von Samy Moussa. Hier wird auf berührende Weise der Erinnerungsmonolog eines alten Mannes in Wort und Bild gegossen. Interessant auch der Beitrag "at stacke" von Arash Safaian. Hierbei handelt es sich um eine kluge Verbindung von Gesang (reinen Vokalen) und Videobildern. Von Moussa und Safaian hörte und sähe man gern mehr – vielleicht bald auf einer großen Opernbühne?

Als echtes Ärgernis muss dagegen das bisher teuerste Projekt der Biennale verbucht werden: "Amazonas" ist ein gut gemeintes, aber schlecht gemachtes Projekt über die Yanomami-Indianer.

Diese sind vor allem durch die Bodenschatzgewinnung westlicher Firmen in ihrem Lebensraum bedroht. Statt jedoch die Lebensform der Indianer auf kunstvolle Weise zu präsentieren, haben die Komponisten und Medienkünstler Klaus Schedl, Tato Taborda, Ludger Brümmer und Peter Weibel eine vierstündige Krawallorgie ohne einen Hauch von Sinn und Sinnlichkeit, dafür mit selbstverliebt-betulichen Videobildern, einer Menge Bühnennebel und unzusammenhängend-banalen Texten kreiert.

Um dieses Projekt angemessen zu beschreiben, müsste man sprachlich weit unter die Gürtellinie gehen, was einem Qualitätsmedium nicht ansteht. Dass Intendant Peter Ruzicka diese millionenschwere Nullnummer nicht nur nicht gekippt hat, sondern auch noch künstlerisch mitverantwortlich zeichnet, bleibt das größte Rätsel dieser Biennale.

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsFurchteinflößender Ritt auf der Rolltreppe
Besonders bekannt: die Rolltreppe im Atomium in Brüssel. (imago/wolterfoto)

Die "Süddeutsche Zeitung" analysiert das private Heim und die hiesige Gemütlichkeit, die auf 15.000 Jahren Sesshaftigkeit beruht. Letztlich hat diese wohl auch die Rolltreppe hervorgebracht, deren betreten vor 125 Jahre offenbar noch eine Mutprobe war, schreibt die "Neue Zürcher Zeitung".Mehr

weitere Beiträge

Fazit

Aus den FeuilletonsWas Marx als Faselei brandmarkte
Der deutsche Philosoph, Schriftsteller und Politiker Karl Marx in einer Aquatinta-Radierung von Werner Ruhner "Karl Marx in seinem Arbeitszimmer in London". Marx verfasste 1848 zusammen mit Friedrich Engels das "Kommunistische Manifest". Er ist der Begründer des modernen dialektisch-materialistischen Sozialismus, des Marxismus, aus dem heraus sich die Sozialdemokratie und der Kommunismus entwickelt haben. Marx wurde am 5. Main 1818 in Trier geboren und starb am 14. März 1883 in London. (picture alliance / dpa)

Der Niedergang des Wortes "alternativ" beschäftigt die Feuilletons: Warum nur ist das harmlose kleine Wort schon wieder Bestandteil eine "Unwortes des Jahres" geworden? Ebenso werfen die Zeitungen einen Blick auf Karl Marx' Formulierkunst und sein Verhältnis zu den Sozialdemokraten. Mehr

Hightech-ModeWenn die Sportkleidung zu dir spricht
Eine junge Frau richtet am 18.01.2017 in Berlin bei der Modemesse Fashiontech im Rahmen der Berliner Modewoche eine Kreation des Designers Anouk Wipprecht aus den Niederlanden. Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa | Verwendung weltweit (picture alliance/dpa/Britta Pedersen)

Tragen wir Hightech-Kleidung der Zukunft, kann jeder sofort an Lichtsignalen erkennen, ob wir nervös, freudig erregt, wütend oder traurig sind. Vorgestellt wurden solche Kreationen auf der Fashiontech. Für Lifestyle-Journalistin Katja Bigalke sind sie mehr als nur lustige Spielereien. Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur