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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.05.2008

Worüber Gläubige lachen können

Christoph Peter Baumann: "Humor und Religion"; Wolfram Weimer, "Himmlische Karikaturen".

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Mohamed-Karikaturen empörten Gläubige.  (AP)
Mohamed-Karikaturen empörten Gläubige. (AP)

Dass Humor in religiösen Dingen eine heikle Angelegenheit sein kann, haben uns die Ausschreitungen nach den dänischen Mohammed-Karikaturen gezeigt. Zwei Bücher denken nun über das Verhältnis von Humor und Religion nach. Wolfram Weimer stellt eine Sammlung Karikaturen mit religiösen Themen zusammen, Christoph Peter Baumann versucht den religionswissenschaftlichen Überblick.

Ein Jude hat Selbstmord begangen. Gott holt ihn zu sich in den Himmel und fragt ihn:
"Warum hast Du das getan?"
"Mein Sohn ist zum Christentum übergetreten."
"Das ist mir auch schon passiert", antwortet Gott.
"Und was hast Du da gemacht", fragt der Jude.
"Sofort ein neues Testament."

Wolfram Weimer begründet in einem kurzen Essay, warum nicht nur Humor per se von Gott nur gewollt sein kann, sondern dass es gerade auch wichtig ist, dabei nicht übervorsichtig zu werden und sich nun - im Gefolge des Streites um die Mohammed-Karikaturen – ganz vom Humor in seiner freundlich-spottenden Version abzukehren. Dann lässt er einfach die Zeichner sprechen. Hauptsächlich deutschsprachige, aber auch mit Blick nach Frankreich und Osteuropa.

Man kann das Buch, wenn man nicht am Scherz über leere Kirchen oder bräsige Pfarrer interessiert ist, auch einfach als eine übersichtliche Anthologie der zeichnenden Satiriker lesen. (Mein liebstes Bild ist eines des französischen Zeichners Jean-Jacques Sempé, der auch den "Kleinen Nick" geschaffen hat. Da sieht man das filigrane Innere einer riesigen Kathedrale, mittendrin eine genauso filigrane, respektable alte Frau, knieend zum Gebet, das wie folgt klingt: "Ich erbitte ja nichts für mich. Aber Gisèle schuldet mir noch 4500 Francs. Wenn sie mir die zurückgeben könnte, würde es ihr bestimmt besser gehen.")

Wo Wolfram Weimer mit seinen Karikaturen einfach sagt: Ja, es gibt auch lustige Zeichnungen über Religiöses, möchte Christoph Peter Baumann mit seinem Buch den Humor in der Religion ausdrücklich verteidigen. Er will zeigen: Humor hat seinen Platz in der Religion, solange er sich innerhalb bestimmter moralischer Grenzen und ethischer Werte bewegt.

Die Mohammed-Karikaturen deutet Baumann unter dem Aspekt der Grenzverletzung. Er möchte stattdessen möglichst genau abmessen, wie viel und welcher Humor möglich ist, wenn’s an den Glauben geht. Und deswegen schaut Baumann – er leitet eine Informationsstelle für Religionen in Basel – auf alle großen Religionen unter der Frage: Worüber lacht der Christ, Jude, Moslem, Hindu, Buddhist – und vor allem: Wann lacht er nicht mehr? So dass seine Untersuchung fast den Charakter einer Gebrauchsanweisung hat.

Die Betrachtung jeder Religion endet mit einer kurzen Auflistung unter dem Titel "Grenzen des Humors", die auflistet, was nicht geht: Von den Sakramenten der christlichen Kirche sollte der Humorist die Finger lassen, die Kreuzigung ist ein zumindest heikles Thema, Antisemitisches ist tabu, ebenso Mohammed und der Koran, und sogar entspannte Hindus mögen es nicht, wenn Gott Krishna auf Klopapier gedruckt wird.

Das wirkt sehr praktisch und anwenderfreundlich, bleibt dann aber doch sehr allgemein. Und prinzipiell misstrauisch gegenüber der gefährlichen Macht des Humors zur Grenzverletzung. Baumann argumentiert nicht, er appelliert: Die religiösen Überzeugungen des einzelnen sollen nicht in den Schmutz gezogen werden. Diese Regel hilft vielleicht in ein paar extremen Fällen, wo jemand von vorneherein versucht, eine Religion fertig zu machen. Aber diese Witze sind ja meistens sowieso nicht komisch.

Aber wenn zum Beispiel die Satirezeitschrift "Titanic" eine Werbekampagne der Weißblechindustrie veralbert und unter ein metallenes Kruzifix schreibt: "Ich war eine Dose" – dann finde ich das im Gegensatz zur katholischen Kirche nach wie vor sehr komisch, dürfte es nach Baumanns Regeln aber wahrscheinlich nicht.

Ob die Bücher mit ihrer Absicht überzeugen, gegen abwertende Veralberung einen religionsfreundlichen Humor zu propagieren? Sie belegen zumindest, dass eine feste Überzeugung von dem, was richtig ist, den Humor vielleicht nicht unbedingt unmöglich macht, aber zumindest erschwerte Bedingungen darstellt.

Sprich: die Bücher bleiben auf der sicheren Seite, und das ist nicht so richtig witzig. Am ehesten gelingt der Spagat noch in Wolfram Weimers Himmlischen Karikaturen, er hat es da vielleicht auch ein bisschen leichter, weil er sammelt, nicht kommentiert. Weimer hat zumindest ein paar bissige Exemplare dabei, viel von Thomas Plassmann zum Beispiel, der regelmäßig in kirchenkritischen Zeitschriften wie Publik-Forum zeichnet, oder sogar die "Neue Frankfurter Schule", vertreten durch sehr schöne, aber auch milde Zeichnungen von F.K. Waechter.

Ich hätte mir die Auswahl mutiger gewünscht. Warum nicht den Österreicher Gerhard Haderer mit seinem surfenden Jesus, warum auch nicht andere Vertreter der Neuen Frankfurter Schule? Robert Gernhard zum Beispiel hat eine wundervolle Anleitung übers "Beten, ein leicht zu erlernendes Ritual" gemacht. Dabei müsse man nämlich nur seine Hände so halten, als wolle man seinen Wellensittich erwürgen. Also, das wäre Karikatur, die wirklich etwas wagt und sich vom Konsenszeichnen wegbewegt.

An Christoph Peter Baumanns Buch vermisse ich vor allem eine prägnante, zupackende Sprache. So trennt Baumann nicht zwischen Humor, Satire und Karikatur als politischer Waffe – aber Comicstrips von Rabbinern und ihren Robotern für die Aufgaben des Sabbats und antisemitische Hasspostkarten sind zum Beispiel einfach zwei verschiedene Genres. Beim letzteren geht nicht einfach der Humor zu weit, sondern man muss konstatieren: ums Lachen sollte es da von Anfang an zuletzt gehen.

Das Buch changiert zudem zwischen Innen- und Außenperspektive – dabei macht es einen Unterschied aus, ob ich über Witze von Muslimen spreche oder über Witze über Muslime. Das Verhältnis des Islams zum Humor lässt sich eben nicht an einer religionswissenschaftlichen Bewertung der dänischen Mohammed-Karikaturen erleuchten.

Über das schwierige Verhältnis von Humor und Glauben habe ich in dem Buch weniger gelernt als gehofft, außer dass gläubige Hindus genauso muffige Witze machen können wie gläubige Protestanten und dass auch nicht alle jüdischen Witze wirklich toll sind. Aber immerhin hat Christoph Peter Baumann ganz erstaunlich viel Material ausgegraben, vor allem übers persönliche Gespräch und übers Internet, und da findet sich dann doch der eine oder andere gute Witz.

Zum Beispiel im Unterkapitel über den Humor der Mormonen:
"Eines wunderschönen Tages klingelt das Telefon beim Papst:
'Hallo, hier spricht Gott. Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht.’
Papst: 'Zuerst die gute Nachricht!’
Gott: 'Ich habe beschlossen, die ganze Welt unter einer gemeinsamen Kirche zu verbinden.’
Papst: 'Großartig, das ist genau das, wofür wir die ganzen Jahre gearbeitet haben. Und was ist die schlechte Nachricht?’
Gott: ‚Ich rufe aus Salt Lake City an…’"

Rezensiert von Kirsten Dietrich

Christoph Peter Baumann: Humor und Religion. Worüber man lacht – oder besser nicht.
Kreuz Verlag 2008
190 Seiten, 17,95 Euro

Wolfram Weimer: Himmlische Karikaturen
Gütersloher Verlagshaus 2008
94 Seiten, 19,95 Euro

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