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Fazit / Archiv | Beitrag vom 09.11.2009

Worte der Wende: Wahnsinn

Von Thomas Brussig

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Menschen aus Ost und West feiern die Maueröffnung am Postdamer Platz in Berlin. (AP)
Menschen aus Ost und West feiern die Maueröffnung am Postdamer Platz in Berlin. (AP)

Für die, die die Fernsehbilder nicht kennen: Wann immer DDR-Bürger über die Grenze kamen – sei es die deutsch-deutsche oder die ungarisch-österreichische -, sie schrieen, riefen, hauchten oder sagten mit tränenerstickter Stimme das eine Wort: "Wahnsinn!"

Es war, als hätten sie sich verabredet. Ja, so wie ein Nokia-Handy Di-didi-di-dididi-di-didi-di-di-di macht, so riefen wir Ossis – als wir übrigens noch nicht Ossis hießen – "Wahnsinn!" Auch wenn wir ein westliches Kaufhaus betraten, vor einem Obstand standen oder mal ans Steuer eines BMW gelassen wurden – "Wahnsinn!" Wahnsinn war immer richtig. Und Wahnsinn trafs auch irgendwie, so wie auch irgendwie immer irgendwie richtig ist.

Was sich da ereignete, war so unerwartet und so intensiv und so neu – wie soll man das beschreiben, als einfacher Mensch, der ja nun nicht den Ehrgeiz hat, alles mit schriftstellerischer Präzision zu beschreiben. "Wahnsinn!" ist, bei Lichte betrachtet, ein Kompromiss. "Wahnsinn!" beschreibt zwar nichts, aber alle wussten, was gemeint ist. Und irgendwas mussten wir ja auch sagen, sonst wären wir geplatzt. Deshalb wurde es auch oft mit so viel Luft gesprochen: "Fffahnsinn!"

Es ist in meinen Augen ein unverzeihlicher Fehler, dass die Gesellschaft für deutsche Sprache, die alljährlich das "Wort des Jahres" kürt, sich 1989 für "Reisefreiheit" entschieden hat. Ja, wie kann man sich nur für ein so vernünftiges Wort entscheiden. Klar, denen hat das Ei-ei-ei gefallen, aber Wahnsinn ist das Wort der Straße. Und auch die Reisefreiheit war doch letztlich auch nur "Wahnsinn!"

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