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Fazit / Archiv | Beitrag vom 07.11.2009

Worte der Wende: Aufrechter Gang

Von Thomas Brussig

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DDR-Bürger demonstrieren am 4. November 1989 gegen ihren Staat auf dem Alexanderplatz in Berlin. (AP)
DDR-Bürger demonstrieren am 4. November 1989 gegen ihren Staat auf dem Alexanderplatz in Berlin. (AP)

Es war Stefan Heym, der auf der großen Protestdemonstration am 4. November 1989 ausrief: "Wir haben in diesen letzten Wochen unsere Sprachlosigkeit überwunden und sind jetzt dabei, den aufrechten Gang zu erlernen." Stefan Heym zitiert diesen Satz aus dem Brief eines Lesers an ihn, findet aber, der Mann habe recht.

Was lehrt uns das – außer natürlich, dass sich Stefan Heym die Leserbriefe schreibt, die er braucht? Der aufrechte Gang macht – neben der Sprache – den Unterschied zwischen Affen und ersten Menschen. Die Affen bevölkerten die Bäume, wo es zu essen gab und sie sich sicher fühlten. War der Baum aber abgefressen, mussten sie zum nächsten. Der Weg führte durch das hohe Gras der Savanne, wo die wilden Tiere gute Chancen hatten, Beute unter den Affen zu machen. Als die sich aber aufrichten und auf zwei Beinen gehen konnten, hatten sie einen guten Überblick und konnten die Gefahr einschätzen.

Obendrein verwandelten sich die Vorderfüße in Arme und Hände, wodurch sich – Stichwort Werkzeuge – völlig neue Perspektiven ergaben. Anders gesprochen: Der aufrechte Gang half nicht nur der Not ab, er eröffnete auch ungeahnte Freiheiten. Die Affen, die eigentlich nur ihre Feinden rechtzeitig erblicken wollten, hatten ja nicht vor, Menschen zu werden – wurden es aber doch, dank des aufrechten Ganges.

Was hat das mit 1989 zu tun? Gewiß, angesichts dieser Veränderungen wurde nach Bildern gesucht, nach Gleichnissen oder auch nach historischen Vorbildsituationen. Der aufrechte Gang ist ein starkes Bild, eins, das sofort einleuchtet, auch wenn es nicht unbedingt richtig ist. An diesem 4. November kamen zumindest alle von ihren Bäumen heruntergeklettert und zeigten sich auf der großen Ebene des Alexanderplatzes. Und wenn ich jetzt noch Bananen ins Spiel bringen könnte – aber das lass ich mal lieber.

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