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Sonntag, 21.01.2018

Interview | Beitrag vom 29.12.2017

Woran arbeiten Sie gerade, Herr Nicolai?Wenn Kühe komponieren

Moderation: Liane von Billerbeck

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Kühe auf einer Almwiese am Wildkogel in Österreich. (dpa/M. C. Hurek)
Rastende Kühe auf einer Almwiese am Wildkogel in Österreich. (dpa/M. C. Hurek)

Er lässt Menschen in Treppenhäusern singen, streut Laub aus, mixt Materialien und Medien. Die Arbeiten des Konzeptkünstlers Olaf Nicolai sind auf den wichtigsten Biennalen der Welt zu sehen - und passen in keine Schublade. Auch für 2018 hat er sich wieder Besonderes vorgenommen.

Kühe und der Mercedes von Helene Weigel: Darum drehen sich zwei Projekte, an denen der Konzeptkünstler Olaf Nicolai - einer der kreativsten und originellsten deutschen Gegenwartskünstler - derzeit arbeitet.

Für die Feierlichkeiten zum zehnjährigen Jubiläum des Museums für moderne Kunst in Bozen verbindet Nicolai Kunst und Landschaft. "Ich lasse 15 Kuhglocken anfertigen und bitte eine Komponistin, Isabel Mundry, dafür ein Stück zu schreiben", so Nicolai im Deutschlandfunk Kultur.

Die Komposition der Kühe hört nur der liebe Gott

Dieses Stück werde einmal im Museum aufgeführt, dann bekämen die Kühe die Glocken und nähmen sie mit auf die Alm. "Die Kühe, die führen ihre eigene Komposition auf, nämlich in der Art, wie sie sich sozusagen da oben bewegen. Und dieses Stück, da die an verschiedenen Orten sind, wird dann nur der liebe Gott hören können", sagt Nicolai. "Allerdings kann man sich das erwandern, es gibt eine Wanderkarte, wo man die Kühe auf der Alm besuchen kann, und zum Almabtrieb gibt es dann noch mal eine Wanderung mit Sängern zu diesen Almen. Und dann wird es ein Duett geben zwischen der Kuh und einem Sänger."

Olaf Nicolai im Oktober 2017 bei den Donaueschinger Musiktagen (dpa / picture alliance / Patrick Seeger)Olaf Nicolai im Oktober 2017 bei den Donaueschinger Musiktagen (dpa / picture alliance / Patrick Seeger)

Im Rahmen einer Kooperation zwischen den Kunst-Werken Berlin und dem Berliner Ensemble wird sich Nicolai 2018 außerdem zum ersten Mal mit Sprechtheater beschäftigen: Dabei werde Brechts "Mann ist Mann" in einer Autowerkstatt aufgeführt, während gleichzeitig das Auto von Helene Weigel repariert wird: "ein sehr, sehr schöner Mercedes", den Helene Weigel seinerzeit für das Berliner Ensemble angeschafft hat und den Nicolai im Internet entdeckt und gekauft hat. "Und der wird in einer Werkstatt, was einem Auto in dem Alter auch zusteht, gebührend gepflegt und gewartet und auch repariert", sagt Nicolai. 

"Das Publikum kann dem beiwohnen, kann aber, wenn es möchte, sich auch damit beschäftigen, was passiert, wenn so ein Stück wie 'Mann ist Mann' von Bertolt Brecht in einer Werkstatt geprobt wird und die Leute dann auf einmal miteinander in Beziehung treten müssen: die Handwerker, die Automechaniker und die Schauspieler."

Den Menschen wie ein Auto ummontieren

Er sei gespannt, was dabei passiere, zumal das Stück "Mann ist Mann" ja "nicht ganz unwichtig" für die Theatergeschichte sei: "Benjamin hat ja seinen Aufsatz zu Brecht dann daran entwickelt, mit dem epischen Theater, und da gibt es ja auch diesen schönen Satz, der heute vielleicht wieder eine gewisse Aktualität hat: Hier wird heute Abend ein Mensch wie ein Auto ummontiert, ohne dass er irgendetwas dabei verliert."

Der Konzeptkünstler Olaf Nicolai, geboren 1962 in Halle (Saale), arbeitet mit unterschiedlichsten Materialien und Medien. Seine Arbeiten sind auf den wichtigsten Biennalen der Welt vertreten: von Busan bis Venedig, auf der Documenta in Kassel, auf der Berlin Biennale oder auf dem Ballhausplatz in Wien. 2017 schuf er für Deutschlandfunk Kultur und die documenta 14 das Hörstück "In the Woods there is a bird", das mit dem Karl-Sczuka-Preis ausgezeichnet wurde.

(uko)

 

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