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Interview | Beitrag vom 03.01.2018

Woran arbeiten Sie gerade, Herr Delius?"Es war eine erste große Aufbruchszeit"

Friedrich Christian Delius im Gespräch mit Dieter Kassel

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Der Schriftsteller Friedrich Christian Delius am 27.10.2011 in Darmstadt in der Centralstation im Vorfeld einer Lesung. (picture alliance / dpa / Marc Tirl)
Der Schriftsteller Friedrich Christian Delius (picture alliance / dpa / Marc Tirl)

New York Mitte der 1960er-Jahre: Ein junger Deutscher gerät in ein Free-Jazz-Konzert. Zunächst reagiert er verstört auf die ungewohnten Klänge - bis ihn der musikalische Sog packt. In seiner autobiografischen Erzählung "Die Zukunft der Schönheit" verarbeitet Friedrich Christian Delius die Zeit seiner Jugend.

Dieter Kassel: Ich bin mir ziemlich sicher, woran der Autor Friedrich Christian Delius in den letzten Monaten gearbeitet hat: an seinem neuen Buch, nämlich der autobiografischen Erzählung "Die Zukunft der Schönheit", die am 20. Februar erscheint, aber diese Arbeit ist jetzt eigentlich abgeschlossen, und deshalb habe ich ihn im Rahmen unserer Reihe zum Beginn unseres Gesprächs gefragt, ob er denn jetzt gerade nichts mehr zu tun hat oder ob er tatsächlich immer noch ein bisschen an diesem Buch arbeitet.

Friedrich Christian Delius: Ich habe gerade vor einer halben Stunde auf die letzte Fahne geschaut und habe noch eine Winzigkeit gesehen, die geändert wird, aber ansonsten ist das Buch fertig, und ich freue mich, dass es im Februar erscheint. Ich habe natürlich in meinem Kopf eine Art Pause, aber auch überhaupt keine Pause, weil der Kopf ja immer arbeitet und auch an neue Dinge denkt und viele Dinge sich ordnen muss und sich so langsam auch ein neues Projekt abzeichnet, was auch erst mal ein Versuch ist. Also ich habe jetzt in den Weihnachtstagen natürlich eine große Arbeitspause gemacht, aber heute im Januar geht es weiter.

Kassel: Reden wir doch über dieses Buch ein wenig, Herr Delius. Es geht in diesem Buch um die 1960er-Jahre, es ist, so labelt es der Verlag, eine autobiografische Erzählung. Die 60er-Jahre gerade jetzt, warum, weil Sie finden, diese Zeit damals ist heute auf eine gewisse Art und Weise wieder aktuell?

Delius: Nein, als Autor denkt man ja nun überhaupt nicht dran, was gerade aktuell sein soll oder aktuell sein muss, sondern hier fehlt mir in meinem autobiografischen Erzählen seit Langem noch diese Phase der Jugend, der Anfänge des Schreibens. Ich habe ja in dem Buch "Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde" mehr über meine Kindheit geschrieben und später anderes, also in den autobiografischen Büchern mehr über meine Eltern und Familie auch erzählt. Das ist ein Feld meiner Arbeit neben den anderen, und diese Phase, die schwierigste eigentlich, Auseinandersetzung mit dem Vater, eine nicht ganz einfache Jugend, das hat lange warten müssen, und ich habe auch an diesem Text, den habe ich vor zehn Jahren angefangen und zur Seite gelegt, und jetzt sind 96 Seiten dabei rausgekommen. Also der war jetzt fällig, unabhängig davon, was die Menschheit sonst über die 60er-Jahre denkt.

Das große Infragestellen

Kassel: Es ist ja ein sehr persönliches Buch geworden, und ich habe so das Gefühl, nachdem, was ich schon weiß über dieses Buch – so ganz viel ist es noch nicht, wenn ich ehrlich bin –, dass diese 60er-Jahre für Sie auf eine gewisse Art und Weise vielleicht sogar die wichtigste Zeit Ihres Lebens waren?

Delius: Nein, das würde ich nie sagen, weil jedes Jahr ist wichtig, und jeder Mensch, den ich treffe, ist mir wichtig. So ein Ranking gibt es bei mir nicht, aber die 60er-Jahre waren insgesamt wichtig auch für das, was wir heute erleben. Es war doch eine erste große Aufbruchszeit, eine Suche nach neuen Möglichkeiten, ein Infragestellen von allem einfach, und so setzt das hier an, dass ein junger Mann in ein Free-Jazz-Konzert gerät und erst mal völlig abgeschreckt ist von dem, was da auf seine Ohren eindringt, und dieser ganze Text ist ja auch sehr musikalisch erzählt, also erst mal diese Abwehr der Ohren gegen diese erst mal schreckliche Musik, und dann so ein allmähliches Reinhören und ein Mitspielen, Mitdenken mit dieser Musik, die alles auseinandernimmt, und bis ich daraus dann sozusagen Gedanken entwickeln, die unruhigen 60er-Jahre, also alles vor 68 muss man dazu sagen, und dann geht das also immer weiter in die biografische Tiefe, und es ist also ganz wichtig bei diesem Buch zu sehen, wie es gearbeitet ist. Es ist sozusagen ein musikalischer Sog, und aus dem Grunde war das auch viel Arbeit daran und viel musikalischer, kompositorischer Arbeit.

Kassel: Aber war nicht auch – so habe ich das bisher verstanden – dieses Konzert, ich glaube 1966 war das damals in New York, –

Delius: Ja.

Kassel: – wo Sie es erlebt haben, und ich glaube, Sie haben es mal ähnlich formuliert, deshalb darf ich das übernehmen, wo Sie sozusagen als junger Mann aus der deutschen Provinz dann plötzlich in dieser Stadt, in New York, dieses Musikerlebnis hatten –, war das nicht auch neben der musikalischen Prägung so eine Art Initialzündung für das Leben als Schriftsteller, für Ihre Entscheidung, überhaupt Autor zu werden?

Delius: Nein, das wäre völlig übertrieben. Man sucht gerne immer so eine Initialgeschichte oder was. Nein, das war bei mir eigentlich viel früher, also schon mit 16, 17, wo ich angefangen habe, in den Worten, in sehr schlechten, erst mal Gedichten aus mir herauskamen, irgendwas zu finden, wo ich dachte, hoppla, du hast ja mehr Worte in dir als du denkst, und wo kommt das eigentlich her und warum machst du das. Das fand schon ein paar Jahre früher statt, und die Initialzündung zum Schreiben, die hatte ich gar nicht mehr nötig, sondern man muss sich aber als Autor immer wieder sozusagen durcheinanderschütteln und infrage stellen lassen, und dieser Moment des Infragestellens durch diese Musik, den versuche ich zu beschreiben und damit auch eine Selbstfindung zu beschreiben, die sicher zu diesem Schriftsteller, der dann daraus wurde, beigetragen hat, aber es ist jetzt nicht so zentral, dass ich sagen würde, hier, das ist sozusagen mein Punkt, an dem ich zum Saulus zum Paulus geworden bin.

Ich bin eigentlich Eklektiker

Kassel: Wie sehr sind Sie wirklich in der Lage, nach ja doch einem halben Jahrhundert sich noch mal hineinzuversetzen in diesen jungen Mann, der Sie zum Beispiel damals gewesen sind in New York?

Delius: Das ist natürlich nicht ganz einfach, auch deshalb habe ich ein bisschen dafür gebraucht. Es ist mir aber erleichtert worden, dass mein Freund und Kollege Marcel Bayer mir, als wir mal darüber sprachen vor vielen Jahren, aus dem Internet dieses Konzert gefischt hat, was ich damals gehört habe von dem Saxophonisten Albert Ayler, und er hat mir dann die CDs übergeben, und auf einmal war es relativ leicht, wieder in diese Denkphase da zurückzukommen, und ich habe natürlich wenige Aufzeichnungen aus der Zeit, wenige Briefe, aber das hat doch gereicht, um, ich glaube, ganz ordentliche 96 Seiten zustande zu kriegen.

Kassel: Ich glaube es Ihnen einfach schon mal, aber bin sehr dankbar, dass Sie auch beschreiben, wie sehr damals dieses Musikerlebnis wichtig war und wie sehr das auch – sicherlich nicht nur – ein Buch über Musik ist. Hat Sie eigentlich – Sie haben von einem Sog gesprochen, in den Sie da hineingezogen wurden an diesem Abend –, hat Sie eigentlich der Sog von Musik überhaupt oder gerade auch von Jazz wieder losgelassen oder ist das heute noch Musik, die wichtig ist für Sie?

Delius: Also heute muss es nicht mehr der Jazz sein, und es war auch damals nicht so. Also ich bin eigentlich so ein Eklektiker. Ich kann also das Weihnachtsoratorium immer noch hören, aber natürlich auch einen Monk oder einen Coltrane oder natürlich auch so die übliche Popmusik und dergleichen. Also ich bin nicht festgelegt.

Kassel: Sie haben es ein bisschen ja schon angedeutet, dass es natürlich konkrete Arbeitsphasen gibt, Vorbereitung, Recherche, denken, schreiben, und irgendwann ist so ein Buch dann fertig, aber sind Sie eigentlich so eine Art intellektueller Multitasker, also ist es so, dass Sie einerseits an einem größeren Buchprojekt oder eins wie dieses – knapp 100 Seiten – arbeiten, und dann wird zwischendurch ein Essay geschrieben, und dann wird vielleicht noch an einem anderen Text gearbeitet, der erst fünf Jahre später fertig wird, also machen Sie vieles parallel oder sagen Sie, das kann und will ich so gar nicht?

Delius: Also Multitasker wäre der falsche Begriff dafür, aber es gibt schon Phasen, wo ich nicht intensiv, also jetzt für zwei Jahre, sagen wir, an einem Prosatext sitze, sondern also wie jetzt in dem abgelaufenen Jahr diese Erzählung fertiggemacht habe, einen Essay geschrieben habe, aber eins nach dem anderen doch, und mir Gedanken gemacht habe um was Neues, auch ein bisschen für die Zeitungen geschrieben habe mal wieder. Also ich habe ja das Privileg in diesem Beruf, dass ich mir meine Themen aussuchen kann und dass ich immer noch ein paar Leute finde, die mir zuhören.

Kassel: Und dies lesen, und ich glaube, es sind nicht ein paar, es sind ziemlich viele. Herr Delius, ich danke Ihnen sehr für das Gespräch und freue mich schon sehr auf das Buch und natürlich auch auf alle Projekte, die noch folgen mögen! Danke Ihnen!

Delius: Ich danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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