Seit 11:05 Uhr Deutschlandrundfahrt
 

Sonntag, 21.01.2018

Fazit / Archiv | Beitrag vom 09.10.2016

"Wolyn" von Wojtek SmarzowskiPolnischer Film über Folgen des extremen Nationalismus

Von Henryk Jarczyk

Podcast abonnieren
Der polnische Filmregisseur Wojtek Smarzowski, fotografiert auf dem 38. Gdynia Film Festival 2013 (imago/Eastnews)
Der polnische Filmregisseur Wojtek Smarzowski (imago/Eastnews)

In seinem neuen Film erzählt polnische Starregisseur Wojtek Smarzowski vom Massenmord, bei dem ukrainische Nationalisten im Jahr 1943 Schätzungen zufolge rund 100.000 Polen getötet haben sollen. Smarzowski gelingt eine universelle Warnung vor den Folgen des extremen Nationalismus.

Eine junge Frau rennt um ihr Leben. Auf ihrem Arm ein Baby. Sie fliehen vor einem blutrünstigen Mob. Was dann folgt sind Szenen äußerster Bestialität. Einem Mann wird bei lebendigem Leibe die Haut vom Rücken gerissen. Einer Schwangeren Frau mit einer Mistgabel in den Bauch gestochen. Ein kleines Kind wird in Stroh eingewickelt und lebend angezündet.

Wojtek Smarzowski schockt sein Publikum gerne und oft. Auch sein jüngster Film "Wolyn" ist da keine Ausnahme. Und natürlich stellt sich sodann die Frage: Muss das denn sein? Ja sagt der Regisseur, denn nur so ließe sich zeigen, wozu von Hass geblendete Menschen fähig sind.

Wojtek Smarzowski: "Eine ukrainische Frau hat etwas Wunderbares gesagt, nachdem als sie den Film gesehen hat: Solange, jene, die im Krieg töten als Helden betrachtet werden, und nicht jene, die Kriege verhindern, dann wird sich die Welt nicht ändern."

Massenweise gebrandschatzt, vergewaltigt, gemordet

Der Film "Wolyn! erzählt von einem der dunkelsten Kapitel der polnisch-ukrainischen Geschichte. Er schildert den Massenmord ukrainischer Nationalisten an polnischer Dorfbevölkerung 1943. In einer Region, in der bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges Polen und Ukrainer friedlich miteinander lebten. Bis eines Tages ukrainische Extremisten beschließen - von der Idee eines starken Nationalstaates geleitet – polnische Gebiete zu annektieren und dabei ethnische Säuberungen durchzuführen. Von da an wird massenweise gebrandschatzt, vergewaltigt, gemordet.

"Das ist ein Film gegen extremen Nationalismus insgesamt und nicht ein Film, der allein Ukrainer an den Pranger stellt. Ich hoffe, dass die Zuschauer genau diese Botschaft begreifen werden."

Ein berechtigter Wunsch. Vor allem weil Smarzowski in seinem Film "Wolyn" allen am Konflikt beteiligten Seiten den Spiegel vorhält. Er zeigt wie ukrainische Abscheu polnische Brutalität nach sich zieht. Gleichzeitig wie Ukrainer Polen helfen und umgekehrt.

Smarzowski möchte Spirale der Gewalt aufzeigen

Smarzowski geht es nicht darum, ausschließlich eine Seite zu brandmarken, sondern die Spirale der Gewalt anhand von einstigen Freunden, Nachbarn ja selbst Verwandten zu zeigen. Deshalb sagt Regisseur Wojciech Smarzowski, sei der Film gerade heute, gerade angesichts des in Europa wachsenden Nationalismus, so wichtig.

"Ich habe diesen Film gemacht, damit der Zuschauer seine Welt aus einer anderen Perspektive betrachtet. Damit er sieht, dass Demonstrationen und Schlägereien auf den Straßen sehr nahe liegende Welten sind und dass alles jederzeit explodieren kann."

Bis der Film "Wolyn" in der Ukraine gezeigt werden kann, dürfte es eine Weile dauern. Zu groß ist da offenbar die Angst vor einer politischen Debatte, die der Film auslösen könnte. Dabei wäre es gerade dort wünschenswert zu begreifen wohin extremer Nationalismus führen kann. Gleichgültig ob von Kiew oder von Moskau aus gesteuert.   

Mehr zum Thema

Polnischer Film "Wolhynien" - Brutale Bilder verärgern die Ukraine
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 07.10.2016)

Polnischer Film "Wolhynien" - Brutale Bilder verärgern die Ukraine
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 07.10.2016)

Polen und Ukraine - Dunkle Geschichte eines blutigen Sonntags
(Deutschlandfunk, Europa heute, 11.07.2016)

Neuer Ansatz für schwierige Geschichte
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 18.04.2013)

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsÜber Politiker, Friedrike und den Schnee
Ein Fahrradfahrer fährt am 17.01.2018 auf der Allee Unter den Linden in Berlin durch das Schneegestöber. (dpa / Jens Kalaene)

Das Unwort des Jahres, Donald Trump, Karl Marx und das Wetter - einen bunter Strauß an "Aufregern" haben die Feuilletons der Zeitungen in der zurückliegenden Woche gebunden. Und so mancher Feuilletonredakteur stoßseufzte: Kaum ist das Luther-Jahr vorbei, wird im Marx-Jahr weitergefeiert.Mehr

weitere Beiträge

Fazit

Georg Baselitz in der SchweizEine Doppelschau zum 80. Geburtstag
Maler Georg Baselitz 

Georg Baselitz gilt als einer der erfolgreichsten deutschen Künstler der Gegenwart. Die Kunstkritik tut sich aber schwer mit ihm. Er habe so lange auf Unangepasstheit gesetzt, bis er im Establishment ankam, so der Vorwurf. Das Kunstmuseum Basel ehrt ihn jetzt mit einer Doppelschau. Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur