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Tonart | Beitrag vom 26.09.2016

Wollny/Peirani: "Tandem"Deutsch-französisches Improvationswunder

Von Ilka Lorenzen

Der Jazzpianist Michael Wollny (links) und der Akkordeonist Vincent Peirani. (©ACT Jörg Steinmetz)
Der Jazzpianist Michael Wollny (links) und der Akkordeonist Vincent Peirani. (©ACT Jörg Steinmetz)

Der deutsche Jazzpianist Michael Wollny, 7-facher ECHO Jazz-Preisträger, ist auch in Frankreich eine feste Größe. Dort hat er jetzt mit dem Akkordeonisten Vincent Peirani - "Frankreichs Jazzkünstler des Jahres" - ein Album aufgenommen: Auf "Tandem" verbinden die beiden ihre musikalische Verschiedenheit zu einem wundervollen großen Ganzen.

Vincent Peirani: "Wir sind wirklich sehr verschieden! (Wollny: Qui!! :)) Aber, gleichzeitig gibt es da eben diesen spielerischen Bereich, in dem wir uns finden, und der ist sehr, sehr stark!"

"Tandem" - so heißt das neue Duo-Album des deutsch-französischen Jazz-Gespanns Vincent Peirani und Michael Wollny. Alle besagte Verschiedenheit verbinden die beiden musikalisch zu einem wundervollen großen Ganzen.

Sie gehören derzeit in ihren jeweiligen Heimatländern zu DEN angesagtesten und erfolgreichsten jungen Jazzacts, beide spielen innovativ und virtuos auf ihrem Instrument und sprengen liebend gern Genregrenzen. 

Zusammen haben sie sich auf Songs und Lieder konzentriert, die ihnen persönlich etwas bedeuten. Sie haben sich einander musikalisch hingegeben und konnten aus der kreativen Energie des jeweils anderen schöpfen. Daraus entstanden ist ein intensives, höchst poetisches Album.

Kennen gelernt haben sie sich bereits vor fünf Jahren beim einem Konzert im Pariser Jazz Club New Morning – und es war schnell klar: Da passiert gerade etwas ganz Besonderes zwischen zwei Musikern:

Vincent Peirani: "Und ich glaub, das war auch der Grund dafür, dass ich, kurz nachdem ich das Angebot bekam, ein Album aufzunehmen, dachte: Klavier?? Ahhh, das wäre super mit Michael! Ich wusste bis dahin gar nicht wirklich, wer er war. Er sagte mir zu und kurz danach, beim JAZZDOR Festival, erzählte ich einigen Journalisten von meinen Projekten: 'Also, ich mache ein Album zusammen mit Michael Wollny…'. Und sie waren alle außer sich: Ach echt? Michael Wollny? Das ist unglaublich! Und ich dachte mir: Na super! Und jetzt ist das eine extrem enge Verbindung geworden. Das ist selten…!"

Ein ständiges Geben und Nehmen

Ebenso selten ist ein Duo aus Klavier und Akkordeon – es könnten schließlich zwei Instrumente sein, die sich gegenseitig in die Quere kommen oder sich gar widersprechen. Doch das Gegenteil ist der Fall bei Wollny und Peirani – ihr Spiel ist ein ständiges Geben und Nehmen, sie scheinen sich permanent gegenseitig zu inspirieren.

Michael Wollny: "Ich glaub, ich hab mit Akkordeon mich eigentlich nie so richtig beschäftigt, bis ich ihn gehört habe. Und ich hab das Gefühl, dass er eigentlich nicht nur das Instrument spielt, sondern ein ganzes Orchester aufruft. Das heißt, da sind so von neutönerischen Klängen bis zur Musette und von Jazz bis zu Pop und Rock, da sind so alle möglichen Welten in dem Spiel irgendwie verankert, das natürlich auf eine hoch virtuose Art und Weise, da keine spielerischen Grenzen irgendwie gesetzt sind.

Und das wiederum, wenn man jetzt in einem Duo miteinander spielt, wo man jederzeit den eigentlich Plan über den Haufen schmeißen kann und ne neue Tür wählen kann und sagen kann, wir gehen jetzt da rüber - da ist sowas unglaublich inspirierend. Und dann finde ich, es braucht keine Verabredungen, damit wir zusammen immer wieder an den gleichen Orten landen und uns dort immer wieder zu neuen Ideen bringen. Und das ist etwas, was ich total schätze an ihm."

Vincent Peirani: "Was ich an ihm vor allem mag: Alles ist erlaubt! Michael hat einen ähnlichen Bezug zu Musik, der Rahmen ist sehr weit bei uns, wir machen nicht ausschließlich Jazz oder Klassik, wir machen das, worauf wir Lust haben und wir versuchen das so gut zu machen, wie wir können, und es gibt absolut keine Grenzen."

Grenzenlose Spontanität

Es ist auch diese grenzenlose Spontanität, die den beiden Musikern entspricht und sie verbindet. Und sie gibt dem Album eine gewisse Fragilität und macht es so lebendig, mit allem, was dieser Ausdruck beinhaltet.

Extrem tiefsinnig und gefühlvoll ist es auf jeden Fall – bestes Beispiel der Titel: "Fourth of July", ein Original des Singer Songwriters Sufjan Stevens. Wollny und Peirani schaffen es hier, mit sehr wenigen Akkorden ganz viel zu erzählen.

Michael Wollny: "Es ist ein sehr, sehr trauriges Stück, weil die ganze Platte geht um den Verlust seiner Mutter, und das ist eigentlich die Sterbestunde. Wir hatten einige Probleme mit dem Stück, weil wir nie so den richtigen Mut gefunden hatten, weil es eine ganz spezielle Stimmung ist, zwischen sehr wenig aber trotzdem sehr viel Poesie, die da entstehen muss. Und es war eigentlich auch so ein first take im Studio, der es geworden ist"

Vincent Periani: "We tried to play it two, three, four times… and at the end: first take!"

Michael Wollny: "Yes!"

Neben weiteren Höhepunkten der Pop-, Jazz- und Klassikgeschichte – zum Beispiel gibt es eine Version von Björks "Hunter" – beeindrucken auch die Eigenkompositionen von Wollny und Peirani. "Tandem" beweist eindeutig: Dieses Duo ist ein neuer deutsch-französischer Glücksfall.

Michael Wollny: "Eines meiner größten Vorbilder am Instrument ist ja Joachim Kühn, mein großer Held, der ja jahrelang in Frankreich gespielt hat mit Jean-Francois Jenny-Clark und Daniel Humair, mit dem ja auch Vincent spielt. Also, da gibt es auch eine gewisse Tradition von auch einer deutsch-französischen Zusammenarbeit, die auch in einer Art expressiver Improvisationssprache sich so irgendwie gefunden hat. Und ich glaub, das ist auch so eine Tradition, an die ich mich jetzt so erinnere, wenn wir zusammen spielen."

Vincent Peirani & Michael Wollny: Tandem
Label: Act Music
ACT 9825-2

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