Seit 17:55 Uhr Studio 9 kompakt Wahlstudio
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 17:55 Uhr Studio 9 kompakt Wahlstudio
 
 

Thema / Archiv | Beitrag vom 20.04.2011

"Wir haben mindestens 250 Guttenbergs jährlich"

Plagiatsforscher rechnet mit Wissenschaftsbetrieb ab

Podcast abonnieren
Weber: "Hinter jedem Plagiat steckt auch ein Ghostwriter-Verdacht."  (Stock.XCHNG - Sanja Gjenero)
Weber: "Hinter jedem Plagiat steckt auch ein Ghostwriter-Verdacht." (Stock.XCHNG - Sanja Gjenero)

Angesichts neuer Plagiatsvorwürfe bei der Erstellung von Doktorarbeiten - diesmal gegen die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin oder die Tochter des früheren bayerischen Ministerpräsidenten, Veronika Stoiber-Sass - rechnet der Medienwissenschaftler und "Plagiatsjäger" Stefan Weber mit dem Wissenschaftsbetrieb und seinen schlechten Gewohnheiten ab.

Er bemängelte die wachsende Zahl von Promotionen, die den wissenschaftlichen Qualitätsstandards einfach nicht mehr entspreche. Diesen Arbeiten fehle der eigene forschende Ansatz - der "eigene Kontext" und der "eigene Sinnrahmen", wie Weber sagte. Diese Arbeiten erschöpften sich darin, "Dinge zu rezitieren, wie sie im Jahre X waren", ohne dass daraus eigene Schlüsse gezogen würden.

Außerdem werde an den Universitäten oft schlampig gearbeitet. In der Doktorarbeit von Silvana Koch-Mehrin gebe es beispielsweise immer wieder Stellen, die nicht mit Quellen belegt seien - das müsse einem Gutachter einfach sofort als wissenschaftliche Schludrigkeit ins Auge fallen, sagte Weber.

Wörtlich sagte er: "Hier wurden ja Fakten referiert, Jahreszahlen, Mengenangaben, also quantitative Daten oder Daten aus der Geschichte, und die müssten ja belegt werden und die müssten ja auch in einen Kontext eingeordnet werden. Wenn das nicht passiert, ist das ja alles ein zusammengeschustertes Text-Blendwerk. Und insofern würde jeder Riecher hier sofort anschlagen, gerade auch bei der Arbeit von der Frau Koch-Mehrin".

Er könne nur davon ausgehen, dass solche Promotionen auch von den Doktorvätern höchstens kurz überflogen worden seien - sie hätten "sicherlich nie eine Art Tiefenrecherche in diese Arbeiten betrieben", sonst hätten sie die Mängel bemerken müssen.

Weber quantifizierte die Zahl solcher aus fremden Quellen "zusammengeflickten" Doktorarbeiten mit etwa ein Prozent. "Wir haben jährlich mindestens 250 Guttenbergs in Deutschland, mindestens" - bei rund 25.000 eingereichten Doktorarbeiten pro Jahr. "Das sind die Hardcore-Plagiate", so der Medienwissenschaftler. Hinzu komme noch ein einstelliger Prozentsatz von Teilplagiaten, "in denen so inkorrekt zitiert wurde, dass diese Arbeiten eigentlich gar nicht anschlussfähig sind".

Außerdem betonte Weber: "Hinter jedem Plagiat steckt auch ein Ghostwriter-Verdacht." Die "empirische Frage" sei doch - "Kann man sich vorstellen, dass Guttenberg, Koch-Mehrin und Co. hier im stillen Kämmerlein spät abends gestresst sitzen, vom Beruf heimkommen, vom anstrengenden Arbeitstag, und ein bisserl abschreiben und ein bisserl umschreiben? Das ist ja auch ein bisschen eine unwahrscheinliche Vorstellung."

Doktorarbeiten seien zudem einfach zu lang. "Bitte machen wir doch die Arbeiten kürzer, von 400 auf 100 Seiten, und dafür möchte ich eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Thema." Das sei einfach viel vernünftiger, sagte Stefan Weber.

Sie können das vollständige Gespräch mindestens bis zum 20.9.2011 als MP3-Audio in unserem Audio-on-Demand-Player nachhören.



Links bei dradio.de:
Digitales Logbuch: Wiki-Plag-Geister
"Es ist so einfach, Plagiate zu finden" - Wissenschaftlerin Weber-Wulff plädiert für "organisierten Skeptizismus"
War Silvana Koch-Mehrin zu liberal mit ihrer Doktorarbeit? <br> Universität Heidelberg reagiert auf Plagiatsvorwurf

Thema

Karl der GroßeKunstsinniger Barbar
Eine Figur Karls des Großen steht am 16.06.2014 in Aachen (Nordrhein-Westfalen) im Centre Charlemagne. Die Ausstellung "Karl der Große, Macht, Kunst, Schätze" ist vom 20.06.2014 bis zum 21.09.2014 in Aachen zu sehen.  (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Er war einer der Gründungsväter Europas: Karl der Große hat die karolingische Renaissance eingeleitet. Eigentlich sei es ihm aber nur um die Legitimierung seiner Macht gegangen, meint Kunsthistoriker Michael Imhof. Mehr

DDR-GeschichteSieg über den Ort des Grauens
Der ehemalige politische Gefangene Gilbert Furian in einer Gefängniszelle der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus vom Verein Menschenrechtszentrum in Cottbus (Brandenburg). (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Weil er in der DDR Interviews mit Punks publizierte, kam Gilbert Furian in den Cottbuser Knast. In der heutigen Gedenkstätte wird er nun in der Oper "Fidelio" mitsingen - um einen "großen Rucksack Bitterkeit" erleichtert.Mehr

Agenturfotos"Das ist sicher ein Aufbruch"
Sheryl Sandberg, Geschäftsführerin des US-amerikanischen Internetkonzerns Facebook  (picture alliance / dpa / Foto: Jean-Christophe Bott)

Die Karrierefrau, die am Schreibtisch sitzt, oder das schamlose Zeigen von Terroropfern in Afrika - Sheryl Sandberg von Facebook und Pam Grossman von der Bildagentur Getty Image wollen solchen Klischeefotos etwas entgegensetzen. Sie haben die Datenbank "Lean In Collection" gegründet. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur