Seit 01:05 Uhr Tonart
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 01:05 Uhr Tonart
 
 

Fazit / Archiv | Beitrag vom 05.08.2014

WillinghausenDie erste deutsche Malerkolonie

Das Dorf zwischen Kassel und Marburg beherbergt inzwischen wieder junge Künstler

Von Anke Petermann

Podcast abonnieren
Blick auf das Gerhardt-von-Reutern-Haus mit dem Malerstübchen (l) im nordhessischen Willingshausen. In dem 850-Seelen-Dorf befindet sich die älteste Malerkolonie Deutschlands. (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)
Blick auf das Gerhardt-von-Reutern-Haus mit dem Malerstübchen (l) im nordhessischen Willingshausen. (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)

Im hessischen Willingshausen zählten Bauern einst zu den gefragtesten Modellen der angereisten Boheme. Heute dürfen junge Stipendiaten im Hirtenhaus aus dem 16. Jahrhundert arbeiten und logieren.

Elfriede Sahm setzt winzige gelbe Tupfer ins grüne Laub des Landschaftsgemäldes in Öl. Durch zwei Reihen Dachfenster fällt sanftes Nachmittagslicht ins geräumige Atelier des Gerhardt-von-Reutern-Hauses, benannt nach dem Gründer der Malerkolonie. Sieben Hobbykünstler arbeiten hier derzeit, mehr als hundert kommen jährlich. Kursleiterin Ulrike Schulte schaut Elfriede Sahm über die Schulter. "Jetzt keine weiteren Lichtakzente mehr", rät die Bremer Künstlerin der Hobbymalerin, sie sei jetzt an dem Punkt,

"... wo sie sich mal mit den Stämmen auseinandersetzen könnte. Elfriede, jetzt wär's so weit. Aber das können wir gleich gemeinsam planen, den Farbplan machen. - Ja."

Das Motiv: ein Pfad zwischen Wiesen und Buchen – die Kursleiterin hat die Landschaft am Willingshäuser Osterberg fotografiert, auch die Freiluftmaler der Kolonie bevorzugten diesen Ort.

"Da haben wir auch schon sehr viel gemalt. Da gibt es einen schönen Blick übers Dorf und in die Weite und andererseits den Blick auf die wenigen alten Buchen, die da noch stehen. Und da befindet sich die Elfriede Sahm im Grunde so ein bisschen auf den Spuren der Vorväter, wenn ich das so sagen darf."

Wie die Hobbykünstler heute so waren auch die "Vorväter" im 19. Jahrhundert Stammgäste im bäuerlichen Willingshausen. Anders als in den Kolonien Worpswede und Dachau lebten sie nicht permanent in dem Fachwerkdorf, sondern kamen dort nur in den Sommermonaten zusammen. Kati Werkmeister, Leiterin der kleinen Kunsthalle, ein neuer Anbau ans Gerhardt-von-Reutern-Haus:

"Hier waren relativ viele Künstler. Willingshausen war sogar eine der am meisten besuchten Künstlerkolonien."

Bauern als gefragte Modelle bei der Boheme

Mit weit über 300 Genremalern, anerkannt von Zeitgenossen, aber in der Moderne schnell wieder vergessen. Der Erste Weltkrieg ließ die künstlerische Sommerfrische-Tradition allmählich abebben. Schon der einarmige Autodidakt und Gründer Gerhardt von Reutern brachte Kommilitonen seiner späteren Studienorte Kassel und Düsseldorf mit. Die Schwälmer Bauern arrangierten sich damit, gefragte Modelle für die anreisende Boheme zu sein, die das Landleben teilweise verklärte.

Abends saßen die Maler im Wirtshaus Haase zusammen, tranken, lachten, debattierten und zeichneten Skizzen ins sogenannte Maleralbum.

Zu sehen sind einige ihrer Werke im historischen Malerstübchen, unten im Gerhardt-von-Reutern-Haus. Nicht mehr am originalen Ort, aber mit dem Sofa und dem Ohrensessel, auf denen die Maler um einen großen Tisch saßen und zechten. Nicht mehr in Gebrauch, sondern heute wertvollstes Ausstellungsstück: die Tür zum Malerstübchen.

"Insgesamt haben sich da 12 oder 13 Künstler drauf verewigt, hier in der Mitte der Hase, der die Pfeife raucht, das ist eine sehr humorvolle Anspielung auf den Gastwirt der dieses Haus betrieben hat, der mit Namen Haase hieß."

Jeder der zwölf malte eines seiner typischen Motive, Adolf Lins, genannt "Gänselins" natürlich Federvieh, dem Kinder hinterherlaufen. Einige Maler avancierten zu Kunst-Professoren, nahmen die idyllischen Landschaften unter weitem Himmel, die pittoresken Feldarbeits- und Handwerksszenen als Willingshäuser Motive mit an die Akademien in Frankfurt, München, Düsseldorf und Dresden.

"Wilhelm Thielmann war Professor, Carl Bantzer war Professor, und die haben eben auch ihre Schüler mitgebracht hierher, sodass zum Beispiel auch Kurt Schwitters hier war, der berühmte Dadaist war 1907 in Willingshausen."

Stipendien locken junge Künstler

Ende der 1920er-Jahre gründete Carl Bantzer die Vereinigung Malerstübchen. Bis heute pflegt sie das Willingshäuser Erbe, sammelt und präsentiert die alte Kunst. Doch Traditionspflege ist nicht alles. Und neben zahlenden Hobbykünstlern wollte Willingshausen auch wieder Maler mit professionellem Anspruch anlocken.

Seit mehr als 20 Jahren helfen dabei Stipendien für junge Künstler, unter anderem finanziert von der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen und den örtlichen Kommunen. Zwei Stipendiaten jährlich wohnen im Hirtenhaus aus dem 16. Jahrhundert und bekommen nach dreimonatiger Arbeit eine Ausstellung in der Willingshäuser Kunsthalle samt Produktionshilfe für einen Katalog. Als nächste zieht die Kasseler Künstlerin Romina Abate ins Hirtenhaus. Willingshausen – ein Dorf lebt seine Künstler-Tradition.

Mehr in unserer Reihe:

Künstlerkolonien - Von Ahrenshoop bis Worpswede (Deutschlandradio Kultur, Fazit, 04.08.2014)

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsEin Kater als Bürgermeister
Wenn eine Katze am Computer sitzt und mit der Maus spielt, dann hat das immer etwas Merkwürdiges. (picture alliance / dpa / dpaweb / Frank Rumpenhorst)

Seit 20 Jahren soll ein Vierbeiner in Talkeetna das Bürgermeisteramt innegehabt haben. Nun ist der Kater Stubbs gestorben. Außerdem in den Feuilletons: Frauen bei der BBC verdienen schlechter als ihre männlichen Kollegen und Sexismus in Literaturbetrieb.Mehr

weitere Beiträge

Fazit

SpionageserieNetflix-Serie schlägt Homeland
Die App des Streamingdienstes Netflix auf einem iPhone 6, aufgenommen am 15.02.2016 in Düsseldorf (picture alliance / dpa / Rolf Vennenbernd)

Berlin als Zentrum der Spionage: Das gab es schon in der US-Serie "Homeland". Doch wo diese auf Abziehbilder setzt, ist die Netflix-Serie "Berlin-Station" um realistischere Bilder bemüht. Ein Zeichen dafür, dass die Macher den europäischen Geschmack treffen wollten.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur