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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.11.2016

William Gass: "Mittellage"Der alte Gentleman hat sich einen Spaß erlaubt

Von Joachim Scholl

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Die Hauptstraße von McGregor, Iowa, im Mittleren Westen der USA, aufgenommen am 20.3.2012. (picture-alliance / dpa / Yannick Tylle)
Der Roman "Mittellage" spielt in der amerikanischen Provinz - zu sehen ist Hauptstraße von McGregor in Iowa. (picture-alliance / dpa / Yannick Tylle)

In "Mittellage" erzählt William Gass die Geschichte eines skurrilen Professors, der in seiner Freizeit an einem "Museum der Unmenschlichkeit" bastelt. Das Buch sei ein "herrlicher Schmöker", meint unser Literaturkritiker. Mit leichter Hand geschrieben, zugleich erfrischend und realistisch.

Mit seinen inzwischen 92 Jahren ist der amerikanische Romancier William H. Gass der Alterspräsident der literarischen Avantgarde seines Landes. Mit den Kollegen John Barth, Jg. 1930, und Robert Coover, Jg. 1932, bildet er ein Triumvirat von Schriftstellern, die von der Kritik stets so geliebt wie vom großen Publikum konstant missachtet wurden.

Keiner von ihnen hat je genug Bücher verkauft, um davon leben zu können, alle waren nur als honorige Universitätsprofessoren in der Lage, ihre Kunst weiterzubetreiben und Werke zu schaffen, die man in ihrem weltliterarischen Rang mit James Joyce, Marcel Proust und Robert Musil vergleicht.

Am kompromisslosesten hat William H.Gass die Maxime "Bloß kein Realismus!" umgesetzt, am eindrücklichsten in seinem allseits gefeierten und wiederum kaum gelesenen Opus Magnum "Der Tunnel", wo auf 1100 Seiten ein durchgeknallter Historiker die Geschichte Nazi-Deutschlands neu erzählt und in einem rasenden Monolog all seinen politisch-rassistischen Ressentiments freien Lauf lässt – das Buch erschien im Original bereits 1995 und wirkt heute wie die Vorwegnahme der Wahlkampf-Rhetorik eines Donald Trump, nicht von ungefähr wurde es nach dessen Triumph vielfach zitiert.

Bilder menschlicher Gräueltaten gesammelt

Deutsche Leser konnten den Roman erst 2011 in Übersetzung lesen, und wer sich erfolgreich durchgetankt hat, wird kaum glauben, dass William Gass mit seinem neuesten Buch "Mittellage" zum allerersten Mal einen erfrischend realistischen Roman geschrieben hat, mit leichter Hand alle literarischen Modernismen in Humor verwandelt und einen herrlichen Schmöker liefert!

Erzählt wird die Geschichte von Joseph Skizzen, einem skurrilen Professor für Musik an einem Provinz-College, der allein mit seiner Mutter in einem Haus lebt, in der Freizeit an einem "Museum der Unmenschlichkeit" bastelt, Zeitungsartikel und Bilder menschlicher Gräueltaten sammelt und dabei sportlich Bierdosen in eine Tonne kickt.

Dieser Joseph ist aus einem Joey hervorgegangen, wie ihn alle vor seiner akademischen Karriere nannten, er war ein bedrückter schüchterner Junge aus einer österreichischen Familie, die in den 1930er-Jahren vor den Nazis aus Wien floh, getarnt als jüdisch, was sie gar nicht war. Der Vater, ein Hallodri und Schwindler, machte sich irgendwann aus dem Staub, die Mutter verschlug es mit Joey und seiner Schwester in den Mittleren Westen der USA.

Satire auf die Provinz

Dort lernt Joey ein bisschen Klavier spielen, arbeitet später in einem Musikgeschäft, wo er seine Leidenschaft für klassische, vornehmliche deutsche Musik entdeckt. Durch absurde Zufälle und Begegnungen mit den wunderlichsten Personen wird Joey nach und nach in die Universitätswelt gespült, wird zum Fälscher seiner eigenen Biographie, zu einem rührend-reizenden Hochstapler, der von einer drolligen Verwicklung in die nächste fällt.

In einer wunderbaren Sprache entwickelt William H.Gass diese Lebensgeschichte zugleich als Satire auf die amerikanische Provinz und die Universität – der alte Gentleman hat sich einen schönen Spaß erlaubt, es sind auch nur 600 Seiten geworden, an glänzender, humoristischer Literatur!

William H. Gass: "Mittellage"
Rowohlt, Hamburg 2016
Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl
605 Seiten, 29,95 Euro

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