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Fazit / Archiv | Beitrag vom 26.01.2008

Wiederentdeckung einer deutsch-amerikanischen Bildhauerin

Elisabet-Ney-Ausstellung in Münster

Von Volkhard App

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Die Bildhauerin Elisabet Ney hat zahlreiche Porträts berühmter Zeitgenossen geschaffen. Sie gestaltete zum Beispiel Büsten von Arthur Schopenhauer und Justus von Liebig. Das Stadtmuseum Münster widmet der deutsch-amerikanischen Künstlerin anlässlich ihres 175. Geburtstags eine große Retrospektive.

Über den Lauf der Welt scheint er genau Bescheid zu wissen. Und diese Überlegenheit drückt sich in einem süffisanten Lächeln aus, das fast schon ein böser Kommentar ist zum irdischen Dasein. So hat Elisabet Ney 1859 den Kopf Arthur Schopenhauers entworfen, nachdem der Philosoph auf ihr Drängen hin immer wieder Modell gesessen hatte. Auch Büsten Justus von Liebigs, Georgs V. und des Freiheitskämpfers Garibaldi gestaltete sie, und die des Chemikers Friedrich Wöhler, dessen Vergeistigung mimisch kaum noch zu überbieten ist.

Elisabet Ney war eine leidenschaftliche Bildhauerin, intensiv wurden die einzelnen Werke vorbereitet. Barbara Rommé, Leiterin des Stadtmuseums Münster und Kuratorin dieser Schau:

"Sie hat vor allem Menschen porträtiert, die ihr auch gelegen haben oder sie im positiven Sinne herausgefordert haben. Sie hat sich dann auf lange Prozesse eingelassen, hat diese Menschen vermessen, mit ihnen gesprochen, ihre Werke gelesen und sich so ihrer Persönlichkeit angenähert. Das war ihre Art zu porträtieren."

Lange dauerte es, bis die Künstlerin derart bekannt war, dass sie gewichtige Aufträge erhielt - wie die Schaffung einer Statue Ludwigs II. von Bayern. Erheblicher Fürsprache hatte es schon bedurft, damit diese Tochter eines Münsteraner Bildhauers überhaupt an der Münchner Akademie studieren durfte, denn die war eine männliche Domäne. Dann erhielt Ney ein Stipendium und wurde in Berlin zur Schülerin des renommierten Christian Daniel Rauch. Dessen fein idealisierender Stil prägte längere Zeit auch ihre Marmorbüsten, bis diese eigenwilliger wurden, mit stärker betonter Persönlichkeit des jeweils Porträtierten. Als Künstlerin aufzutreten, blieb aber in der damaligen Gesellschaft problematisch:

"Das war für Elisabet Ney sehr schwierig, überhaupt einen Einstieg zu finden. Denn es gab damals keine Künstlerinnen, die von ihrer Arbeit leben mussten. Adlige Frauen haben künstlerisch dilettiert, professionelle Künstlerinnen gab es nicht."

Bei der Modell sitzenden Prominenz machte Elisabet Ney jedenfalls Eindruck. Sogar Arthur Schopenhauer teilte in einem Brief mit:

"Sie ist sehr hübsch und unbeschreiblich liebenswürdig. Sie arbeitete in einem abgedunkelten Zimmer meines jetzigen Logis, Tag für Tag, fast vier Wochen lang ... Die Büste ist vierzehn Tage lang ausgestellt gewesen und von allen höchst ähnlich befunden und sehr schön gearbeitet."

Auf eine klassische Bildung konnte Ney nicht zurückgreifen, aber sie war eine unerhört wissensdurstige Frau: Sie las viel, ließ sich in intellektuellen Kreisen anregen, besuchte Vorlesungen selbst in Chemie. Markant und unverwechselbar sind ihre Büsten - und doch sprengen sie stilistisch nicht den Rahmen der Konvention, der Formenkanon wurde nicht umgewälzt:

"Sie war immer auf der Höhe ihrer Zeit, aber nicht die innovativste Bildhauerin aller Zeiten. Das war in jener Epoche auch gar nicht so angelegt. Später steuert die Kunst auf den Umbruch zu, den wir heute die klassische Moderne nennen. Ney hat sicher eine sehr anspruchsvolle Kunst produziert, aber keine, die in der Bildhauerei die Dimensionen gesprengt hätte."

Nicht nur durch ihre Werke fiel sie auf: Mit kurzem Haar und in selbst entworfenen Kleidern trat sie in Erscheinung und löste sich so aus dem Korsett ihrer Zeit. Ein eindrucksvolles Gemälde Friedrich Kaulbachs zeigt diese selbstbewusste Künstlerin - die Unterarme entblößt, in der Hand das Modellierholz. Auch gab sie sich hochstaplerisch als Verwandte des gleichnamigen napoleonischen Marschalls aus - und strich den Buchstaben h am Ende ihres Vornamens. Bei einer derartigen Selbstinszenierung würde man heute von "Marketing" sprechen:

"Es ist bei ihr eine Entwicklung zu erkennen: Anfangs gab es das Bestreben, überhaupt in den Markt hineinzukommen, sich zu behaupten, obwohl sie aus kleinen Verhältnissen stammte. Sie musste sich interessant machen. Und am Ende versucht sie, ein eigenständiges Leben nach ihren Vorstellungen zu leben - das war häufig gegen die Konventionen der damaligen Gesellschaft gerichtet. Sie wollte kein konventionelles, fremdbestimmtes Leben führen. Seinerzeit eine ungewöhnliche Haltung für eine Frau."

Über den Eigensinn dieser Künstlerin machte sich auch Justus von Liebig Gedanken:

"Sie ist weder Frau noch Mädchen, sondern eine Künstlerin, und damit ist alles gesagt. Ein Weib, welches von ihrem 16. Jahr an männliche Körper lebend modelliert hat, muss wohl exzeptionelle Ansichten und Gefühle hegen, und es scheint mir nicht gerecht, ihr vorzuwerfen, dass sie nicht denkt, wie andere."

"Herrin ihrer Kunst” heißt diese Schau und belegt, dass Elisabet Ney vor allem Herrin ihrer selbst sein wollte. Ihre Ehe verheimlichte sie. Barbara Rommé:

"Da gab es einen praktischen Grund. Als Fräulein hatte sie mehr Rechte. Sie und ihr Mann waren räumlich häufig voneinander getrennt. Und als Ehefrau hätte sie allein keine Verträge unterzeichnen dürfen."

In den USA versuchte sie ab 1871, sich als Farmerin eine andere Existenz aufzubauen. Erst nach dem materiellen Scheitern forcierte sie auch in der neuen Heimat Texas ihre künstlerische Karriere. Erstaunlich, dass sie selbst dort derart bekannt wurde - sie durfte sogar texanische Staatsmänner in Marmor verewigen:

"Sie fing wieder von vorn an und bequatschte wie in Europa berühmte Leute, sich porträtieren zu lassen. Sie musste sich ihren eigenen Markt aufbauen. Es gab da keine Kunstszene, da war gar nichts."

Dass Ney ihre Laufbahn in Deutschland aus persönlichen Gründen abgebrochen hatte und auf einem anderen Kontinent noch einmal neu anfing, hat - neben der kunstgeschichtlichen Geringschätzung kreativer Frauen – zum Verblassen ihres Namens hierzulande beigetragen. In der Ausstellung des Stadtmuseums Münster sind Lebenszeugnisse und ein paar Dutzend ihrer Werke zusammengetragen, daneben werden Arbeiten ihres Lehrers Rauch und die anderer Zeitgenossen gezeigt. Einen besseren Ort, diese Künstlerin kennenzulernen, wird es für längere Zeit nicht geben. Diese übersichtliche Schau und der hervorragend gestaltete, lesefreundliche Katalog könnten zu einer Renaissance beitragen.

Herrin ihrer Kunst. Die Bildhauerin Elisabet Ney in Europa und Amerika
Stadtmuseum Münster
Vom 27. Januar bis 25. Mai 2008

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