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Kompressor | Beitrag vom 24.03.2015

Wiederentdeckte TraditionDublins "Urban Folk" im Aufbruch

Von Petra Tabeling und Arian Fariborz

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50.000 Demonstranten gingen 2010 in Dublin gegen den Rettungsplan für die Banken und das Austeritätsprogramm auf die Straße. (imago/GranAngular)
Die Songtexte im "Urban Folk" bilden die raue soziale Wirklichkeit im Zeichen der anhaltenden Wirtschaftskrise Irlands ab. (imago/GranAngular)

"Urban Folk", "Protest Folk", "Radical Trad" – es gibt viele Namen für ein neues Phänomen, das sich vom verstaubten Image des Irish Folk abgrenzt. Doch gesellschaftskritisch sind die Songs noch immer - wie die Band "Lynched" bei einem Konzert in Dublin eindrucksvoll unter Beweis stellte.

Die St. Michan’s Church in Dublin. Rund 300 Konzertbesucher zwängen sich in die engen Kirchenbänke dieser ältesten anglikanischen Pfarrkirche nördlich des Flusses Liffey. Ein Gotteshaus, das über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist für die gut erhaltenen mumifizierten Revolutionshelden vergangener Jahrhunderte, die in der Krypta aufgebahrt sind. Sogar Bram Stoker soll den Grüften dieser Kirche aus dem 9. Jahrhundert einen Besuch abgestattet haben. Trotz frostiger Temperaturen ist die Stimmung im Publikum gut. Im Rahmen des diesjährigen Temple Bar Trad-Festivals findet hier ein Folk-Konzert der besonderen Art statt. Selbst der stellvertretende Bürgermeister von Dublin hat es sich nicht nehmen lassen, vorbeizuschauen und die Band persönlich vorzustellen:

"'Lynched' sind eine außergewöhnliche Band, die an der Tradition festhält – an einer bestimmten Tradition, die in diesem Land angesichts der vielen wirtschaftlichen Probleme und Entbehrungen wirklich nötig ist. In einem Land, in dem heute wieder Tausende Menschen auf die Straße gehen, weil sie die hohen Mieten und Wasserkosten einfach nicht mehr zahlen können. Nichtsdestotrotz wünsche ich viel Vergnügen auf dem Festival und beim heutigen Konzert. Hier kommen 'Lynched'."

Ian Lynch: "Wir haben heute Abend ein ziemlich langes Programm vor uns. Und deshalb wollten wir das Ganze ein bisschen auflockern. Und zwar mit einer kleinen Quiz-Show! (Gelächter im Publikum). Also, alle Fragen beziehen sich auf Songs, die wir heute spielen … Ich weiß nicht, wie viele Leute in dieser Kirche eine Führung durch die Krypta mitgemacht und hier unten in den Grüften die vielen Mumien gesehen haben: Da gibt’s zum Beispiel den 'Kreuzfahrer', den 'Dieb' oder die 'Nonne' und auch sehr viele Totenmasken … Jedenfalls heißt unser Song 'Wasser trinken aus der Gruft', das auf ein Gedicht von H.P. Lovecraft zurückgeht. Ich dachte mir, dass es eine glänzende Idee ist, diese amerikanische Horrorpoesie aus dem frühen 20. Jahrhundert mit einem irischen Folk-Song zu kombinieren. Und meine erste Frage lautet: Der Name dieses Biers der Marke 'Argus Premium', das ich hier in den Hand halte, geht auf welche revolutionären Brüder zurück, die hier unten in der Kirchengruft liegen?"

Schwarzer Humor und spielerischer Elan

"Lynched", die Dubliner Band um den charismatischen Singer-Songwriter und Dudelsack-Spieler Ian Lynch, zählt heute zu einer der angesagtesten Bands der jungen irischen Trad-Szene. Mit ihrem schwarzen Humor, ihrem spielerischen Elan und ausgefeilten jigs and reels gelingt es den vier Musikern, vor allem viele junge Iren zu begeistern, die dem Genre bislang nicht viel abgewinnen konnten und eher als folkloristische Darbietung alter Männer ansahen. "Urban Folk", "Protest Folk" oder "Radical Trad" – vielschichtig sind die Bezeichnungen für ein neues musikalisches Phänomen, das sich vom verstaubten Image des nostalgischen Irish-Folk der Vorväter deutlich abgrenzt. Und es ist wohl auch kein Zufall, dass sowohl Ian Lynch als auch sein Bruder Darragh erst über einige Umwege zum "Trad" fanden.

Ian Lynch: "Im Teenager-Alter war ich Punk und hörte diese frühen Anarcho-Punk-Bands wie 'Crass', 'Subhumans' oder 'Conflict'. Ich spielte als Gitarrist in vielen verschiedenen Gruppen. Als ich mich später für Folk-Musik zu interessieren begann, waren das zunächst nur Protest-Songs, zum Beispiel von den 'Dubliners', 'Planxty' und vor allem von Christie Moore. Und dann habe ich irgendwann gedacht, dass in Folk mehr Punk ist als Punk selbst. Folk ist für mich ein Stück weit offener, ehrlicher. Und man kann immer verstehen, was gesungen wurde. Außerdem steckt man nicht in diesem 'Punk-Getto'. Für mich war es damals schon eine Offenbarung, als ich Leute dieselben Dinge singen hörte, die auch Punk-Bands singen – mit dem Unterschied, dass sie eine viel größere Anziehungskraft auf die Allgemeinheit ausüben. Viel mehr Menschen haben Zugang zu dieser Musik. Ich will Punk jetzt nicht schlecht reden, aber vieles kann in dieser Musik doch sehr statisch und gekünstelt wirken, der kulturelle Ausdruck ist sehr eng gefasst."

Doch es ist nicht nur der neue unverkennbare Sound junger "Urban Folk"-Bands wie "Lynched", der Dublins Jugend fasziniert und in die alten, muffigen Pubs ihrer Väter und Großväter zieht. Auch die gesellschaftskritischen Texte und Botschaften ihrer Songs, haben heute wohl mehr Relevanz als je zuvor.

Song "Old Ireland" (Solo von Ian):

"Oh, your people were warriors, your people were saints, you witnessed the empire with its all ancient ways, you survived the famine, you’ve seen some dark days, let’s drink to the health …of Old Ireland!

Where the people are weak and the people are spent from running in circles to their legs they are bent, lamenting the price of the petrol and rent, always sloped to low … in Old Ireland.

For competition of patience we’d win the first price, for our too easy going … in Ireland. Where politicians and bankers they do as they please, the penny is in our hand, they laugh as they seize. And the people are happy to remain on their knees and beg for the scrubs of … Old Ireland.”

Themen wie Arbeitslosigkeit, soziale Misere und Wirtschaftskrise

Es sind soziale und politische Songinhalte, denen viele Iren heute wieder mehr Gehör schenken und durch den "Trad" ihre wohl wirkungsvollste Verbreitung findet: die grassierende Arbeitslosigkeit, die soziale Misere und die Wirtschaftskrise, die zeitweise jährlich bis zu 80.000 junge Iren dazu zwang, ihrem Land den Rücken zu kehren. Dieser raue Wind der sozialen Wirklichkeit ist es denn auch, den "Lynched" in ihrem populären Song "Cold Old Fire" zum Ausdruck bringen.

Lyrics "Cold Old Fire":

"We always sing, even when were losing
'Cos Dublin's drone is hard enough especially when you're down and you're boozing
We sing the Oul' Triangle and then the Tommy Ryan
'Cos all the world's a jail and we can't remember why

Why we agreed to live and lie in embers of a cold old fire nobody remembers
They hand the ashes back to me down the button factory, we're cattle at the stall

We look for signs that Dublin's heart's still beating,
That concrete and glass and peelers and mass, they haven’t stopped the people from screaming,
Being trapped by all the cameras you're inclined to stay at home,
And forget some songs were written to remind you you weren’t born

Born to live and lie and die in embers of a cold old fire nobody remembers
They hand the ashes back to me down the button factory, we're cattle at the stall

We see the cracks under the foundation,
Smouldering on the faces of the people on the drip of isolation,
We hear the sounds come streaming across the crackling air,
The broken words of swine who would tell us that we were

Born to live and lie and die in embers of a cold old fire nobody remembers
They hand the ashes back to me down the button factory, were cattle at the stall
And when did we agree to live and lie and die in embers of a cold old fire nobody remembers?
They hand the ashes back to me down the button factory, we're cattle at the stall."

Mehr zum Thema:

Folk - Das ewige Summen
(Deutschlandradio Kultur, Musik, 06.03.2014)

Zu neuen Ufern und Horizonten
(Deutschlandradio Kultur, Musik, 28.10.2013)

"In Irland sieht man, dass die jungen Menschen ganz viel Irish Folk spielen"
(Deutschlandfunk, Corso, 19.10.2013)

Fazit

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