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Thema / Archiv | Beitrag vom 08.06.2011

Wie Mecklenburger Biodörfer zur Energiewende beitragen

Wirtschaftsexperte Rainer Land über ein kommunale Stromerzeugung

Moderation: Matthias Hanselmann

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Solar, Biogas, Windkraft: darauf setzen die Bioenergiedörfer. (AP)
Solar, Biogas, Windkraft: darauf setzen die Bioenergiedörfer. (AP)

Nachhaltig, dezentral, lukrativ: Mehrere Kommunen in Mecklenburg wollen mit Hilfe von Biogas, Windkraft und Solaranlagen saubere Energie produzieren und unabhängig von den großen Konzernen werden. Wie das Modell funktioniert, erklärt der Wirtschaftswissenschaftler Rainer Land.

Matthias Hanselmann: Die Weichen sind gestellt: Die schwarz-gelbe Koalition hat sich auf einen Ausstieg aus der Atomenergie verständigt, und damit gehört die Zukunft den erneuerbaren Energien. Nur: Stehen wir damit vor einer energiepolitischen Wende, oder werden die großen Konzerne auch bei den erneuerbaren Energien den Markt beherrschen?

Rainer Land ist Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler in Berlin und im Vorstand des Thünen-Institutes für Regionalentwicklung mit Sitz in Bollewick an der Müritz, und er sagt: Die Umstellung der globalen Energiesysteme auf erneuerbare Energien innerhalb der nächsten 50 Jahre ist sicher die größte sozialökonomische Herausforderung dieses Jahrhunderts. Diese Herausforderung nimmt er auch ganz konkret in Energieprojekten im Land Mecklenburg-Vorpommern an. Jetzt ist er für uns in einem Studio in Schwerin. Guten Tag, Herr Land!

Rainer Land: Ja, guten Tag!

Hanselmann: Sie haben im vorigen Jahr geschrieben: Bei der Energiewende geht es nicht nur um eine Anpassung der alten Industrie an neue Umweltgegebenheiten, sondern um die Herausbildung eines neuen Typs wirtschaftlicher Entwicklung. Jetzt wird die Energiewende Realität im großen Stil in Deutschland. Was verstehen Sie unter einem neuen Typ wirtschaftlicher Entwicklung?

Land: Ja, also wir haben ja eine sehr erfolgreiche Wirtschaftsentwicklung im 20. Jahrhundert gehabt, wenn man an den New Deal und an die Wohlfahrtsgesellschaften der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts denkt, nach den Krisen der ersten Hälfte und dem Krieg. Aber wir haben ein großes Problem dieser Wirtschaftsentwicklung: Das ist die Ökologie, das ist das Heranreichen an Ressourcengrenzen und natürlich auch, dass die Entwicklungsländer diesen gleichen Weg gar nicht nachvollziehen können, weil dafür eben die Naturressourcen gar nicht da sind.

Und wir stehen seit einigen Jahren, seit vielleicht zwei Jahrzehnten vor der Aufgabe, eine wirtschaftliche Entwicklung in Gang zu setzen, bei der Wohlstand ohne zunehmenden Ressourcenanspruch, ja, sogar bei deutlichen Senkungen der Beanspruchung an Rohstoffen, an Energie, an Emissionen und Abprodukten und all diesen Problemen entwickelt wird. Das heißt, wir brauchen eine umweltkompatible neue Industrie. Das ist die Herausforderung. Und die Energiewende ist nur der erste Schritt dahin.

Hanselmann: Die Frage ist natürlich dann ganz schnell die nach dem System: Was schwebt Ihnen da vor, eine Art Ökosozialismus, oder eher ein ökologischerer Kapitalismus?

Land: Also das ist eine ganz heikle Frage, also ich würde sagen, das ist ein ökologisch funktionierender Kapitalismus, der in eine sozialistische gesellschaftliche Struktur eingebettet ist. Ich mache diesen grundsätzlichen Unterschied, dass das zwei ganz verschiedene Systeme sind, nicht. Aber es kann eben nicht nur eine Wirtschaft mit Kapital und Banken und so weiter sein, es muss eine Wirtschaft sein, die in starkem Maße auch den Interessen der Individuen entgegenkommt und deren soziale Entwicklung befördert. Und das ist sozusagen das Sozialistische daran.

Hanselmann: Wenn wir die jetzt beschlossene Energiewende mal unter dem Aspekt der Machtkonzentration der Energiekonzerne bedenken – wird diese Konzentration auf vier Großkonzerne, die es ja jetzt sind, fallen und einer allgemeinen Dezentralisierung weichen? Also werden die Großkonzerne sozusagen den Kürzeren ziehen?

Land: Also wie das am Ende aussieht, das ist schwer zu sagen. Ich würde denken, dass es weder in der einen noch in der anderen Richtung sein kann. Es wird also weder die völlige Dezentralisierung mit der Entmachtung aller großen Energiekonzerne geben, noch kann es einfach in der Struktur weitergehen, die wir in den letzten Jahrzehnten hatten, dass also wenige Konzerne das beherrschen, weil das auch technologisch nicht vernünftig ist. Und man muss ja einfach erst mal feststellen, dass wir ja schon erhebliche Veränderungen haben, also der Anteil an der Stromerzeugung der dezentralen Einheiten ist ja schon ganz erheblich, also Solarenergie, Windenergie und Bioenergie sind ja zu einem erheblichen Teil auch in dezentralen Strukturen schon. Also der Abbau von Macht bei den Energiekonzernen hat schon begonnen, die Delegitimierung ist mit der Atomkraft und auch mit den Problemen mit dem Erdöl, wenn wir an den Golf von Mexiko denken oder so was, auch vorhanden. Es wird ein neues Maß der Einpendelung zwischen zentralen und dezentralen Lösungen geben, aber wir müssen jedenfalls bei den dezentralen noch erheblich nachlegen.

Hanselmann: Ist denn schon zu erkennen, dass die Großkonzerne darum kämpfen, ihre Marktanteile nicht zu verlieren, das heißt, springen sie schon in größerem Maßstab auf den Ökozug auf?

Land: Doch, das würde ich sagen, und das ist auch eine Sache, die uns das Leben nicht einfacher macht. Wir sind zwar ganz froh über den Atomausstieg, aber jetzt wird sich noch mal etwas beschleunigen, was wir schon vorher eine Weile hatten, nämlich eine zunehmende Konkurrenz um Flächen für Energieproduktion, also zum Beispiel Biogas, wobei: Biogas kann und wird nicht das Einzige sein, was wir im Bioenergiebereich machen, da müssen wir auch diversifizieren. Also wir wollen keine Biogasdörfer, sondern: Biogas ist eine Möglichkeit, aber wir wollen eben auch andere Formen der Bioenergie, zum Beispiel Kurzumtriebsplantagen, Energieholz, Miscanthus und alles Mögliche – und vor allen Dingen wollen wir die ganzen Rest- und Abfallstoffe vernünftig nutzen.

Hanselmann: Was Sie ja konkret schon tun.

Land: Was wir konkret schon tun, ja.

Hanselmann: Beschreiben Sie uns mal ein bisschen, Sie arbeiten ja an konkreten Modellprojekten in Mecklenburg-Vorpommern. Was von den Dingen, die Sie eben angesprochen haben, wird da schon verwirklicht?

Land: Also vor drei Jahren hat der Bürgermeister von Bollewick, der Berthold Meyer, sich überlegt, was er als Nächstes machen kann, um sein Dorf voranzubringen, und dann kam er drauf, dass man in die erneuerbaren Energien einsteigen muss. Er hatte einen Vortrag gehört von Professor Heck, und der hat ihn, wie er selber sagt, infiziert, und dann hat er aber gemerkt, dass er das als einzelnes Dorf nicht hinbekommt und hat der Akademie für nachhaltige Entwicklung und anderen – da gehörten wir als Thünen-Institut dann auch dazu – eingeredet, so was wie ein Coaching für Bioenergiedörfer aufzubauen, damit wir dies ein bisschen bündeln können.

Und derzeit ist es so, dass wir in Mecklenburg nach unseren Kriterien vier Bioenergiedörfer haben, vier werden es vielleicht dieses Jahr noch werden oder Anfang nächsten Jahres, aber das ist doch gar nicht viel. Wir haben 24, die dabei sind, eine Machbarkeitsstudie zu machen und im nächsten Jahr dann mit der Investition beginnen werden. Und insgesamt sind es knapp 80, die auf diesem Weg schon sind, und unsere Zielstellung ist, jedes Jahr 50 dazuzuholen, zehn Jahre lang. Dann sind wir bei 500 und fünf Milliarden Investition und das ist eine beträchtliche wirtschaftliche Kraft für dieses Land, und wir werden damit mehr Energie produzieren, als Mecklenburg selber verbraucht, also zum Exporteur erneuerbarer Energien wollen wir das Land machen.

Hanselmann: Das heißt, da springen Gewinne raus?

Land: Genau, da springen auch Gewinne raus, zunächst mal aber ist der entscheidende Effekt, dass das Geld, was jetzt aus dem Land rausgeht in Richtung Ölstaaten oder in Richtung Energiekonzerne, zunächst mal zu einem erheblich größeren Teil von den Akteuren hier vor Ort verdient werden kann. Also selbst wenn ich für meine Wärme nicht viel weniger bezahle, als ich jetzt bei Gas und Öl bezahlen würde, dann verdient das eben der Landwirt nebenan oder eben die Forstwirtschaft oder der Gewerbebetrieb, der Energielieferant ist und nicht mehr irgendein Großkonzern oder irgendein ausländisches ...

Also wir wollen einfach die regionale Wertschöpfung hinbringen. Das ist das zweite Kriterium für ein Bioenergiedorf. Also das erste ist natürlich, dass sie erneuerbare Energien produzieren, mindestens so viel Strom, wie sie selbst verbrauchen, und mindestens 75 Prozent der Wärme, das sind so unsere Kriterien. Aber das muss nicht alles Biogas sein, das ist im Moment noch, sage ich vielleicht sogar leider, die dominante Richtung, aber wir wollen das auf jeden Fall diversifizieren.

Hanselmann: Das heißt, Solar, Wind wird eine Rolle spielen, ...

Land: Solar und Wind gehört dazu, aber auch andere Bioenergien, also Holz zum Beispiel oder eben Energiepflanzen, das geht von Hanf über Stroh über ... Kurzumtriebsplantagen, das sind Weidegehölze, die aber nicht im Wald, sondern auf Ackerflächen angebaut werden, vor allen Dingen eben auf Restflächen und Seitenstreifen. Und dann gibt es noch zwei andere wichtige Kriterien, das eine ist, dass das einfach auf ökologisch vernünftige Weise passieren muss, und dass es ein teilhabeorientiertes Modell ist, also die Bürger im Ort sollen die Möglichkeit haben, sich zu beteiligen und damit auch mitzubestimmen und von den Gewinnen zu profitieren. Und die Gewinne, die wir machen, die sollen also dann auch wirklich in diese Entwicklung wieder reinvestiert werden und nicht irgendwo in irgendwelchen anderen Taschen versenkt werden.

Hanselmann: Wo und wie wird denn da letztlich entschieden, ob eine, sagen wir mal, eine Windkraftanlage von einer Gemeinde aufgestellt wird und genutzt wird, oder ob ein Großkonzern kommt und sagt, da stellen wir aber unsere hin?

Land: Ja, das ist bei Wind auch ein ganz heißes Eisen, weil Windstandorte für Windräder sind ganz heiß umkämpft. Es gibt ja in Mecklenburg Windeignungsgebiete, die sind ausgewiesen, aber da gibt es eben viele Interessenten. Das sind gar nicht die großen Energiekonzerne in erster Linie, sondern Fonds, die Geld anlegen wollen und dann kann man gut verdienen mit den Dingern – und deswegen sind die oft auf Jahre im Voraus schon durch Vorverträge belegt. Und wir kämpfen sehr darum, dass wir hier und da Windkraftstandorte auch kriegen, weil das ist eine sehr lukrative und eigentlich von dem ökonomischen Erfolg her die beste Möglichkeit im Moment, relativ bald auch hohe Einnahmen zu erzielen.

Das wird aber in vielen Dörfern gar nicht möglich sein. Also entweder ist gar kein Windeignungsgebiet in der Nähe, oder es sind eigentlich alle Plätze schon vergeben. Also wir hoffen aber, dass wir da in Zukunft besser werden bei Windenergie. Wir wollen auch immer eine Vorrangregelung, wir wollen also zum Beispiel sagen, dass neue Windeignungsgebiete ... 20 Prozent der Standorte für regionale Investoren vorgehalten werden müssen, wenn die die nach fünf Jahren nicht nutzen, dann können sie auch nach Australien oder was weiß ich wohin verkauft werden, aber bis dahin sollen erst mal die Leute hier vor Ort dazu kommen. Aber das ist im Moment noch nicht der Fall.

Hanselmann: Letzte Frage mit Bitte um ganz kurze Antwort: Wie steht denn das Land Mecklenburg dazu, was sagt die Regierung?

Land: Also die Regierung hat sicherlich am Anfang ein bisschen hin- und herüberlegt, aber inzwischen steht sie voll dahinter, besonders der Landwirtschaftsminister Herr Backhaus, der jetzt also damit auch überall auftritt und das Programm Bioenergiedörfer voll mit trägt, zum Glück!

Hanselmann: Vielen Dank! Ich habe gesprochen mit Rainer Land, der für uns in Schwerin in einem Studio ist, über das Thema erneuerbare Energien und kommunale Wirtschaft und die Zukunft von beidem. Rainer Land ist Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler und ich sage: Tschüss nach Schwerin!

Land: Ja, danke sehr!

Zu unserer Serie:
Die Energiewende und ihre Folgen

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