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Interview / Archiv | Beitrag vom 01.10.2013

Wie die Spieltheorie beim Koalitionspoker helfen kann

Volkswirtschaftler Christian Wey empfiehlt Trümpfe in der Hinterhand

Christian Wey im Gespräch mit Julius Stucke

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Gewürfelt wird nicht beim Koalitionspoker - aber liegen schon alle Karten offen auf dem Tisch? (AP Archiv)
Gewürfelt wird nicht beim Koalitionspoker - aber liegen schon alle Karten offen auf dem Tisch? (AP Archiv)

Derzeit führt die CDU/CSU Sondierungsgespräche mit der SPD, danach sind die Grünen dran. Es hätte die Verhandlungsposition der SPD gestärkt, eine Alternativkoalition mit Grünen und Linken anzustreben, sagt Christian Wey. Immerhin bliebe ihr jetzt noch die Mitgliederbefragung als Option für Zugeständnisse der Gegenseite, so der Professor für Volkswirtschaftslehre in Düsseldorf.

Julius Stucke: Eines können wir wohl ausschließen: Gewürfelt wird nicht, wenn sich die Union als Wahlsiegerin auf Suche nach einem Koalitionspartner zu Sondierungsgesprächen am Freitag erst mal mit der SPD trifft und nächste Woche dann auch mit den Grünen. Aber trotzdem, auch ohne Würfeln: Manches wirkt hier wie ein Spiel, weniger wie ein Würfelspiel, sondern wie ein Strategiespiel. Wer hat die bessere Ausgangslage? Wer pokert wie gut? Wer bietet was an? Wer hat welchen Trumpf in der Hinterhand? – Deshalb sprechen wir jetzt mit einem, der genau auf diesem Gebiet forscht: Christian Wey. Er ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Spiel- und Verhandlungstheorie, das sind zwei seiner Forschungsgebiete, eigentlich natürlich vor allem in der Wirtschaft, aber wir wollen es jetzt mal auf die Politik münzen. Guten Morgen, Herr Wey!

Christian Wey: Guten Morgen, Herr Stucke!

Stucke: Herr Wey, wir könnten natürlich einfach warten, bis zu Ende sondiert und verhandelt ist. Aber als Journalisten ist unsere Neugier so groß. Sagen Sie uns bitte: Wie geht dieses Strategiespiel aus?

Wey: Es kann erwartet werden, dass sich die CDU zusammen mit der CSU und die SPD einigen werden.

Stucke: Das wäre jetzt aus dem Bauch heraus auch meine Vermutung gewesen. Aber welcher spieltheoretische wissenschaftliche Erklärungsansatz liegt denn dahinter?

Wey: Man fragt sich zunächst einmal, wie hoch die gemeinsamen Gewinne einer Regierungskoalition sind. Die Koalition mit den höchsten gemeinsamen Gewinnen sollte sich auch durchsetzen. Es erscheint direkt einsichtig, dass die Programme der CDU/CSU und der SPD am ehesten miteinander vereinbar sind. Hinzu kommt, dass die SPD in den Ländern regiert, sodass eine Einigung zwischen CDU und SPD Mehrheiten im Bundesrat und dann auch Bundestag impliziert. Das ermöglicht erst, diverse Gesetzesinitiativen schnell umzusetzen.

Stucke: Das klingt für mich jetzt aber immer noch so nach der gesunden Logik, nach Menschenverstand. Wie rechnen Sie so was denn spieltheoretisch durch? Wie forschen Sie spieltheoretisch an so einem Gegenstand?

Wey: Ich beschäftige mich ja mehr mit dem Handel und auch mit wirtschaftlichen Verhandlungsproblemen. Aber ich denke, in der Politik ist es relativ ähnlich. Man muss sich zunächst einmal fragen, wie groß sind die gemeinsamen Gewinne, was kann man gemeinsam erreichen, und das hängt natürlich mit der Vereinbarkeit auch der Programme zusammen und hier nun ganz spezifisch auch mit den Mehrheiten im Bundesrat, und hier hat natürlich die SPD einen gewissen Trumpf. Da ist es einfach zu erwarten, wenn die beiden sich zusammentun, CDU und SPD, dass die am meisten auch erreichen können. Das ist grundsätzlich ein wichtiges Kriterium, um hier eine Vorhersage zu machen.

Stucke: Sie haben es gesagt: Sie forschen da natürlich eigentlich bei Unternehmen, eigentlich im Bereich der Wirtschaft. Da ist es ja nun so, wenn man verhandelt: Man will seine eigene Firma, sein eigenes Produkt möglichst gut verkaufen, man will es möglichst teuer verkaufen. Was würden Sie denn jetzt daraus für die Parteien ableiten? Womit sollten die jetzt pokern, um sich gut zu verkaufen?

Wey: Verhandlungstheoretisch sollte zunächst jede Partei der Gegenpartei klar machen, oder versuchen, klar zu machen, dass sie ersetzbar ist. Hierzu passt, dass die CDU mit den Grünen verhandeln will. Eigentlich müsste die SPD ebenfalls versuchen, eine Alternativkoalition mit Grünen und Linken auf die Beine zu stellen. Dass sie das nicht versucht, soweit ich das sehe, ist aus verhandlungstheoretischer Sicht kaum verständlich. Umgekehrt versuchen natürlich die Grünen und die SPD, sich nicht von der CDU marginalisieren zu lassen, also an den Rand drängen zu lassen, und hierzu passt, dass die Grünen früh kommuniziert haben, nicht parallel mit der CDU verhandeln zu wollen, wenn gleichzeitig die CDU mit der SPD verhandelt.

Eine weitere interessante Taktik hat die SPD angewendet, indem sie eine Koalition von einer Mitgliederbefragung abhängig machen will. Hiermit macht die SPD der CDU recht glaubwürdig klar, dass Minderheiten innerhalb der SPD eine gewisse Vetomacht haben, sodass die CDU hierauf Rücksicht nehmen muss, was dann natürlich auch mehr Zugeständnisse bedeutet. Eine analoge Vetorolle haben wir übrigens auch bei der CDU mit der CSU letztlich, die ja auch Extrempositionen oft vertritt.

Stucke: Herr Wey, noch mal den Bogen zurück zur theoretischen Grundlage, also Spieltheorie und Verhandlungstheorie. Dazu forschen Sie ja. Lassen sich denn diese Erkenntnisse auch wirklich auf Politiker übertragen, oder handeln unsere Politiker für die Wissenschaft dann doch meist zu verwirrend?

Wey: Ich denke, Politiker können sich nur durchsetzen, wenn sie wiedergewählt werden. Um wiedergewählt zu werden, müssen sie letztlich die Interessen ihrer Wähler durchsetzen. Die Möglichkeit, einer Regierungskoalition beizutreten und die Interessen seiner Wähler wenigstens teilweise umzusetzen, muss daher ein Politiker sicher nutzen. Wenn es natürlich dann letztlich nicht klappt, dann wird er natürlich versuchen, das damit zu begründen, dass man sonst das Programm der Partei verraten hätte. Aber mit einem Satz: Ich denke, die Politiker verhalten sich relativ rational.

Stucke: Und im Endeffekt sagen Sie, sie müssen sich um ihre Wähler kümmern. Das erinnert ja dann auch wieder an die Wirtschaft, denn da muss man sich ja um die Kunden sorgen. Aber im Endeffekt geht es doch am meisten um die eigene Firma. Also geht es den Parteien im Endeffekt am meisten um sich selbst?

Wey: Ja, das ist durchaus richtig. Aber natürlich brauchen die Parteien Mehrheiten und nur wenn die Mehrheit der Wähler zusammengebracht wird in einer Regierungskoalition, dann können ja auch diese Parteien und diese Politiker regieren. Auf Märkten ist das natürlich teilweise anders, da kann es ja durchaus sein, dass sich eine Firma durchsetzt und dann natürlich ihre Interessen viel vehementer wahrnehmen kann am Markt.

Stucke: Ein spieltheoretischer Blick auf den Koalitionspoker mit dem Professor für Volkswirtschaftslehre an der Heinrich-Heine-Uni Düsseldorf, Christian Wey. Herr Wey, ich danke Ihnen und einen schönen Tag noch!

Wey: Ja, bitte sehr!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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