Donnerstag, 24.05.2018
 

Im Gespräch | Beitrag vom 09.05.2018

Widerstand gegen die Nazis"Ich habe in meiner Zelle nur an Dich gedacht"

Ulrike Timm im Gespräch mit Saskia von Brockdorff und Kolja Unger

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Saskia von Brockdorff vor dem Funkhaus von Deutschlandfunk Kultur (Deutschlandradio / Manuel Czauderna)
Die Mutter von Saskia von Brockdorff wurde 1943 von den Nazis ermordet. (Deutschlandradio / Manuel Czauderna)

Erst "Verräterkind", später dann ein "Heldenkind": Saskia von Brockdorff ist die Tochter einer Widerstandskämpferin, die 1943 von den Nazis enthauptet wurde. Lange hat sie nicht über ihre Mutter gesprochen. Bis sie einen Brief fand, der alles änderte.

Dass ihre Mutter sie geliebt hat, hat Saskia von Brockdorff erst sehr spät erfahren. Sie ist schon 67 Jahre alt, als sie zufällig einen Brief der Mutter findet: "Dieser Brief hat mein Leben durcheinander gewirbelt. Danach habe ich angefangen, über meine Mutter zu sprechen", sagte sie im Deutschlandfunk Kultur.

Dem Brief kann sie entnehmen, dass ihre Mutter tiefe Gefühle für sie hatte. "Ich habe in meiner Zelle nur an Dich gedacht", steht da.

Die eigene Geschichte zurückerobern

Saskia ist noch sehr klein, als die Mutter für immer verschwindet: Erika von Brockdorff, die als Mitglied der "Roten Kapelle" gegen die Nazis kämpfte und 1943 hingerichtet wurde.

Erst nach dem Brief beginnt Saskia von Brockdorff, sich mit der Geschichte ihrer Mutter auseinander zu setzen. Sie nimmt Kontakt zu ihrem inzwischen 19-jährigen Enkel, Kolja Unger, auf.

Die Geschichte von dem Brief geht Unger nahe. Und auch er hat mit der Vergangenheit zu kämpfen: "Ich hatte das Gefühl, dass mir ein Teil meiner Geschichte vorenthalten wurde, den ich mir zurückerobern wollte."

Zusammen treffen sich beide nun mit anderen Angehörigen von Widerstandskämpfern und -kämpferinnen. Saskia von Brockdorff tritt auch als Zeitzeugin unter anderem in Schulen auf.

Alle denken nur an die jubelnden Massen

"Tatsache ist, dass vielen Leuten gar nicht klar ist, dass es in Deutschland Widerstand gab. Die denken alle nur an die Dokumentationen mit den jubelnden Massen", sagt sie.

Saskia von Brockdorff mit ihrem Enkel Kolja Unger (Deutschlandradio / Manuel Czauderna)Saskia von Brockdorff mit ihrem Enkel Kolja Unger (Deutschlandradio / Manuel Czauderna)

Saskia von Brockdorffs Schicksal zeigt, wie die Familien der Nazi-Opfer unter dem Verlust litten – und auch darunter, wie später mit diesem Verlust umgegangen wurde. Es zeigt aber auch, dass der Widerstand Identität geschaffen und Menschen miteinander verbunden hat.

Ihm imponiere, dass die Urgroßmutter so lebenslustig gewesen sei, betont Unger. Saskia von Brockdorff kennt auch die anderen Seiten der Mutter. Tochter und Urenkel haben sich zusammen auf die Suche begeben: Sie wollen wissen, wie die Widerstandskämpferin Erika von Brockdorff wirklich war.

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