Seit 22:30 Uhr Studio 9 kompakt

Montag, 18.06.2018
 
Seit 22:30 Uhr Studio 9 kompakt

Konzert / Archiv | Beitrag vom 02.10.2016

Westfalen ClassicsBahnbrechende Pionierinnen

Aufzeichnung aus Schloss Körtlinghausen

Die Geigerin Triin Ruubel (Kaupo Kikkas)
Die Geigerin Triin Ruubel war zu Gast bei den Westfalen Classics auf Schloss Körtlinghausen (Kaupo Kikkas)

Musik von Komponistinnen der Romantik stand bei diesem Konzert des Festivals Westfalen Classics im Mittelpunkt - zu hören sind Werke von Amy Beach, Laura Valborg Aulin und Ethel Smyth.

"Vom Stamm der Pioniere, der Bahnbrecher" sei sie, diese Komponistin - "sie ist vorausgegangen und hat Bäume gefällt und Felsen gesprengt und Brücken gebaut", so schrieb die Schriftstellerin Virginia Woolf im Jahr 1931 bewundernd über die Komponistin Ethel Smyth. Dass sie Pionierarbeit geleistet haben, gilt für die Komponistinnen der Romantik und der anbrechenden Moderne generell. Beim Festival Westfalen Classics stand nun Kammermusik von Ethel Smyth und ihren beiden Zeitgenossinnen Amy Beach und Laura Valborg Aulin auf dem Programm.

Sie hatten es schwer. Wollten Frauen im 19. Jahrhundert nicht nur Klavier spielen oder singen, sondern auch komponieren, hatten sie zahlreiche Hindernisse zu überwinden. Diese begannen mit der Ausbildung und setzten sich bei der Ausübung des Berufes und der Anerkennung der entstandenen Werke fort. Beim Abschlusskonzert des Festivals "Westfalen Classics" standen drei Komponistinnen im Focus, deren Musik eine Wiederentdeckung wert ist.

Die amerikanische Komponistin Amy Beach (1867 -1944) wuchs in einer musikalischen Familie auf, ihre Mutter war Pianistin. Sie machte sich zunächst als klavierspielendes und komponierendes Wunderkind einen Namen. Die Eltern stellten sich dennoch ihrem Wunsch entgegen, an einem europäischen Konservatorium zu studieren. Stattdessen erhielt sie privaten Klavierunterricht bei dem in Boston ansässigen Liszt-Schüler Carl Baermann (dem Sohn des Klarinettisten gleichen Namens). Nach ihrer Heirat mit einem angesehenen Arzt wurde Amy Beach angehalten, das Konzertieren aufzugeben und eine "standesgemäße" Rolle einzunehmen. Auch Kompositionsunterricht wurde ihr nicht mehr erlaubt, so dass sie sich autodidaktisch weiterbildete. Bald gehörte sie der Komponistengruppe "Boston Six" an. Nach der äußerst erfolgreichen Aufführung ihrer "Gälischen Sinfonie" (1896) durch das Boston Symphony Orchestra konnte sie sich als Komponistin zunehmend etablieren. Nach dem Tod ihres Mannes ging sie für einige Jahre nach Europa und trat u.a. in Leipzig, Hamburg und Berlin als Solistin ihres Klavierkonzerts auf. Auch ihre "Gälische Sinfonie" wurde 1913 in Hamburg und Leipzig aufgeführt. Nach Beginn des ersten Weltkrieges kehrte Amy Beach in die USA zurück. 1930 zog sie nach New York und nutzte ihre Popularität als bekannteste Komponistin Amerikas, um jungen Frauen in den Beruf zu helfen.
Zu ihren Werken zählen neben der "Gälischen Sinfonie" und dem Klavierkonzert in cis-Moll die Oper "Cabildo", eine Messe, weitere Klavier- und Orchesterstücke und eine große Zahl von Liedern.
Bei der Komposition ihrer "Variationen für Flöte und Streichquartett" (1916) konnte Amy Beach auf ihre Erfahrungen mit dem in Boston ansässigen Kneisel String Quartet anknüpfen. Seit 1894 hatte Amy Beach mit diesem Ensemble häufig Klavierquintette von Schumann und Brahms gespielt und auch die Uraufführung ihres eigenes Klavierquintetts in fis-Moll (1905) hatte sie in die Hände dieser Musiker gelegt.

Laura Valborg Aulin (1860-1928) gehört zur selben Generation wie Amy Beach, fand aber in ihrem Heimatland Schweden weitaus ermutigendere Bedingungen für ihre Arbeit als Komponistin vor. Sie wuchs als Tochter eines Lehrers in Stockholm auf, ihre musikalische Ausbildung fand vorwiegend durch Privatunterricht statt. Dass die Familie den Direktor der Königlichen Schwedischen Musikakademie, Albert Rubenson, als Kompositionslehrer für die Tochter gewann, ist ein Zeichen der Unterstützung des damals ungewöhnlichen Berufswunsches. Nach fünf Jahren regulären Studiums an der Musikakademie in Stockholm ging die junge Komponistin mithilfe von Stipendien zunächst nach Kopenhagen, um bei Niels Wilhelm Gade zu studieren, anschließend nach Berlin. Schließlich blieb sie für drei Jahre in Paris, wo sie ihre Ausbildung bei Benjamin Godard, Jules Massenet und Ernest Guiraud fortsetzte. Dort entstand auch ihr erstes Orchesterwerk "Tableaux Parisiennes". Nach ihrer Rückkehr nach Stockholm widmete sich Laura Valborg Aulin vorrangig der Komposition von Kammermusik, sie unterrichtete aber auch und trat in ganz Schweden als Pianistin auf, oft gemeinsam mit ihrem Bruder, dem Geiger Tor Aulin und dessen Streichquartett. Im Alter von nur 43 Jahren zog sie aus Stockholm weg und beendete ihre aktive Karriere als Komponistin. Ihr Werk umfasst Orchesterkompositionen, Klavierwerke, zwei Streichquartette, Violinsonaten, Chorwerke und zahlreiche Lieder nach zeitgenössischen Texten. Ihr erstes Streichquartett F-Dur op. 8 (1884) ist ihrem Lehrer Albert Rubenson gewidmet.

Die Engländerin Ethel Smyth (1858-1944) ist vielleicht die bekannteste der drei Komponistinnen. Sie trat auch als Dirigentin und Schriftstellerin in Erscheinung und engagierte sich zwei Jahre lang intensiv bei den englischen Sufragetten, deren Ziel es war, im Jahr 1910 endlich das Frauenwahlrecht in England durchzusetzen. Das in diesem Zusammenhang entstandene Lied "The March of the Women" wurde zur Hymne der englischen Frauenbewegung.
Ethel Smith war in einer wohlhabenden Familie aufgewachsen, der Vater war Generalmajor. Durch ihre deutsche Gouvernante, eine diplomierte Pianistin, lernte das junge Mädchen die Musik von Beethoven, Schubert und Schumann kennen. Ihr Wunsch, in Leipzig Komposition zu studieren - nur dort war das als Frau überhaupt möglich - wurde zunächst abgelehnt. Erst als das junge Mädchen in einen Hungerstreik trat und wochenlang schwieg, willigte die Familie schließlich ein. In Leipzig pflegte sie intensive Kontakte mit der Familie Röntgen, mit dem Ehepaar Herzogenberg und sie lernte auch Johannes Brahms, Clara Schumann und Edvard Grieg kennen. Als Komponistin hatte sie zunächst wenig Erfolg. Sowohl Joseph Joachim als auch Johannes Brahms äußerten sich respektlos über ihre Arbeiten. Peter Tschaikowsky hingegen, dem sie 1887 in Leipzig begegnete, ermutigte sie, ihren Weg weiterzugehen und sich vor allem in der Instrumentation weiterzubilden. Auch die Dirigenten Bruno Walter, Artur Nikisch und Thomas Beecham gehörten zu ihren Bewunderern und förderten die Aufführung ihrer Werke entscheidend.
Das Werk von Ethel Smyth berührt alle wichtigen Gattungen: Sie hinterließ sechs Opern, die u.a. an der Staatsoper Berlin, an Covent Garden London und an der Metropolitan Opera in New York aufgeführt wurden, außerdem zahlreiche Chorwerke und sehr viel Kammermusik großer Qualität, außerdem mehrere autobiographische Schriften, die ihren ungewöhnlichen Lebensweg anschaulich nachzeichnen.

Westfalen Classics
Schloss Körtlinghausen
Aufzeichnung vom 25. September 2016

Amy Beach
Thema und Variationen für Flöte und Streichquartett a- Moll op. 80    

Laura Valborg Aulin
Streichquartett F-Dur op. 8         

Stephanie Winker, Flöte
Gernot Süßmuth, Violine
Natalia Sagmeister, Violine
Rumen Cvetkov, Viola
Dagmar Spengler, Violoncello

ca. 21:00 Uhr Pausengespräch mit Triin Ruubel und Gernot Süßmuth

Ethel Smyth
Streichquartett e-Moll          

Triin Ruubel, Violine
Natalia Sagmeister, Violine
Rumen Cvetkov, Viola
Alexander Gebert, Violoncello

Konzert

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur