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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 30.03.2012

Wenn Religion durch den Magen geht

Die erste Koscher-Messe Deutschlands in Berlin

Von Alice Lanzke

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Auch Wein kann koscher produziert werden (picture alliance / dpa / Fredrik von Erichsen)
Auch Wein kann koscher produziert werden (picture alliance / dpa / Fredrik von Erichsen)

Milchige und fleischige Nahrungsmittel, verbotene und erlaubte Tiere: Die jüdischen Speisegesetze erscheinen Außenstehenden oft undurchschaubar. Welche Lebensmittel erlaubt - und damit koscher - sind, konnten die Besucher auf einer Messe in Berlin erfahren.

Warm brutzeln die Hühnchenrouladen auf den heißen Herdplatten, bevor sie ihren Platz auf einem Bett aus Kartoffelsalat finden, gekrönt von einer Haube aus weißem Tomatenschaum. Das klingt nicht nur lecker, es riecht auch so. Kein Wunder also, dass die Besucher des ersten deutschen Koscher-Fests Schlange stehen, um einen Teller zu ergattern.

Geladen hat die Chabad Lubawitsch-Bewegung in ihr Berliner Zentrum, hunderte sind der Einladung der streng orthodoxen Gruppierung gefolgt. Die Veranstaltung, eine Mischung aus Feier und Produktmesse, soll Lust auf koscheres Essen machen. Und mehr noch, wie Chabad-Rabbiner Yehuda Teichtal erklärt:

"Jüdisches Leben in Deutschland wächst enorm. Und jüdisches Leben in Deutschland wächst positiv. Ein Teil davon ist kulinarisch: Essen bringt Menschen zusammen. Viele wissen nicht, was koscher ist. Heute haben sie die Möglichkeit, bei über 25 Ausstellern koscher zu erfahren, zu erleben, mitzumachen. Dadurch wollen wir ein Zeichen setzen. Dass jüdisches Leben hier ist, wächst, sich etabliert. Berlin wird wieder zu einem Zentrum für jüdisches Leben in Europa."

Doch was bedeutet koscher eigentlich? Einfach gesagt sind damit Lebensmittel gemeint, die nach der Kaschrut, also den jüdischen Speisegesetzen, zulässig sind. Dabei kennt die Kaschrut erlaubte und nicht erlaubte Tiere. Sie verbietet den Verzehr von Blut und unterscheidet zwischen fleischigen und milchigen Lebensmitteln, die nicht gleichzeitig verzehrt werden dürfen. Gerade für Außenstehende wirken diese Speisegesetze oft zunächst verwirrend und schwer zu befolgen. Dass dem nicht so ist, solle das Koscher-Fest in Berlin nun zeigen, erklärt Bella Zchwiraschwili, die den Tag organisiert hat:


"Wir wollen den Menschen hier in der Stadt zeigen, dass es einfach ist, koscher zu leben. Und dass koscher zu leben auch Vielfältigkeit bedeutet und nicht dieses typische traditionelle Essen, was viele Menschen mit koscherem Essen assoziieren."

Dieses traditionelle Essen findet sich auf der Messe zwar auch, etwa in Form des berühmten "gefillten Fisch". Daneben gibt es aber unzählige weitere Produkte zu entdecken. So etwa koschere Gummibärchen und andere Süßigkeiten, koscheres Mehl, Brote, Wurst- und Käsewaren, Wein, Bier und Säfte. Die Auswahl ist riesig und überrascht an einigen Stellen: Selbst koscherer Kaviar ist im Angebot.

Doch wer soll das alles kaufen? Schätzungen zufolge wohnen derzeit etwa 25.000 Juden in Berlin - wie viele von ihnen koscher leben, ist nicht bekannt. Die handvoll koschere Geschäfte in der Stadt sind jedenfalls - außer an den hohen Feiertagen - nur selten überlaufen. Einwände, die Rabbiner Teichtal nicht gelten lassen will:

"Je mehr koscher es gibt, desto leichter ist es für mehr Menschen, an koscheres Essen zu kommen. Mehr koscher bringt mehr koscher. Und koscher ist nicht nur für Menschen jüdischen Glaubens, das ist für alle Menschen. Es steht für Qualität, es steht für besondere Kontrolle. Und es bringt Menschen zusammen. Und gerade in der Gesellschaft von heute, wo so viel Wert auf die Qualität des Essens gelegt wird, ist es tatsächlich der passende, richtige und wichtige Moment."

Mit anderen Worten: Der Rabbiner ist überzeugt, dass es eine wachsende Nachfrage nach koscheren Produkten gibt, die wiederum dafür sorgt, dass die Preise fallen. Denn aufgrund der aufwändigeren Herstellungsweise sind koschere Produkte natürlich teurer. Ob sich Teichtals Hoffnung aber erfüllt, bleibt abzuwarten.

Womit er allerdings Recht hat, ist die Tatsache, dass sich immer mehr nicht-jüdische Menschen für koschere Produkte interessieren. So finden sich auch bei dem Koscher-Fest in Berlin viele Nicht-Juden, die aus Neugier gekommen sind:

"Wir haben schon Kuchen gegessen, Falafel, Süßigkeiten, wunderbar, sehr gastfreundlich."

"Ich hatte mir das viel mehr als eine Messe vorgestellt im Verkaufssinne, finde das angenehm, dass das ein bisschen mehr einen familiären Charakter hat und so."

"Bei uns müsste es auch viel mehr koscher geben, da ja die Lebensmittel teilweise sehr infrage gestellt werden, mit der Tierhaltung - was da immer rauskommt, das ist ja furchtbar."


Dass die begeisterten Besucher nun aber in Zukunft tatsächlich vermehrt koscher essen, ist eher zweifelhaft. Dennoch scheint es wirklich einen kleinen Trend zu koscheren Produkten zu geben. So beobachtet etwa Weinimporteur Johannes Zohner-Nassi:

"Wir merken das sehr wohl: Wir merken, dass wir einfach sehr viel Nachfragen inzwischen haben. Wir sind ein Familienbetrieb: Importeure für israelische Weine. Und wir werden immer stärker angefragt, auch von größeren Institutionen wie Supermärkten, Kaufhäusern, die auf einmal Interesse an israelischen Weinen haben - das war vor zehn Jahren noch nicht so."

Ob es tatsächlich einen Boom koscherer Produkte gibt, wird wohl erst die Zukunft zeigen. Das Koscher Fest der Chabad-Bewegung hat jedenfalls einen Einblick in die Welt koscherer Lebensmittel gegeben. Genau um diesen Einblick geht es auch manchen Ausstellern, die mit ihren Produkten ein Zeichen setzen wollen. So wie Uwe Dziuballa, der in Chemnitz das Restaurant "Schalom" betreibt und bei der Messe sein koscheres Bier vorgestellt hat:


"Zum Beispiel wie bei unserem Bier, was ich so ein wenig als Botschafter sehen will. Wenn man feststellt, dass das Bier am Ende genauso schmeckt wie anderes deutsches Bier und dass man nach vier, fünf, je nach Konstitution acht Bier einen gewissen Rausch bekommt, ist man ähnlich - ich sag jetzt mal - berauscht wie von anderem Bier. Und wenn solche Parallelen hergestellt werden, dann ist vielleicht der Jude gar nicht so fremd in der Gesellschaft wie man das oft annimmt. Und das würde ich mir einfach wünschen, dass hier das bewusste Ernähren, die Besonderheit, aber auch diese Facette - vieles ist gar nicht so viel anders wie bei uns - dass das mitgenommen wird. Also ein Stück weit mehr Gelassenheit."

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Links bei dradio.de:

Alles koscher im Restaurant
Die Schechita
Koscher und lecker kochen

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