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Sein und Streit | Beitrag vom 28.01.2018

Weltwirtschaftsforum in DavosWas Heidegger und Cassirer zur Wirtschaftselite gesagt hätten

Ein Kommentar von Wolfram Eilenberger

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Das Logo des Weltwirtschaftsforums in Davos in der Schweiz (dpa / picture alliance / Gian Ehrenzeller)
Jeden Januar trifft sich die sogenannte Weltelite in Davos in der Schweiz. (dpa / picture alliance / Gian Ehrenzeller)

Der Mensch ist, im Schlechten wie im Guten, viel mehr als nur ein "Homo Oeconomicus". Wer dies aber vergisst, verdrängt oder schlicht nicht anerkennen will, sollte über unser aller Zukunft in dieser schon immer zerrissenen Welt besser gleich den Mund halten.

"Eine gemeinsame Zukunft schaffen in einer zerrissenen Welt." An sich ein prima Ansatz. Doch offenbart auch das diesjährige Motto des Weltwirtschaftsforums von Davos die Kernproblematik der Veranstaltung.

Davos, Sie wissen schon: Jeden Januar trifft sich dort die sogenannte Weltelite, um unter dem stets technologieaffinen Banner von Freihandel, Globalisierung und Wachstum die wirklich großen Fragen der Menschheit zu diskutieren. 3000 Menschen insgesamt, und damit neben den im Dutzend eingeflogenen Staatsoberhäuptern und Konzernchefs auch eine Phalanx zahlungskräftiger Wannabe-Influencer, die sich das gewiss gute Gefühl, ganz oben mitzuspielen, gerne an die 30.000 Franken Anmeldungsgebühr pro Kopf kosten lässt.

"Was ist der Mensch?"

Was diese Welt im Kern zusammenhält? Und auf welcher Basis sich eine tragfähige Vision für die Menschheit entwickeln ließe? Gute Fragen. In Davos wurden sie schon einmal mit aller Schärfe und Dringlichkeit erörtert. Und zwar anlässlich der legendären Disputation zwischen Martin Heidegger und Ernst Cassirer im Frühjahr 1929.

Im Vorschatten der Weltwirtschaftskrise nämlich kamen die beiden damals bedeutendsten deutschsprachigen Philosophen in einem Davoser Grand Hotel zu einem Streitgespräch zusammen, in dem es, wie sich ein studentischer Augenzeuge erinnert, "in gewisser Weise um die Zukunft der Philosophie" ging. Die leitende Frage lautete damals schlicht "Was ist der Mensch?". Und die gegebenen Antworten hätten diverser nicht sein können.

Der Mensch als zeichenverwendendes Naturwesen

So entwarf Ernst Cassirer, Jude und noch im selben Jahr zum Rektor der Universität Hamburg gewählt, in Davos die Vision einer Menschheit, die sich von den allzu alltäglichen Überlebensängsten und auch politischen Fundamentalismen durch die Werke der Kultur und Bildung befreien würde. Für ihn ist der Mensch ein "Animal Symbolicum", also ein zeichenverwendendes Naturwesen. Wobei das eigentliche Ziel dieses Zeichengebrauchs – der Sprachen, der Künste, der Mathematik, der Philosophie – für Cassirer darin besteht, den Menschen "frei werden zu lassen von der Angst als bloßer Befindlichkeit". Eine Freiheit also im Zeichen einer sorgsam gepflegten kulturellen Vielfalt.

Angst als Motor wahrer Selbstfindung

Heidegger hingegen, damals frisch gebackener Autor von "Sein und Zeit" und just als Husserls Nachfolger nach Freiburg berufen, erkannte gerade in der Kultivierung der Angst – vor dem Tod, vor dem Nichts, vor dem Untergang des eigenen Volkes – den entscheidenden Motor wahrer Selbstfindung. Worum es im Philosophieren eigentlich gehen müsse, warf er Cassirer deshalb auf offener Bühne entgegen, sei "den faulen Aspekt eines Menschen, der bloß die Werke des Geistes benutzt, zurückzuwerfen in die Härte seines Schicksals". Ihn also zurückzuwerfen in den öffnenden Abgrund seiner fundamentalen Grundlosigkeit. Nur in der existenziell erspürten Angst erfahre sich der Mensch deshalb mit seiner Gemeinschaft vereint. 

Heidegger ging damals übrigens als gefühlter Sieger vom Podium. Und auch politisch sollte eine völkisch gestimmte Form der Angst bald den Sieg davon tragen. Mit bekannten Folgen.

Aus der Davoser Disputation von 1929 wäre also bis heute manches zu lernen. Und mit Bezug auf das alljährliche Weltwirtschaftsforum nicht zuletzt dies: Es gibt ein Sprechen über das Wesen des Menschen, das sich jenseits des Gerüsts von reiner Marktrationalität und globaler Gewinnerwartung findet. Der Mensch ist, im Schlechten wie im Guten, viel mehr und womöglich etwas ganz anderes als nur ein "Homo Oeconomicus". Wer dies aber vergisst, verdrängt oder schlicht nicht anerkennen will, sollte über unser aller Zukunft in dieser schon immer zerrissenen Welt besser gleich den Mund halten. 

Wolfram Eilenberger ist Philosoph, Publizist und zudem Programmleiter bei Nicolai Publishing & Intelligence. Im März 2018 erscheint sein neuestes Buch "Zeit der Zauberer – Das große Jahrzehnt der Philosophie  (1919-1929)" bei Klett-Cotta.

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