Mittwoch, 22.11.2017

Interview / Archiv | Beitrag vom 17.11.2016

Welttag der PhilosophiePhilosophie muss ein Wagnis sein

Andreas Urs Sommer im Gespräch mit Julius Stucke

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Schwarz-Weiß-Aufnahme der Skulptur "Der Denker" aus dem Jahre 1904 des berühmten französischen Bildhauers, Grafikers und Malers Auguste Rodin (12.11.1840 - 17.11.1917). (dpa)
Die Skulptur "Der Denker" von Auguste Rodin (dpa)

Philosophie solle mehr sein als nur kurzweiliger "Lebensratschlag", meint Andreas Urs Sommer. Vielmehr könne sie die Menschen von zu einfachen Antworten abhalten, sagt der Philosoph: "Wir bleiben im Modus des Fragens, und das ist gut so."

Julius Stucke: Heute ist Weltstudententag, das wollten wir zum Thema machen, konnten uns in der Redaktion aber leider nicht einigen, mit welchem Studenten wir darüber sprechen wollen, und außerdem Studium, ist ja schon auch eher kompliziert, und wir waren eher auf der Suche nach was Leichtem. Also, noch mal nachgeschaut und entdeckt: heute ist auch Welttag der Philosophie. Und das ist doch leichte Kost, und es war auch viel leichter, einen Gesprächspartner auszuwählen. Wir haben uns für Andreas Urs Sommer entschieden. Er ist – das wird Sie jetzt überraschen – Philosoph. Schönen guten Tag, Herr Sommer!

Andreas Urs Sommer: Guten Tag, Herr Stucke!

Stucke: Herr Sommer, fangen wir mit einer ganz einfachen Frage an: Was eigentlich ist Philosophie?

Sommer: Das ist in der Tat eine ganz einfache Frage, und vielleicht hätten Sie sich doch für den Welttag der Studenten und nicht der Philosophie entscheiden müssen. Jedenfalls ist die Philosophie als eine Betätigung, die sich der Liebe zur Weisheit widmet, eine, die seit zweieinhalbtausend Jahren eigentlich nicht genau weiß, was sie ist und in diesem Identitätsfragen seit zweieinhalbtausend Jahren befangen ist. Die Philosophie sucht sich selber, weil sie die Weisheit sucht, und die Weisheit, von der sie nicht weiß, ob es sie gibt, und wenn es sie gibt, wie sie aussehen soll. Dann sucht sie alles mögliche sonst, die Wahrheit zum Beispiel oder die Gerechtigkeit, und auch da weiß nicht genau, was sie findet. Sie weiß auch nicht, ob die Liebe, die sie hat zur Weisheit, zur Wahrheit oder zur Gerechtigkeit erwidert wird.

Philosophie trotzt allen ideologischen Vereinnahmungsversuchen

Stucke: Steckt da vielleicht auch das große Problem drin, in dem die Philosophie heute steckt? Die hat mit was – wie Sie das gerade beschreiben – ja doch ziemlich Anstrengendem zu tun, dass man eben über etwas nachdenkt, ohne eine einfache oder überhaupt eine Antwort zu bekommen, und dass man auch noch selber denken muss – in unserer heutigen Welt, wo doch Selberdenken eigentlich überhaupt nicht effizient ist, oder?

Sommer: In der Tat entzieht sich die Philosophie, wenn sie zum Selberdenken auffordert, den Effizienzerfordernissen unseres täglichen Lebens. Sie steht in gewisser Weise quer zu den alltäglichen Erfordernissen und den alltäglichen Obliegenheiten, weil sie diejenigen, die sich ihr verschreiben, zumindest in den Augenblicken, wo sie Philosophie treiben, herausnimmt aus diesen alltäglichen Zusammenhängen. Also die Philosophie ist eine Disziplin, ist die Wissenschaft, ist die Kunst – das weiß man nicht so genau –, sie ist eine Disziplin, die die eigene Anstrengung, die eigene Bemühung um Erkenntnis in den Vordergrund stellt und damit auch allen ideologischen Vereinnahmungen, allen religiösen Vereinnahmungen, allen politischen Vereinnahmungen entgegensteht.

Statue des Platon in Athen  (picture alliance / dpa / Foto: D.P.P.I.)Statue des Platon in Athen (picture alliance / dpa / Foto: D.P.P.I.)

Stucke: Aber jetzt müssen Sie als Philosoph ein bisschen verteidigen: Warum brauchen wir sie denn heute trotzdem, dieses Quere?

Sommer: Wir brauchen sie vielleicht deswegen, weil sie das Eigentliche am Menschen, nämlich selber denken zu können, tatsächlich ins helle Licht stellen sollte, weil die Philosophie diejenige Instanz ist, die den Menschen dazu auffordert, über sich selber und über sein eigenes Leben nachzudenken, nicht bloß das Vorgefertigte, das immer schon Eingespielte, das Routinierte zu wiederholen, sondern neue Wege zu gehen. Die Philosophie ist die permanente Aufforderung, es wieder neu zu versuchen, Experimente im Denken und durchaus auch im Leben anzustellen. Insofern glaube ich, dass für ein Gelingen des Lebens Philosophie etwas sehr Wesentliches sein kann.

Ratgeberphilosophie versus Elfenbeinturm

Stucke: Da aber habe ich den Eindruck, teilt sie sich heute doch so ein bisschen in zwei Lager, oder es gibt diese komplizierte, fordernde, die Sie beschreiben, die vielleicht auch Anerkennung bekommt, aber von weniger Leuten rezipiert, gelesen, gehört wird. Und dann gibt es doch heute ganz viel so, ich sag mal, Ratgeberphilosophie à la: Wie werde ich glücklich, sollte ich einfach mal wieder nichts tun, wie kann ich mein Leben neu denken? Teilen Sie diesen Eindruck, dass es da so zwei Lager gibt, die der Philosophie vielleicht auch nicht guttun?

Sommer: Ich würde nicht von zwei Lagern sprechen, ich würde eher von Abstufungen oder von Schattierungen sprechen. Man kann Philosophie als strenge Wissenschaft treiben, man kann sie aber auch durchaus treiben als eine kurzweilige Form der Lebensberatung. Selbstverständlich werden jetzt die akademischen Kollegen da die Nase rümpfen, genauso wie die nicht-akademischen Kollegen kritisch sein werden gegenüber einer Philosophie, die nur im akademischen Elfenbeinturm sitzt.

Ich glaube, dass die Philosophie sich in ganz unterschiedlicher Weise in der Welt zeigt und zeigen soll. Sie ist eben nicht nur eine universitäre Disziplin, die getrieben wird für Kolleginnen und Kollegen, für Studierende und andere gelehrte Herrschaften, sondern sie ist genauso eine Philosophie, die in der Welt sein muss. Sie ist eine ständige Herausforderung. Sie sollte, wenn sie sich auf das Alltägliche einlässt, eben nicht sich dogmatisch versteifen, also so tun, als könne sie wirklich letzte Antworten geben, weil die Antworten, die muss sich jeder und jede selber geben, und die Philosophie kann sie oder ihn anleiten, diese Prozesse des Selberdenkens in Gang zu setzen und immer wieder in Gang zu setzen.

Das heißt, ich würde mich wehren gegen etwas, was sich Philosophie nennt, aber eigentlich nur Lebensratschlag ist, und würde für eine Philosophie plädieren, die immer wieder dazu anhält, sich über das eigene Leben und das Leben der anderen Gedanken zu machen, Gedanken, mit denen man nicht fertig wird. Und mit der Philosophie wird man auch nicht fertig, insofern passt es, dass Welttag der Philosophie und Welttag der Studenten am selben Tag ist.

Jeder kann seine eigene Form von Philosophieren finden 

Stucke: Das heißt aber auch, es muss ein bisschen kompliziert sein, oder? Man darf es sich nicht zu leicht machen.

Sommer: Man darf es sich nicht zu leicht machen – Sie können sagen, dass Philosophie auch diejenige Instanz ist, die einen vor zu einfachen Antworten abhält, die dafür sorgt, dass wir uns nicht mit dem Naheliegenden und dem gerade vor unseren Füßen Befindlichen zufriedengeben, sondern Philosophie fordert, dass wir immer wieder neu anfangen, dass wir keine definitiven Antworten haben, wir bleiben im Modus des Fragens, und das ist gut so.

Eine Büste des Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) steht vor dem Hauptgebäude der Friedrich Schiller-Universität Jena, aufgenommen am 15.03.2006. (picture-alliance / dpa / Jan-Peter Kasper)Eine Büste des Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) steht vor dem Hauptgebäude der Friedrich Schiller-Universität Jena, aufgenommen am 15.03.2006. (picture-alliance / dpa / Jan-Peter Kasper)

Stucke: Super, Herr Sommer, dann hab ich noch eine ähnlich einfache Frage zum Schluss wie die, mit der wir angefangen haben: Wonach schmeckt Philosophie?

Sommer: Philosophie versucht ja, alle möglichen Sinne anzusprechen. Es gelingt ihr mitunter nicht, mitunter ist sie sehr aufs Intellektuelle beschränkt, sie hat also dann keinen Sinn für verschiedene Geschmäcker. Man könnte natürlich sagen, Philosophie schmecke süß, man könnte auch sagen, sie schmecke bitter. Ich denke, sie sollte auch ein wenig scharf schmecken, sie sollte nicht so leicht gängig sein und vielleicht auch nicht so leicht verdaulich. Also ich würde für eine Vielfalt des Geschmacks plädieren, und das ist auch gut so. Es gibt ganz unterschiedliche Philosophien, die sich ganz unterschiedlich aufstellen in der Welt, die ganz unterschiedliche Menschen ansprechen, und man sollte schauen, dass man seine eigene Form von Philosophieren findet.

Stucke: Sagt Andreas Urs Sommer. Vielen Dank für Ihre Zeit zum Philosophieren hier im Deutschlandradio Kultur!

Sommer: Ich danke Ihnen, Herr Stucke!

Stucke: Der Philosoph Andreas Urs Sommer. Mehr von ihm gibt es frisch in Buchform auch: "Werte. Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt". Ein lesenswertes Buch in Zeiten, in denen es ja gerne und oft um unsere gemeinsamen Werte geht.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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