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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 09.05.2011

Welthaltige Weltflucht

Xavier de Maistre: "Die Reise um mein Zimmer", Aufbau Verlag, Berlin 2011, 172 Seiten

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Die Reise in das eigene Zimmer wagt Xavier de Maistre. (Stock.XCHNG)
Die Reise in das eigene Zimmer wagt Xavier de Maistre. (Stock.XCHNG)

Zu Zeiten von Xavier de Maistre (1763-1852) reiste man zu Fuß oder mit der Kutsche. Man musste für beides viel Zeit mitbringen. Eine Reise auf das eigene Zimmer zu beschränken – und darüber noch ein Buch zu schreiben – das ist allerdings schon für damalige Verhältnisse skurril.

Er selbst kam eher gezwungenermaßen zu dieser Tour. Wegen eines Duells wurde der jüngere Bruder des konservativen Staatsmanns Joseph de Maistre zu 42 Tagen Zimmerarrest verdonnert. Man sollte von seinem Buch kein "Meisterwerk der Phantastik" (Klappentext) und unerhörte Begebenheiten auf engstem Raum erwarten. Einmal stürzt der Reisende mit seiner Kutsche (also dem Stuhl) um – das ist schon der Gipfel an Action.

Ansonsten ist dies vor allem ein Buch federleichter, gewitzter Reflexionen. Nicht ohne Grund ergeht sich de Maistre in metaphysischen Grübeleien über den Leib-Seele-Dualismus, die zunächst etwas befremdlich wirken. Gerade durch die Stillstellung des Körpers erlebt er die Unbeschränktheit der Seele durch Zeit und Raum.

Unterwegs stößt der Reisende auf die Bilder und Stiche an den Wänden. Sie ergeben eine Kultur der Empfindsamkeit, die man in Deutschland eher mit dem Bürgertum verbindet: Ugolino, Schäferinnen, Werthers Lotte. Im Schreibtisch stößt er auf ein "Bergwerk": Briefe der Jugendzeit, die die Fantasie auf Reisen schicken. Das eigentliche Vehikel der Reise ist die Assoziation, wie bei Laurence Sterne, dem wichtigsten literarischen Vorbild de Maistres.

Der Reisende unterhält sich mit Geistesgrößen der Antike, wandert durch Rom, denkt nach über indische Witwenverbrennungen oder über die Unterschiede von Malerei und Musik, beantwortet die Frage, warum Bergbewohner mehr an ihrer Heimat hängen als Flachlandtiroler und gedenkt seiner Ambitionen in Naturwissenschaft und Technik: Er entwickelte eine mechanische Taube, deren Flugversuche leider schmählich scheiterten.

De Maistre ist eine feine, etwas resignierte Seele. Wie liebenswürdig schreibt er über seinen Diener Joanetti, der ihm eines Tages schreckensbleich mitteilt, dass er zu heiraten gedenke. Wie lobt er die Treue seines Hundes Rosine. Auch eine kleine Liebesgeschichte fehlt nicht: Von draußen ist eines Abends anmutiges Singen zu hören. Als der Reisende sich weit aus dem Fenster lehnt, bekommt er einen "bezaubernden Pantoffel" und dann sogar das musikalische Mädchen zu Gesicht. Anlass zu klugen, amüsanten Gedanken über die Leidenschaft und die Frauen – und die angemessene Form einer Gesprächseröffnung.

Die "Reise um mein Zimmer" ist ein Buch gewitzter Lebenskunst: Gerade in der Enge soll sich der Blick weiten; der Beschränkung sollen unverhoffte Freiheiten abgewonnen werden. Das hat auch einen politischen Zusammenhang. Hintergrund des 1794 erschienenen Buches war die Französische Revolution und die Entmachtung des Adels. De Maistres Zimmerhaft, die mit Contenance absolviert wird, lässt sich als Metapher lesen. Zwischendrin überkommen den Reisenden Fantasien von Aufruhr und Gewalt, und wenn der zweite Teil der Reise in einem anderen Zimmer absolviert wird, so deshalb, weil das erste in Schutt und Asche gelegt wurde: "Die Wand, an der das Porträt der Madame de Hautcastel gehangen hatte, war von einer Bombe durchlöchert worden."

Nach über 200 Jahren bezaubert de Maistres welthaltige Weltflucht immer noch durch ihr ebenso geschliffenes wie unangestrengtes Parlando. Es ist eine einzigartige Verbindung von Rokoko und Revolution.

Besprochen von Wolfgang Schneider

Xavier de Maistre: Die Reise um mein Zimmer. Roman.
Aus dem Französischen von Eva Mayer.
Aufbau Verlag, Berlin 2011.
172 Seiten, 16,95 Euro

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