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Radiofeuilleton - Wissenschaft und Technik / Archiv | Beitrag vom 07.06.2014

WeltgesundheitsorganisationKein Kinderspiel

Schwere Geburten sollen dank in Argentinien getesteter Hilfsmittel leichter werden

Von Victoria Eglau

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Eine schwangere Frau hält ihren Bauch. (dpa/Fredrik von Erichsen)
In Frankreich ist die Leihmutterschaft verboten (dpa/Fredrik von Erichsen)

Bei bis zu 30 Prozent aller Geburten kommt es zu Komplikationen. Häufig bewegt sich das Baby im Geburtskanal nicht von der Stelle. Ein argentinischer Kfz-Mechaniker hat ein Hilfsmittel erfunden, dass die Geburten erleichtern könnte.

Wie holt man einen Korken aus einer leeren Flasche, ohne diese zu zerbrechen? Zwei Angestellte einer argentinischen Autowerkstatt hatten den Trick im Internet gesehen und probierten ihn aus – unter den Augen ihres Chefs.

"Zu meinem Erstaunen führten sie eine Plastiktüte in die Flasche ein, bliesen sie auf und schlossen den Korken damit ein. Dann zogen sie ihn mit der Tüte heraus. Dieser Trick hat mich zu meiner Erfindung gebracht! Es war verrückt: ich wachte nachts auf und hatte die Idee, dass mit demselben System Geburten erleichtert werden könnten."

So erinnert sich Jorge Odón, der Besitzer der Autowerkstatt in einem Vorort von Buenos Aires. Gut sieben Jahre später testet heute die Weltgesundheitsorganisation mit Erfolg die Erfindung des 59-Jährigen: das sogenannte Odón Device. Bei dreißig Geburten in Argentinien kam das Instrument bereits zum Einsatz. Das Odón Device ist, vereinfacht ausgedrückt, ein Schlauch aus dem elastischen Kunststoff Polyethylen, mit dem der Kopf des Babys umschlossen wird, wenn dieses im Geburtskanal feststeckt. Mit dem Schlauch kann das Baby herausgezogen werden. Der Gynäkologe Hugo Krupitzki ist einer der zwei Forscher, die das Verfahren in Buenos Aires im Rahmen der WHO-Studie anwenden.

Schnelles Handeln ist nötig

"Als uns Jorge Odón seine Idee vorstellte, waren wir erst einmal überrascht. Aber seine Erfindung hat uns gefesselt, sie deckt auf originelle Weise einen Bedarf!"

Bei zehn bis 30 Prozent der Geburten kommt es zu Komplikationen, die ärztliches Eingreifen erfordern. Am häufigsten ist, dass sich das Baby im Geburtskanal – trotz des Pressens der Mutter – nicht von der Stelle bewegt. Besonders wenn die Gesundheit des Kindes gefährdet ist, kann schnelles Handeln nötig sein. Immer öfter entschließen sich Ärzte dann zum Kaiserschnitt. Um die Geburt auf natürliche Weise zu beenden, existierten bisher zwei Hilfsmittel: die Zange, Fachbegriff Forzeps, und die Saugglocke. Gynäkolge Hugo Krupitzki:

"Gerade in unterentwickelten Gegenden fehlt es an erfahrenen Ärzten, die Geburtszange oder Saugglocke handhaben können. Die Bedeutung des Odón Device liegt darin, dass seine Anwendung so einfach ist, und schnell gelernt werden kann. Auch scheint das Verletzungsrisiko für das Baby viel geringer als bei den anderen Instrumenten."

Der Schlauch ist ein Einwegprodukt

Ein weiterer Vorteil: das Odón Device wird voraussichtlich preiswert herzustellen sein. Der Polyethylen-Schlauch ist ein Einwegprodukt. Um seine Erfindung zu perfektionieren, pendelte Jorge Odón in den vergangenen Jahren zwischen seiner Autowerkstatt und dem Kreißsaal hin und her. Von den dreißig Geburten, bei denen das Verfahren getestet wurde, verpasste er nur eine einzige. Um den Schlauch in den Geburtskanal einzuführen, entwickelte Odón einen Schieber mit mehreren beweglichen Spachteln. Der Schlauch über seinem Kopf gefährdet das Baby nicht, da es im Mutterleib noch nicht atmet. Mit einer integrierten Pumpe wird er leicht aufgeblasen – eine Luftkammer entsteht. Durch Ziehen am Schlauchende kann das Baby dann herausgeholt werden – so, wie der Korken mit der Tüte aus dem Innern der Flasche.

Die erste Phase ihrer Studie will die WHO in diesem Jahr abschließen. Noch hundert Mal soll das Odón Device getestet werden – ausschließlich bei unkomplizierten Geburten. In Phase zwei wird das Hilfsmittel dann bei Frauen verwendet, deren Geburt tatsächlich ins Stocken geraten ist. Die Tests sollen in Argentinien und in ländlichen Gegenden Südafrikas stattfinden. Forscher Hugo Krupitzki:

"In vielen afrikanischen Ländern kann die Verlegung einer Gebärenden in eine gut ausgestattete Klinik Tage dauern. Oft hat das den Tod des Babys oder der Mutter zur Folge. Oder diese trägt durch eine langwierige Geburt bleibende Gesundheitschäden davon."

Herausfinden will die WHO auch, ob das Odón Device die Übertragung von Infektionskrankheiten bei Geburten verhindern kann. Die Hypothese: durch den Schlauch über seinem Kopf wäre das Baby geschützt vor einer Ansteckung im Geburtskanal. Bei HIV-Patientinnen ist der Einsatz von Geburtszange oder Saugglocke nicht angeraten – für sie könnte das Odón Device möglicherweise eine sichere Alternative sein.

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