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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 22.11.2016

Was tun gegen verbale Totschläger?Pöbelprämie für Hassredner!

Von Daniel Hornuff

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Computertaste mit der Aufschrift Hass und Paragraphen-Zeichen. (imago / Christian Ohde)
In sozialen Medien und Kommentarspalten: Überall ist der Hass inzwischen präsent. (imago / Christian Ohde)

Wer öffentlich für eine offene Gesellschaft eintritt, wird schnell mit derben Verunglimpfungen überzogen. Kann man den verbalen Draufschlägern auch konstruktiv begegnen? Der Kunstwissenschaftler Daniel Hornuff meint ja - und macht ein paar Vorschläge.

Auch das Hetzen will gelernt sein. Gerade heute. Denn offenbar entdecken derzeit besonders viele ihren Willen zur Hetze. Doch nur wenigen gelingt diese wirklich. Auf dem Weg zur Hetze bleiben die meisten irgendwo zwischen Pöbeln und Beschimpfen stecken. Ihnen mangelt es an ideologischer Entschlossenheit und kommunikativer Raffinesse, um die eigene Empörung in breite Hassstimmungen zu verwandeln. Die Folge ist eine Inflation des Mäkelns und Nörgelns, des Herabwürdigens und Ehrverletzens, des Verleumdens und Diskreditierens, des Schmähens und Verunglimpfens. Das Internet bietet dieser Polyphonie aus Blöken und Bellen geeignete Schallräume.

Erfolgreiches Hetzen ist nicht leicht

Das ist, bei Lichte besehen, eine ziemlich gute Nachricht. Soziale Medien, Diskussionsforen, Kommentarspalten und E-Mail-Nachrichten dienen oft genug als kommunikative Überdruckventile. Durch sie können jene Erregungsüberschüsse entweichen, die manch einen zum innerlichen Kochen bringen. So werden zwar andauernd vor allem rassistische Ressentiments öffentlich sichtbar; doch bedeutet dieses Sichtbarmachen zugleich eine Entladung extremistischer Triebimpulse. Wer seinem Groll verbal so richtig Luft macht, wird im Nachgang an sich selbst eine ideologische Erschlaffung feststellen müssen.

Darin liegt die Dialektik des Pöbelns: Indem es Entlastung schafft, zeitigt es einen zivilisierenden Effekt. Schreihälse arbeiten unbewusst an ihrer eigenen Abkehr von der Hetze. Nichts steht dem Hetzen mehr im Weg, als der eigenen Aufwallung freien Lauf zu lassen. Erfolgreiches Hetzen erfordert einen bürokratischen Geist. Hetzen setzt voraus, ein übergeordnetes Ziel strategisch und kühlen Kopfes verfolgen zu wollen.

Der aufgebrachte Pöbler als tragikomische Figur

Das macht das Hetzen zum Fulltimejob. Hetzen ist das pedantische Organisieren von Hass. Dazu müssen Zielpersonen ausgemacht, Mitstreiter gefunden, Sprachcodes entwickelt, Kampagnen initiiert, im Gesamten also eine weltanschauliche Treibjagd formiert werden. Überdies ist das verfassungsfeindliche Ansinnen penibel im Unklaren zu lassen. Hetzer zieht es an die Grenze zum Tatbestand der Volksverhetzung. Dort angekommen, beginnt die Ochsentour der Dämonisierung: durch möglichst krude Begriffspolitik diese Grenze verunklaren.

Dies alles zeigt: Sowohl das Pöbeln als auch das Hetzen sind, für sich genommen, komplett wirkungslos. Der aufgebrachte Pöbler ist eine ebenso tragikomische Figur wie der Typus des einsamen Hetzers. Wer von ihnen ins Visier genommen wird, erhält Mitteilungen, die entweder für Belustigung oder aber Mitleid sorgen. Ein für Gesellschaften toxisches Gemisch entsteht erst, wenn sich Pöbeln und Hetzen zusammenbrauen. Tritt das Pöbeln in den Dienst einer planenden Hetze, entsteht eine radikalisierende Sogwirkung. Dann nämlich wird die Diffamierung organisiert und mit Energien zur Selbstbeschleunigung ausgestattet.

Pöbelprämie für die schrillste Hassrede des Jahres

Das Verhältnis zwischen Pöbeln und Hetzen ist vergleichbar mit der Beziehung zwischen Ego-Shooter-Games und ihrer sozialen Einbettung. Das brutalste Ballerspiel ist harmlos, solange es als zweckfreies Spiel Anwendung findet. Hierbei kann es, ähnlich dem Pöbeln, Entlastung schaffen und Ausgeglichenheit stiften. Wird das Spiel jedoch militärisch eingebunden, lässt es sich zur Absenkung von Tötungshemmungen einsetzen.

Entscheidend ist also einzig die Frage, ob es Gemeinschaften gelingt, das Pöbeln vor dem Zugriff der Hetze zu bewahren. Denn solange keine strafbaren Handlungen begangen werden, ist selbst das derbste Beschimpfen nicht zu verhindern. Umso mehr aber gilt es, die Dialektik des Pöbelns in den Dienst offener Gesellschaften zu stellen. Dringender denn je benötigen wir das Instrument der Hyper-Affirmation. Ich schlage daher eine öffentliche Pöbelprämie für die schrillste Hassrede des Jahres vor. Die Verleihung dieses Preises wäre eine emphatische Investition in die Widerstandskraft pluralistischer Gesellschaften.

Ein Porträt von Daniel Hornuff. (privat)Daniel Hornuff (privat)Daniel Hornuff, geboren 1981, vertritt derzeit eine Professur für Kunstwissenschaft an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Nach dem Studium der Theaterwissenschaft, Germanistik, Komparatistik, Kunstwissenschaft und Philosophie promovierte er 2009 und habilitierte er sich 2013. Er hatte zahlreiche Lehraufträge inne und legte etliche Publikationen zu Themen der Kunst- und Bildwissenschaft sowie zur  Kulturgeschichte vor.

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