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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 14.01.2013

Was kommt nach Pussy Riot?

Die Situation der Künstler in Russland

Von Ute Zauft

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Die Musikerinnen der russischen Punk-Band Pussy Riot Jekaterina Samuzewitsch, Nadeschda Tolokonnikova und Maria Aljochina (l-r) kurz vor dem Prozessauftakt in Moskau. (picture alliance / dpa / Valery Sharifulin)
Die Musikerinnen der russischen Punk-Band Pussy Riot Jekaterina Samuzewitsch, Nadeschda Tolokonnikova und Maria Aljochina (l-r) kurz vor dem Prozessauftakt in Moskau. (picture alliance / dpa / Valery Sharifulin)

Kulturkampf in Russland: Seit der Verurteilung der Punk-Musikerinnen von Pussy Riot wegen "Rowdytums", kocht es in der Moskauer Szene. Die Situation der Künstler im heutigen Russland - nach der Wiederwahl von Präsident Putin - ist ähnlich der in der früheren Sowjetunion.

Nischni Nowgorod im Winter. Die Millionenstadt 400 Kilometer östlich von Moskau hat Geschichte: Im Stadtzentrum stehen noch die roten Mauern des Kreml - einst Festung im Kampf gegen die Tataren. Auf der anderen Seite des Flusses Oka strecken sich Kräne und Schlote in den Himmel: Zu Sowjetzeiten wuchs die Stadt zu einer Industrie-Metropole heran und das Automobilwerk GAZ ist auch heute noch einer der größten Arbeitgeber der Stadt.

Vor der Tür sorgt eine puderige Schneeschicht für gedämpfte Geräusche. Doch im Zentrum für zeitgenössische Kunst "Arsenal" laufen gerade die Vorbereitungen für eine neue Ausstellung. Die Direktorin des Kunsthalle, Anna Gor, läuft durch eine Halle mit nackten Backsteinwänden, Arbeiter sägen riesige Spanplatten zurecht: Hier sollen bald zeitgenössische Künstler Walter Benjamins "Moskauer Tagebuch" präsentieren. Er schrieb es, als er in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts das postrevolutionäre Russland besuchte.

"Ende 1926, Anfang 1927 - das war eine Periode, als in Russland gerade noch politische Diskussionen möglich waren. Doch sie begannen, Stück für Stück zu verebben und wurden immer gefährlicher. Eines unserer Exponate stammt aus einem Theaterverzeichnis von 1926/27. Dort fand sich auf der Reklame für ein Restaurant eine Notiz: Kommen Sie in unser Restaurant neben dem Theater so und so... Und darüber mit Buntstift geschrieben: Aber wo werden Sie dann landen? Bei der Geheimpolizei?"

Die Notiz ist eine Anspielung darauf, erklärt Anna Gor, dass zu diesem Zeitpunkt bereits ein Restaurantbesuch den Verdacht schüren konnte, zum Klassenfeind zu gehören. Es herrschte eine Atmosphäre der Angst, und darin sieht sie durchaus Parallelen zu heute.

Anna Gor blickt durch die Halle, mit beiden Armen zeigt sie, wo das Moskau der 20er-Jahre entsteht: Aus den Spanplatten fügen sich die Kulissen der Stadt, um die Besucher durch die Welt Walter Benjamins wandeln zu lassen, dazwischen werden seine Aufzeichnungen hängen. Der Philosoph und Literaturkritiker war damals aus Neugier auf den Kommunismus nach Moskau gereist. Trotz seiner Sympathie für die linke Idee beobachtete er die Veränderungen im Land kritisch und hielt sie in seinem Tagebuch fest.

"Und dort finden sich diese Verbindungen zu heute: Das Gefühl von Gefahr, ein wachsendes Gefühl von Angst und gleichzeitig das Vorhandensein von innerer Freiheit. Auch damals fanden viele Diskussionen über Kunst statt. Das alles erinnert ein wenig an die heutige Zeit."

Die Kunst-Expertin hält inne und fügt dann hinzu:

"Manche sehen diese Analogie, andere nicht - wir erzwingen sie nicht. Wir provozieren niemanden, und wir rufen niemanden zu irgendetwas auf. Wir rufen nur dazu auf, die eigene Geschichte zu kennen und über sie nachzudenken."

Anna Gor lächelt, sie wählt ihre Worte mit Bedacht. Auch in ihrer Ausstellung können nur die aufmerksamen Besucher zwischen den Zeilen die Kritik an der politischen Situation im heutigen Russland lesen. Anna Gor ist um die 60, doch ihre kreisrunde Frisur mit dem dicken Pony verleiht ihr einen Hauch jugendlicher Exzentrik. 17 Jahre lang hatte sie in einem staatlichen Museum gearbeitet, bis sie kurz nach dem Ende der Sowjetunion ihren Job aufgab und mit einer Freundin einen Verein für zeitgenössische Kunst gründete.

Es war eine harte Zeit, denn 70 Sowjetjahre lang hatte diese Kunst in den staatlichen Museen keine Rolle gespielt. Doch Ende der 90er-Jahre wurde ihre Initiative Teil des russlandweiten Zentrums für zeitgenössische Kunst, inzwischen finanziert der Staat den Unterhalt und die Renovierung der Ausstellungsräume. Dennoch fühle sie sich frei, betont Anna Gor, das zu zeigen, was sie wolle.

Das Video der Kunst-Aktivistinnen von Pussy Riot gehört allerdings nicht dazu. Zwei der jungen Frauen sitzen seit dem Herbst ihre zweijährige Haft in russischen Straflagern ab. Das Urteil: Rowdytum aus religiösem Hass, denn im Februar 2012 hatten die jungen Frauen vor dem Altar der Christi-Erlöser-Kathedrale in Moskau ihr wildes Punk-Gebet aufgeführt - gegen Präsident Putin und gegen die Allianz von Staat und orthodoxer Kirche. Kunst dürfe nicht allein aus Provokation bestehen, erklärt Ana Gor ihre Ablehnung.

Die U-Bahnstation Baumannskaja in Moskau. Die Untergrundzüge fahren im Minutentakt ein, spucken Scharen von Berufspendlern aus, die zu den Rolltreppen nach oben hetzen. An der Wand: ein überlebensgroßes Lenin-Mosaik. Arseni Schiljajew kennt es gut: Er hat ganz in der Nähe sein Atelier - und er bewundert Lenin als Kämpfer für die marxistische Idee. Der junge Mann mit dem rötlichen Vollbart und der dicken Winterjacke ist Mitglied des linken Bündnisses "Russische Sozialistische Bewegung", und er ist Künstler. Neben seinem Atelier betreibt er mit Gleichgesinnten einen nicht- kommerziellen Ausstellungsraum.

"Mit Freunden organisiere ich Ausstellungen von Künstlern, die über soziale und politische Bewegungen arbeiten, sie machen politische Kunst. Das Atelier und der Ausstellungsraum befinden sich in der früherer Papierfabrik 'Oktober'. Heute ist sie ein Ausstellungszentrum für alternative Kunst und damit einer der wenigen nicht-kommerziellen Orte in Moskau. Das heißt, dort gibt es keinen Kurator und keinen Direktor, der alles kontrolliert. Es ist ein freier - wenn auch kleiner - Ort, an dem es möglich ist, über wichtige Dinge öffentlich zu reden."

Fabrika - so heißt schlicht das Areal auf dem er und seine Kollegen sich eingerichtet haben: Von den Wänden zum Innenhof bröckelt der Putz und gibt den Blick auf die darunter liegenden Mauersteine frei. Eine Metalltür fällt hinter einem Arbeiter schwer ins Schloss. Von der Papierfabrik ist nur noch eine Halle in Betrieb, und die wenigen Arbeiter, die noch übrig sind, schaffen die Reste der Anlagen beiseite oder kümmern sich um das Gelände.

In seinem Atelier macht Arseni sich einen Kaffee: schwarz, aber mit viel Zucker. Der 28-Jährige ist schmal und wirkt etwas gehetzt, das vergangene Jahr war anstrengend. Seit den Parlamentswahlen im Dezember 2011 und den Präsidentenwahlen im März 2012 ist er immer wieder auf die Straße gegangen: Für Neuwahlen, gegen Putin und für mehr soziale Gerechtigkeit. Im Frühling war er bei einem Protest-Camp in einem Moskauer Park dabei.

"Nach nur wenigen Tagen wuchs an der Statue des Dichters Abai das Lager 'Occupy Abai'. Und hier wurde erstmals während der Proteste auch die Stimme des Volkes auf der Straße laut. Bereits beim ersten Treffen haben wir ein offenes Mikrofon organisiert, damit sich auch die Protestierenden, die nicht auf der Bühne standen, Gehör verschaffen konnten. Außerdem haben wir eine Art Atelier gegründet, in dem die Protestierenden Plakate malen konnten."

Die Proteste nach den Wahlen wurden zu den größten in Russlands jüngster Vergangenheit. Viele schlossen sich an, Künstler wie Arseni und seine Kollegen, aber auch Prominente wie der Schriftsteller Boris Akunin und der Ex-Minister Alexej Kudrin. Eine der größten Demonstrationen fand am 6. Mai, einen Tag vor Putins Amtseinführung statt: In Moskau gingen etwa 70.000 Menschen auf die Straße. Arseni streckt erschöpft seine Beine aus und zupft nachdenklich an seinem Bart.

"Die Furcht, unter der die Menschen seitdem leben, ist die Tatsache, dass alle, die auf die eine oder andere Art an den Protesten am 6. Mai beteiligt waren, nun in Gefahr sind, dafür belangt zu werden. Ob es Beweise gibt oder nicht, ist egal. Sie kommen nachts, machen eine Wohnungsdurchsuchung und nehmen dich mit, was dann folgt sind Schauprozesse. Davor haben alle Angst."

Tatsächlich wurde im Laufe des Sommers gegen mehr als ein Dutzend Teilnehmer der Demonstrationen ein Verfahren eingeleitet. Der Vorwurf: Teilnahme an Massenunruhen. Gegen prominente Figuren der Proteste laufen gleichzeitig Ermittlungen wegen der Anstiftung von Massenunruhen. Anfang Juni unterschrieb Präsident Putin schließlich eine Verschärfung des Versammlungsrechtes, die bei Missachtung hohe Geldstrafen vorsieht. Im Laufe des Herbstes ebbten die Massenproteste ab, und inzwischen widmet sich Arseni wieder mehr seiner Kunst.

"Der Staat hat keine Angst vor Kunst. Der Staat fürchtet sich vor dem Fernsehen, dem Internet und dem Kino. Und die Repressionen, die in Russland begonnen haben, richten sich nicht gegen Künstler - beziehungsweise nur dann, wenn sie über die Medien ein großes Publikum erreichen. Deswegen fürchten wir uns vor politischen Repressionen weniger als Künstler, sondern als Aktivisten."

Die Hindernisse für seine Kunst seien subtiler, fügt Arseni hinzu. Die Stimmung in der Moskauer Kunstszene ist derzeit angespannt, und kann ganz plötzlich eskalieren. Im September präsentierte die junge Künstlerin Ewgenija Maltsewa ihre neuesten Arbeiten. Sie hatte die Abzüge russisch-orthodoxer Heiligenbilder mit den Strumpfmasken der Aktivistinnen von Pussy Riot übermalt. Die Ikonen sind fast vollständig schwarz, nur Teile der Heiligenscheine schimmern noch golden. Bei der Ausstellungseröffnung protestierten empörte Aktivisten der orthodoxen Kirche, es kam zu Ausschreitungen, die Polizei schritt ein und blockierte für Stunden das Gelände. Der Künstler Arseni erklärt die Verhältnisse so: Kritische Gegenwartskunst wird immer mehr zum Feindbild, und zwar für die Konservativen an der Macht und für religiöse Traditionalisten. Diese Koalition sei gefährlich.

"Im Prinzip verändert sich die Situation gerade Schritt für Schritt. Natürlich kann man eine Ausstellung mit politischen Inhalten organisieren. Aber die Mehrheit der Ausstellungsorte wird ablehnen, sei es aus einem Akt der Selbstzensur oder aus Angst, dass jemand sie angreifen könnte."

Das Moskauer Revolutionsmuseum strahlt noch immer den Ruhm der Helden der Sowjetunion aus. Zu sehen sind Gewehre aus der Zeit der Oktoberrevolution, ein Telefon in Form von Hammer und Sichel und die leuchten roten Fahnen der alljährlichen Aufmärsche zum 1. Mai. Alexander Schaburow wirkt hier etwas deplaziert: In Turnschuhen, braunem Cord-Sakko und mit kurz geschorenen Haaren beugt er sich über seinen Laptop, um vor einer kleinen Gruppe internationaler Besucher eine DVD zum Laufen zu bringen.

Zu Chatschaturjans Säbeltanz erscheint auf dem Bildschirm eine Collage: Wladimir Putin räkelt sich neben George W. Bush und Osama Bin Laden in Unterhosen auf dem Diwan. Alexander Schaburow präsentiert seine eigenen Werke, er ist Mitglied des Künstler-Duos "Blue Noses".

"Wir haben viele Werke, die Skandale provoziert haben, zum Beispiel die küssenden Polizisten. Und sobald wir im Ausland mit unseren Werken auftreten, werden wir von allen gefragt, wie wir es geschafft haben, Putins Zensur zu umgehen."

Schaburow ist hier, um eine Gruppe ausländischer Journalisten über die Situation zeitgenössischer Kunst in Russland aufzuklären. Er ist skandalerfahren, denn sein Foto mit den sich küssenden Männern in Uniform, wurde tatsächlich 2007 vom russischen Zoll beschlagnahmt, als es auf dem Weg zu einer Ausstellung in Paris war. Doch der Künstler selbst sieht darin keine von Putin angeordnete Zensur, sondern eher den gekränkten Stolz einiger Zollbeamter. Staatliche Zensur gebe es im heutigen Russland nicht, sagt Schaburow.

"Das Problem besteht nicht in der Zensur, sondern darin, dass das vorherige Land samt System zusammengebrochen ist. Und heute kämpfen im Land nun alle verschiedenen Bevölkerungsgruppen darum, welche Ideologie gelten soll - und zwar mit Gewalt."

Schaburow und sein Künstlerkollege sind quasi die Clowns unter den russischen Gegenwartskünstlern. Sie inszenieren sich selbst in Videosequenzen mit viel Wodka und Waffen oder lassen fiktive Schönheitswettbewerbe in Orgien ausarten - es sind zynische Parodien auf die Realität in ihrer Heimat, mit denen sie durchaus provozieren, aber nicht unbedingt politisch sein wollen. Am Ende seiner Präsentation tritt ein aufgebrachter Museumsbesucher an Schaburow heran. Der ältere Herr wirft ihm erbost vor, in einem ehrwürdigen Museum unangemessene Dinge zu zeigen. Schaburow dreht sich noch einmal zu den Journalisten um: "Seht her, genau das habe ich gemeint", sagt er, und geht dann einfach weiter.

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